Thema Strategie & Taktik der Stratfordianer

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Das Verfahren der Shakespeare-Biographen:

(1) Es gilt von vorne herein: Shakespeare war und ist Shakespeare. Es gibt keine rationale Autorschaftsdebatte. Wer zweifelt, ist ein Depp.

(2) WENN der Mann aus Stratford unzweifelhaft der Autor war, DANN ergeben sich logisch zwingend und unvermeidlich einige Annahmen. – Zum Beispiel die Annahme, dass er in die Stratforder grammar school gegangen ist und dort prima Latein gelernt und Ovid & Co kennengelernt hat. – Zum Beispiel, dass er irgendwo irgendwie ein solides Rechtswissen aufgeschnappt haben muss. – Zum Beispiel, dass er irgendwie krank und mental beeinträchtigt gewesen sein muss, als er das Testament diktiert hat. – Und dass er in den letzten Jahren eine dauerhaft verkrampfte Hand gehabt haben muss, weil die Unterschriften so arg aussehen. – Und dass nun mal, Pech ist Pech, kein Brief und kein Manuskript und nichts auf die Autorschaft Verweisendes vor 1616 erhalten geblieben ist. (Das ist nur eine bescheidene Auswahl aus der beeindruckenden Beispielserie.)

Es ist dann egal, ob wir irgend einen dokumentarischen Beleg für irgendetwas finden – es MUSS einfach so sein, denn sonst hätte der Mann das Werk ja wohl nicht schreiben können, gell?

(3) Wie operiert man in dieser Situation? – So:

Ein gewisser Richard Field, der Drucker der beiden Versepen 1593/94, mit denen der Name Shakespeare erstmals als Autorenname in die Welt gesetzt wird, stammt aus Stratford-upon-Avon und ist etwa Williams Jahrgang. Was für eine Gelegenheit! Machen wir einfach mal Shakespeares Freund aus ihm! – Es gibt zwar keinerlei Anhaltspunkte dafür, aber was soll’s! Unser Shakespeare braucht Freunde, also muss Field herhalten.

Dabei spricht einiges dagegen, dass er ein Freund unseres Mannes aus Stratford war: Erstens bekommt Field nichts weiteres mehr zum Drucken von Shakespeare; zweitents gehört Field zu denen, die gegen das Etablieren der Lord Chamberlain’s Men (Shakespeares Truppe!) im Blackfriars Theatre protestieren; drittens lebt Field 1616 noch, im Testament von Shakespeare kommt er aber nicht vor. (Auch sonst gibt es keine Bezüge zwischen Will und Bobby mehr.)

Das alles erwähnen unsere Shakespeare-Biographen nicht, und so hindert es sie nicht, Richard Field zum Freund zu adeln und dem Barden außerdem noch die Bibliothek des Druckers (hatte er eine?) für seine Recherchen zur Verfügung zu stellen. Meistens wird diese wunderbare Freundschaft konjunktivisch eingeführt – „wir können annehmen“, „wahrscheinlich“, „es liegt nahe“ … – um dann, im nächsten Absatz oder auf der nächsten Seite indikativisch fortgeführt zu werden: Richard IST jetzt Wills Freund, lebenslang.

Prüfen Sie es selber nach, wenn Sie eine Shakespeare-Biographie lesen! Erst ist etwas denkbar, dann liegt es nahe, dann wird es gewiss. Einfach so. Gefühlsmäßig. Ohne Beleg, gepuscht vom Wunschdenken.

(4) Es ist Betrug am Leser. Mit Wissenschaft hat es nicht nur nichts zu tun – es ist peinlich anti-wissenschaftlich. Eine absichtsvolle, strategisch gesetzte Manipulation. Mit allen Mitteln, auch den der Wissenschaft nicht erlaubten, versucht man, dem Mann aus Stratford ein Dichterleben einzublasen.

(5) Ich hätte nichts gegen eine Shakespeare-ROMAN-Biographie. Da gehört dieses Verwandeln von Denkbarkeiten & Möglichkeiten in Realitäten & Gewissheiten zur Methode. Aber Greenblatt, Ackroyd, Honan, Shapiro, Edmondson/Wells, Duncan-Jones, Wood, Wilson, Kay, Bates, Weis, Holden, Greer, Posener (um nur die jüngste Generation der Biographen zu nennen) geben vor, uns den wirklichen Shakespeare zu präsentieren. – Es ist ein Schwindel-Unternehmen.

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