K2 Blei und Wagnis

Bassanio wählt richtig – wählt das bleierne Kästchen.

Blei verspricht nichts (anders als Gold, das Wert verkörpert, und Silber, das Verdienst belohnt); Blei verlangt. Wähle das Wagnis – und du gewinnst. Setzt dich aufs Spiel! Zuerst gib!

Das macht Antonio (mit seinem Geld und seiner vermutlich homosexuellen Liebe), das macht Bassanio (mit seinem Charme), das macht auch Portia (die heterosexuell Liebende). Nach außen hin zumindest gewinnen die drei – zumindest in dieser „Komödie“.

Du musst investieren: dein Vertrauen, dein Vermögen. Sicherheit gibt es nicht für diese Investition. Aber vielleicht hast du Glück? Unter guten Menschen funktioniert eine solche Investition. Unter Feinden nicht. Nicht in der rauen Wirklichkeit. Aber eben doch in der utopischen Freundschaftswelt von Antonio und von Belmont.

Wir bekommen eine Utopie vorgesetzt. Gewiss keine bürgerliche, kapitalistische.

Dieses Utopia gehört nicht zur Vorstellungswelt, zum Ideal der englischen Kaufleute um 1600. Sie vertrauen nicht der guten Natur und den guten Menschen, sie investieren nicht ins Blaue hinein und um Liebe zu gewinnen. Investiert so wie Antonio der tüchtige Kaufmann aus Stratford, der es ab ca. 1590 schafft, vom Schuldner zum Millionär zu werden? 

WERT: Geldwert und menschlicher Wert

Bassanio und Portia, Lorenzo und Jessica geht es immer um beides, um Geld und um Liebe. Und das Geld scheint zuerst zu kommen. Allerdings handeln sie dabei höchst unkaufmännisch: Sie verschwenden es hemmungslos.

Antonio und Shylock hingegen opfern das Geld, der eine für die Liebe (zu Bassanio), der andere aus Hass für die Rache an Antonio. Sie handeln exzessiv unkaufmännisch.

Einerseits ist in dem Drama ständig von Geld und Geldwert die Rede – andererseits verhalten sich alle Beteiligten so unkapitalistisch wie möglich: extrem unbürgerlich. Vom geschäftlichen Standpunkt aus geradezu verrückt.


Fortsetzung: Bassanio

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