Testament: Mit-Erbe ist ein Puritaner

Das ist ein Aspekt, den ich noch in keiner Biographie gefunden habe, auch nicht in dem Buch von Shahan/Waugh bzw. bei Cutting.

Shaksperes Tochter ist vermutlich eine entschiedene Puritanerin und heiratet 1607 den Puritaner und Hausarzt der Shaksperes, John Hall. Sie erbt den Hauptteil des großen Vermögens. Damit auch John Hall, der Ehemann.

(Häufig findet man auch die Annahme bzw. Behauptung, Susanna Shakspere habe im Jahr vor der Heirat mit John Hall als Katholikin nicht am vorgeschriebenen anglikanischen Gottesdienst teilgenommen. Ihre inkriminierte Nichtteilnahme wird wohl eher „puritanische“ Gründe haben. John Hall hätte im Jahr darauf kaum eine Katholikin geheiratet – er ist ein engagierter Puritaner bzw. Calvinist. Die Puritaner von Stratford halten den anglikanischen Kurs des Vikars Rogers für halb katholisch und insofern für zu wenig reformiert und für beinahe noch götzendienerisch.)

Vater Shakspere war offensichtlich einverstanden damit, dass seine Tochter und Haupterbin sein erarbeitetes Vermögen in die Ehe mit einem Puritaner einbringt.

Es wird allgemein angenommen, schon im Ehevertrag 1607 habe Shakspere seinem Schwiegersohn und seiner Tochter den Hauptanteil am Erbe zugesprochen. In welchem Maße kann John Hall über das Vermögen verfügen? Als Ehemann ist er der Herr und Meister.

Unsere autorschaftsbezogene Frage ist: a) Wie stand der Autor Shakespeare zu den Puritanern? – Dem Werk nach zu urteilen: sehr negativ. b) Wie stand Shakspere aus Stratford zu den Puritanern? – Seinem Einverständnis mit dem puritanischen Schwiegersohn nach: zumindest nicht unfreundlich, nicht ablehnend.

Die Puritaner waren nun allerdings Feinde des Theaters, haben etwa in London dort, wo sie es über die Stadtregierung tun konnten, gegen den königlichen Willen keine Theater erlaubt. Die Theaterbauten mussten darum außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches errichtet werden.

Mit Malvolio (in The Twelfth Night)hat Shakespeare einen Puritaner charakterisiert – vernichtend.

In Stratford-upon-Avon hat das politisch und kulturell dominierende Bürgertum mehrheitlich mit dem Puritanismus sympathisiert – und darum auch Theateraufführungen ab 1602 offiziell verboten.

Shakspere hat sich dennoch in Stratford eingerichtet. Er hat schon früh aufgehört, als Schauspieler aufzutreten, er hat gegen Ende seines Lebens seine Theatergeschäfte beendet, als Autor (wenn er denn der Autor war) zu schreiben aufgehört, keinem seiner Stückeschreiber-Kollegen etwas vermacht, an drei Schauspielerkollegen erst in einem Nachtrag zum Testament gedacht …

Vielleicht ist sein Rückzug vom Theater darauf zurückzuführen, dass Theater in Stratford unter seinesgleichen (unter den Angehörigen der lokalen Oligarchie) für sittenlos und christenverführend galt? Shakspere, so lautet die Hypothese, ist besorgt um seine Reputation in Stratford, und diese erfordert seine Distanzierung vom Theater.

In diesem Zusammenhang wird es interessant, den Blick auch auf John Hall zu richten:

1613 Der zum Katholizismus tendierende John Lord, gent., beschuldigt Susanne Hall (er ehelichen Untreue. Sie sei mit einem Ralph Smith intim geworden. – Solche Anschuldigungen kommen häufig vor in der Stadt, notiert der Stratford-Historiker Bearman. Aber: Normalerweise werden sie nicht gegen Angehörige der lokalen Oligarchie gerichtet. Könnte es also sein (so Bearman), dass die Shaksperes nicht besonders angesehen waren in Stratford, so dass John Lord es mal riskieren konnte, sie zu belästigen? (John Lord wird ein paar Jahre später wieder aktiv werden … )

1616: Im Testament wird John Hall nicht persönlich als Erbe genannt – nur seine Frau Susanna und deren Tochter Elizabeth.

1619 Der vom puritanischen Standpunkt aus moderate und „faule“ Vikar John Rogers wird abgesetzt, der radikale, eifernde Vikar Thomas Wilson übernimmt das höchste Kirchenamt der Stadt. Anzunehmen, dass John Hall es begrüßt, wenn ein Mit-Puritaner sich durchsetzt.

Wahl und Einführung erregen die nicht-puritanische Minderheit in der Stadt. Eine betächtliche Truppe von Bürgern (darunter auch Gentleman John Lane) greift seinen Amtsitz mit Schwertern und Steinen an. Wilson muss sich in der Kirche verbarrikadieren. Wüste Vorwürfe werden dem neuen Vikar an den Kopf geworfen – natürlich auch sexuelle Vergehen und ansteckende Krankheiten. Wilson schlägt zurück mit nicht weniger hemmungslos formulierten Lästerungen. Die anti-puritanische Opposition hat keine Chance.

Bald beginnen allerdings mehr als 20 Jahre Religionskampf in Stratford. Thomas Wilson ist ein Fanatiker, ein theokratisch-autoritärer Calvinist, der sich in der Stadt starke Unterstützung verschafft, aber zugleich zum Gegner der ebenfalls puritanischen, aber eher an den kommunalen Interessen orientierten Stadtregierung macht. Die Stadtgesellschaft wird gespalten.

Der weitere Verlauf des „Religionskriegs“ in Stratford ist nicht Thema dieses Buchs – außer, dass Shakspere-Erbe John Hall zu den Anhängern des radikalen Vikars gehört hat.

Resümee: Möglicherweise hat sich Shakspere gegen Ende seines Lebens dem Puritantismus zugewandt, vielleicht nur aus Opportunismus. Sich damit aber gegen das Theater entschieden.

Halten Sie das als Leser der Theaterstücke und Sonette für möglich?

Läge es nicht nahe, dass die Anglistik dieser Frage gründlich forschend nachgeht?

Zu berücksichtigen ist auch, dass zu Shaksperes lebenslangen Freunden der reiche Landbesitzer und bekennende Katholik William Reynolds gehört, der auch im Testament bedacht wird.

An die Stelle der Puritanismus-Hypothese könnte auch die Opportunismus-Hypothese treten: Die relative Annäherung an die Puritaner, der Verzicht aufs Theaterengagement, ist ein Zugeständnis an die Stimmung in Stratford. Aber die persönliche Freundschaft mit dem angesehenen Katholiken überlebt.


Vgl. auch die Seite über die Puritaner in Stratford.

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