K7 Erklärungsversuche

a)

Shakespeare (der Kaufmann aus Stratford) verachtet sein eigenes kaufmännisches Leben? Distanziert sich von seinem merkantilen Dasein?

Da er ca. 1611 das Schreiben aufgibt und sich – satt und zufrieden? – nach Stratford zurückzieht, um dort sein Leben als ungefähr zweitreichster Mann und als Gentleman zu genießen, können wir diese gewagte Interpretation ausschließen.

Puritaner haben kein Problem mit dem Zinsnehmen. Sie orientieren sich – wie die Juden – am Alten Testament. Insoweit Shylock auch für die Puritaner und ihr geldhändlerisches Zinsgebaren steht, verschärft sich die Frage nach der Möglichkeit, dass der Kaufmann aus Stratford der Autor des Dramas sein kann: Seine (Lieblings-)Tochter Susanna heiratet John Hall, einen erklärten Puritaner, und 1616 vererbt er den beiden den Großteils seines großen Vermögens. Klar ist: William Shakspere bzw. William Shakespeare, der Kaufmann aus Stratford, hegt keine katholischen oder aristokratischen oder sonstwie traditionalistischen Vorurteile gegen Puritaner und gegen den Zins.

Können wir uns vorstellen, dass ein professioneller, erfahrener Henker der Zeit um 1600 ein Theaterstück verfasst, in dem er das Handwerk des Henkers leidenschaftlich verurteilt – während er seine Henkertätigkeit weiter ausübt und sie seinem Sohn vererbt? – Ja, wir können es uns vorstellen. Der Fall wäre aber doch sehr erklärungsbedürftig. Wir würden sagen: Da stimmt etwas nicht. Es hat etwas penetrant Heuchlerisches.

b)

Geht es um die Rivalität von zwei gegensätzlichen Geschäftsverständnissen? Also um überseeisch wagendes Kapital (Antonio und der Fernhandel) contra heimisch brütendes Kapital? (Fruchtbringedes Kapital contra steriles?)

Das ist sicherlich nicht der Gegensatz. Denn gerade wagendes Kapital bedarf der Bank und des Kredits – und damit des Zinses. JEDER Kaufmann der Zeit um 1600 versteht das.

Allerdings dürfen wir annehmen, dass um diese Zeit das Geldverleihen (gegen Zins) noch keinen guten Ruf hatte. Es hatte sozusagen etwas Jüdisches an sich.

Machen wir uns nichts vor: Wer immer der Autor des Merchant of Venice war – von kapitalistischer Wirtschaft (auch in ihren frühen Versionen) hat er nicht viel verstanden. Anders als der gewiefte Gechäftsmann William Shakspere aus Stratford.

c)

Es gab seinerzeit noch religiös inspirierte Anklagen gegen den Zins. Davon klingt bei Shakespeares Antonio kaum etwas an. Es gibt allerdings die Hocharistokraten, die sich bei den geldgierigen bürgerlichen Geldverleihern gefährlich verschuldet haben. Und die möglicherweise von der guten alten Zeit träumen, in der der Zins noch verboten war – und in der man jüdische Geldverleiher, diese Teufel in Menschengestalt, gelegentlich auch mal per Pogrom ausschalten konnte.


Fortsetzung: Exkurs zum Zins

Share

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *