K1 Antonio – der (heimliche) Sodomit

Ich referiere Frank Günther (vgl. seinen Kommentar zum Kaufmann von Venedig, S. 210f):

Antonios Verhältnis zu Bassanio ist das einer tiefen, unbedingten Freundschaft. Keine homosexuelle Affäre, sondern entsprechend der Antike und bis in die frühe Neuzeit hin als ideale Beziehung angesehenen Beziehung zwischen männlichen Freunden, die selbstlos, beständig, unbedingt ist – dauerhafter als etwa die Liebe zu einer Frau.


Sie kann damit durchaus in Konkurrenz treten zur Liebe zu einer Frau. Wie es in Shakespeares Stück geschieht. Antonio muss seinen geliebten Freund hergeben – Portia wird Rivalin. Aber als ebenso unbedingt wie selbstlos Liebender liefert er Bassanio auch noch die Mittel zur Werbung. Er will dem Glück seines Geliebten nicht im Wege stehen.

Nun, das ist eine mögliche Interpretation des Verhältnisses der beiden.

Die andere ist genauso möglich: Es kann sich auch um ein homosexuelles, um ein „sodomitisches“ Verhältnis handeln.

Warum gesteht Günther das nicht zu? Woher WEISS er, dass das Verhältnis Antonio-Bassanio platonisch ist?

Immerhin tut Antonio, was er kann, um sich nicht auszusprechen. Kein innerer Monolog verrät uns seine wahren Gedanken und Gefühle. Antonio verbirgt sich vor uns – wohl mit guten Gründen. Es ist – vielleicht – eben doch die verbotene Form der Liebe. Die, über die man nicht offen sprechen darf. Sodomie.

Vielleicht. Also, ich frage Sie, Herr Günther, woher nehmen Sie das Wissen, es handle sich nicht um homosexuelle Liebe?

Immerhin dürfen wir annehmen, dass auch im elisabethanischen England wohl 5% der Männer homosexuell waren. Und viele mehr bi.

Was also bringt Sie zu Ihrer einseitigen Stellungnahme? Vorurteile? Möchten Sie Shakespeare schützen? Spielen Sie darum Antonios „Versteckspiel“ mit?

Läge es nicht nahe, die Sache offen zu lassen? Dem Leser beide Möglichkeiten aufzuzeigen?

Wir betreiben hier kein Familiengespräch und keinen Stammtisch. Es geht um Wissenschaft, auch in Intepretationsangelegenheiten.

Also wahren wir bitte umsichtig das Wissen um die Grenzen unseres Wissens. Sprechen wir von Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, Vermutungen, wenn wir etwas nicht mit Sicherheit feststellen können.

Wir können uns dann sachlich neugierig fragen, welche der beiden möglichen Interpretationen eher wahrscheinlich sein könnte.


Anmerkung:

Siehe dazu meine Überlegungen im Sonette-Kapitel. Antonio scheint das Ich der Sonette an den fair youth zu sein, der schöne Angebetete ist das Vorbild für Bassanio.


Fortsetzung: K2 Blei und Wagnis

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