K6 Shylock – Monster und Mensch

I am a Jew. Hath not
a Jew eyes? Hath not a Jew hands, organs, dimensions,
senses, affections, passions? Fed with the
same food, hurt with the same weapons, subject to
the same diseases, healed by the same means,
warmed and cooled by the same winter and summer
as a Christian is? If you prick us, do we not
bleed? If you tickle us, do we not laugh? If you
poison us, do we not die? And if you wrong us, shall
we not revenge? If we are like you in the rest, we will
resemble you in that. If a Jew wrong a Christian,
what is his humility? Revenge. If a Christian wrong
a Jew, what should his sufferance be by Christian
example? Why, revenge! The villainy you teach me I
will execute, and it shall go hard but I will better the
instruction.
(3.1.)

Hat er nicht auch Augen … ? Shylock zeigt sich als Mensch und Opfer. Weckt in uns menschliche Sympathie.

In uns. In uns modernen Menschen. Nicht zuletzt im Gedenken an den Holocaust.

War das auch Shakespeares Absicht – damals?

Shakespeare zeigt immer wieder, dass Bösewichter auch Menschen sind. Dass es in ihrem Leben Gründe für ihre Bösartigkeit gibt. So macht er das bei Richard III, bei Jago, bei Macbeth.

Er weiß, dass das Publikum deswegen den Bösewicht nicht weniger böse findet. Was denkt sich ein Besucher des Globe oder des Hoftheaters um 1600, wenn er hört: Hat nicht auch ein Jude Augen? – Aber gewiss hat er, nur eben jüdische Augen, also böse Augen! Etcetera.

Es macht dem Publikum mehr Spaß, der Vernichtung des Bösen zuzusehen, wenn dieser Böse als Mensch spürbar wird. Warum laufen die Leute in Massen zusammen und genießen Hinrichtungen? – Ein wirklicher Mensch leidet, stöhnt, blutet, verreckt. Shakespeare bringt das besser auf die Bühne als diejenigen, deren Bösewichter abstrakt oder platt bleiben.

Was also soll das Weginterpretieren des brutalen, unmenschlichen Umgangs mit dem Juden in diesem Theaterstück? – Shakespeare, der geliebte, verehrte Autor, soll geschont werden.

Aber Shakespeare ist kein Kind unserer Zeit. Und wir sind keine Kinder seiner Zeit.

Nichts dagegen, wenn ein Theater das Stück heute „vermenschlicht“ und den Juden besser wegkommen lässt, als es der Autor vorgesehen hat.

Aber wir sollten ehrlich bleiben und nicht so tun, als ob wir damit nicht in sein Werk eingreifen würden.


Fortsetzung: Erklärungsversuche

Share

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *