Testament: Die Sprache

Ein Testament gehört zu einer anderen Textsorte als etwa ein Sonett oder ein Theaterstück. Wir erwarten also keine poetische Sprache.

Dennoch würde sich die Qualität des sprachmächtigsten Autors, der je Englisch geschrieben hat, auch in einem Sachtext, auch in einem juristischen Text, auch in einem (drei Seiten langen) Testament zeigen.

Nicht, dass ein Shakespeare seine Briefe oder sonstigen Prosatexte des Alltags genial formulieren muss. Aber in Wortwahl und Stil bleibt er über dem Durchschnitt – verfällt er nicht in eine so mittelmäßige und seelenlose Sprache, wie wir sie im Testament hören.

… nie hat jemand mehr mit Worten gemacht. Es heißt oft, Shakespeares Einzigartigkeit bestgehe in seiner Begabung, die Regungen der menschlichen Seele auszuleuchten … Was sein Werk aber eigentlich kennzeichnet – alles, bis ins letzte i-Tüpfelchen, in Gedichten und Stücken und selbst in Widmungen, sein Leben lang! -, ist ein unvergleichliches, offenkundiges Gespür für die faszinierende Macht der Sprache.

Schreibt Bryson zum Beispiel (auf S. 114). Und fragt sich nicht, wie das zur Sprache des Testaments passt …

Shakspere hat den Text des Testaments einem Anwalt diktiert. Die Sprache (wie der Inhalt) passt zu dem, was wir sonst über den Mann aus Stratford wissen.

Hier spricht ein tüchtiger Geschäftsmann, keiner, der über Shakespeares Englisch verfügt.

Was ließe sich dagegen einwenden?

  1. Kann es nicht doch sein, dass in einem rein prosaischen Sachtext NICHTS mehr die Sprachmächtigkeit des Dichters verrät?
  2. Gibt es eine Krankheit, die einerseits einen solchen Sprachabsturz verursacht, andererseits aber genug Fitness übrig lässt, um zu einigermaßen genauen und zumeist sachlich passenden Aussagen zu kommen? – Könnte das Syphilis sein (ein Vorschlag einiger Biographen)?
  3. Könnte es sein, dass Shakspere bereits so krank war, dass er nicht einmal mehr diktieren konnte; dass also der Text von einem Anwalt aufgesetzt wurde und der Sterbende nur noch absatzweise zustimmend oder ablehnend genickt hat? Vielleicht noch gelegentlich ein Wort mühsam über die Lippen gebracht hat?

In allen drei Fällen würde ich sagen: Denkbar ist das. Punkt 1 wäre äußerst ungewöhnlich, ist darum allzu unwahrscheinlich, um ernst genommen zu werden; Punkt 2 sollten Experten nachprüfen – ich sehe im Moment keinen Grund, die Möglichkeit anzunehmen; Punkt 3 widerspräche der Eingangformel – dass der Autor des Testaments voll über seine Geisteskräfte verfüge, und würde das Testament anfechtbar machen.

Man könnte systematisch Sachtexte, geschrieben oder diktiert von literarisch gebildeten alten Männern unterschiedlicher Profession (vorwiegend aus dem 16. und 17. Jahrhundert) vergleichen. Lässt sich die lebenslang ausgeübte Profession sprachlich erkennen?

Zum dritten Punkt: Man könnte die hunderttausende von Testamenten aus der Shakespeare-Zeit daraufhin untersuchen, ob der Fall eines nur noch nickenden Zustimmens das Testament gültig gemacht hat. Hätte nicht Judith Shakspere, als vom Testament Benachteiligte, oder Ehefrau Anne – als vom Erbe fast gänzlich Ausgeschlossene – eine Anfechtung versuchen können?

Der Mann hat das Testament tatsächlich diktiert – wir hören unverstellt, wie er spricht. Nicht wie der Autor der Werke. Nicht wie der Rechts-Profi, der er auch war.

Jedem, der meint, es gebe keinerlei Zweifel an der Autorschaft des Mannes aus Stratford, möchte ich als Strafe aufbrummen: Lesen Sie laut dreimal hintereinander das ganze Testament und rufen sie nach jeder Lektüre: DAS ist die Sprache unseres Shakespeare!


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