Testament: Inhalt

Was hat Shakspere zu vererben? – Er ist immerhin so etwas wie ein Vermögensmillionär. Fünf Häuser, darunter ein Herrenhaus, zahlreiche Pachtgüter, etc. – alles zusammen, so schätzt man, könnte einen Wert von über 2.000 Pfund ergeben – die weit mehr als 1 Million heutigen Pfund entsprächen.

Uns erstaunt, was alles fehlt: alles, was im engeren und weiteren Sinne mit Bildung und Kunst zu tun hat.

Wir erfahren hier ganz ungeschminkt, wo Gentleman Shaksperes Prioritäten liegen – sachlich und persönlich.


Nicht genannt werden einige Gegenstände, die wir bei dem Autor Shakespeare erwarten würden: Bücher, Bücherregale oder Bücherschränke, Manuskripte, Musikinstrumente, Bilder.

In keiner Verfügung finden wir etwas, das uns zeigen würde: Der Mann hat etwas mit Bildung und Kunst zu tun. Wir haben den Eindruck, dass er Bücher kaum wertschätzt.

Item, vermache ich meiner Frau das zweitbeste Bett aus meinem Mobiliar. Item, gebe und vermache ich meiner besagten Tochter Judith meine vergoldete Silberschale. Meine gesamte verbleibende Habe an Waren, Vieh, Pachtbesitz, Edelmetall, Juwelen und Haushaltsgut jeglicher Art gebe und vermache ich … meinem Schwiegersohn John Hall, Gentleman, und meiner Tochter Susanna, seiner Gattin, die ich zu Vollstreckern dieses meines Testaments und letzten Willens bestelle.

Die deutsche Übersetzung des Testaments findet sich bei Sobran, S. 273-276

Bücher, Musikinstrumente und dergleichen waren wertvoll und hätten in der Liste explizit erscheinen müssen.

Wieder lassen sich „Erklärungen“ entwickeln.

Vielleicht hat er ja alle Bücher, Manuskripte, Musikinstrumente schon vorher verschenkt oder verkauft? – Das ist denkbar, aber nicht unbedingt plausibel. Es hat auch nie jemand stolz darauf hingewiesen, vom großen Autor Shakspere ein Buch bekommen oder gekauft zu haben. Und hat er auch die Aufbewahrungs-Möbel für Bücher schon verkauft?

Oder es gab zusätzlich ein Inventarverzeichnis (inventory)? – Ein solches wurde eher nachträglich von Nachbarn zur Wertschätzung einzelner zu verkaufender Objekte angefertigt. Alles wesentliche, was vererbt werden sollte, musste im Testament selbst genannt werden.

Dafür gibt es für Warwickshire und Stratford-upon-Avon einen direkten Beleg: Die Inventories von dort 1538-1699 sind dokumentiert und untersucht worden: Die wenigen Personen, die so etwas wie eine Bibiothek bzw. andere „Bildungs-Objekte“ gehabt und vererbt haben, haben das in aller Regel per Testament vererbt. (vgl. >>> hier)

Oder die Bücher etc. sind im „household stuff“ enthalten? – Nein, dafür sind sie zu wertvoll. Haushaltssachen sind Haushalts-Kleinkram.

Ein Punkt, den ich bei noch keinem Autor gefunden habe: Im Haus gibt es sicher eine gute, teure Bibel. Sie scheint aber nicht im Besitz von Shakspere zu sein. Würde er sonst nicht sagen, wem sie künftig gehören soll?

Warum weist Shakspere kein Geld an für die Erziehung seiner Enkeltochter? – Es überrascht nicht. Er hat bereits bei seinen zwei Töchtern gezeigt, wie wenig ihm an Bildung – jedenfalls bei Frauen – liegt. Gebildete Frauen sind nur etwas für die Bühne?


Der Stratforder Freundeskreis von Shakspere wird bedacht. (Siehe dazu die Seite über Shaksperes Stratforder Freunde!)

Warum bekommt kein Schriftsteller-Kollege etwas? Es war üblich, Freunden einzelne Bücher zu vererben. Angeblich hat W. Shakespeare noch nach dem Ende seiner Autorenkarriere bei drei Werken mit dem jungen Autor John Fletcher kooperiert. Warum wird er im Testament nicht erwähnt? Auch „buddy“ Ben Jonson und „buddy“ Michael Drayton müssten doch etwas bekommen, so wie die drei Schaupieler der King’s Men, an die sich Shakspere grade noch zu erinnern vermag, so dass er das Geld an sie für die Gedenkringe zwischen die Zeilen quetschen lassen kann.

Hat Shakspere, wenn er denn der Autor der Werke war, nicht viele starke Beziehungen zu Hof- und Adelskreisen gepflegt? Schließlich spielen fast alle seine Werke in ihrer Welt und romantisieren sie gewisserweise. Hat er sie alle vergessen? Oder hat er seine Gesinnung geändert und will mit dieser Welt und seiner früheren Aristokraten-Verehrung nichts mehr zu tun haben?

Warum bekommt die für Shakspere – wenn er denn der große Autor war – so eminent wichtige Grammar School von Stratford keine Schenkung? (So etwas war damals üblich.)

Auch die Holy Trinity Church von Stratford bekommt nichts.

Die einzige soziale oder gemeinschaftsorientierte Schenkung geht mit 10 Pfund an die Armen der Stadt – kaum mehr als das erforderliche Minimum bei seinem Vermögen.

Shakspere erweist sich bezüglich der Schenkungen als ein eher geiziger Typ. Der Gemeinschaft etwas zu geben fällt ihm schwer. Trotz seines Reichtums wird er kein Mitglied im Stadtrat, kein burgess oder alderman. Vielleicht hat ihn diese Gemeinschaft nicht genug geachtet. Als Autor oder auch nur als Theaterunternehmer – so oder so war Theater in Stratford eher etwas Sündiges. Es war schon seit 1602 in der Stadt verboten. – Viele Bardenfans stellen sich vor, wie stolz die Stratforder zu seinen Lebzeiten und in den ersten Jahrzehnten danach auf ihren Großen Dichter gewesen sein müssen. Die Theaterfeindlichkeit der sich damals puritanisierenden Stadtgesellschaft wird dabei ignoriert. Die Biographen legen keinen Wert darauf, es ihnen zu erzählen.


Wir können Shaksperes Testament mit denen seiner Schauspielkollegen vergleichen: Playhouse Wills, edited by E. A. J. Honigmann and Susan Brock.

Wie anders sehen diese Testamente aus!


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