K4 Antonio vs Shylock: der Zins und der Hass

SHYLOCK,
How like a fawning publican he looks!
I hate him for he is a Christian,
But more for that in low simplicity
He lends out money gratis and brings down
The rate of usance here with us in Venice.
If I can catch him once upon the hip,
I will feed fat the ancient grudge I bear him.
He hates our sacred nation, and he rails,
Even there where merchants most do congregate,
On me, my bargains, and my well-won thrift,
Which he calls “interest.” Cursèd be my tribe
If I forgive him!

ANTONIO
This was a venture, sir, that Jacob served for,
A thing not in his power to bring to pass,
But swayed and fashioned by the hand of heaven.
Was this inserted to make interest good?
Or is your gold and silver ewes and rams?


If thou wilt lend this money, lend it not
As to thy friends, for when did friendship take
A breed for barren metal of his friend?
But lend it rather to thine enemy,

Antonio hasst Shylock – weil der Jude ist. Keine Interpretation, die diesen Punkt nicht ausführlichst beleuchtet.

Aber er hasst Shylock auch – ausdrücklich! – weil der Jude Geld gegen Zinsen verleiht.

Das macht man nicht, sagt Antonio. Das ist unsittlich. Das ist geradezu bösartig – ein Grund zum Hass.

Kredit muss man als Freund geben – ohne Zins. Ganz im Vertrauen, und ohne materiell dabei gewinnen zu wollen.

(Antonio gibt keine religiöse Begründung für diese Ansicht, bezieht sich nicht aufs christliche Zinsverbot – das sowohl in England als auch in Italien längst außer Kraft gesetzt worden ist.)

Wie nun das: Da ist ein erfolgreicher Kapitalist, ein Großkaufmann, der mehrere große Schiffe auf den Ozeanen segeln hat – und er ist gegen das Bankenwesen? Gegen das zeitübliche Kreditwesen?

Kann es so einen Großkaufmann und Kapitalisten im Jahr 1600 noch geben?

Da stimmt etwas nicht.

Läge es nicht nahe, dass uns die Interpreten des Stückes dieses Phänomen einmal erklären könnten?

Warum greifen sie es nicht auf?

Und wenn mal einer, ausnahmsweise, doch darauf Bezug nimmt, spielt er es herunter. Shakespeare habe natürlich gewusst, dass im Kreditgeschäft Zins unvermeidlich ist. – Gewiss – aber warum dann Antonios Überzeugung, es sei nicht so, und das Bankenwesen bzw. der Geldverleih gegen Zinsen sei für die Wirtschaft nicht notwendig? Warum sein rabiater Hass auf den, der Kredit nur gegen Zins gibt?

Könnte man als Interpret nicht so weit gehen und sagen: Für den Autor dieses Theaterstückes gehen Geldverleih, Zins, Wucher in eins mit dem Jüdischsein? „All ihr Geldverleiher und Zinsforderer, ihr seid Juden! Selbst wenn ihr euch Christen nennt! Ihr geht dem Menschen an die Existenz!“

Ich nehme an, dass der Schöpfer dieses Antonio wenig von der kapitalistischen Wirtschaft versteht.


Fortsetzung: Shakespeare nimmt Zins?

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