K8 Exkurs zur Zinsfrage

Ist es erlaubt, für Kredit Zins zu nehmen?

Das Christentum hat diese Frage zunächst entschieden verneint – noch bis in Shakespeares Zeit hinein gab es solche Stimmen.

Ganz anders sehen das Calvin und die Puritaner. Und und die Regierung. 1571 gibt Queen Elizabeth das Zinsnehmen frei – es war auch vorher schon üblich, aber nun ist es auch offiziell legal. 10% sind erlaubt.

Offen wird das Zinsnehmen von Francis Bacon verteidigt: Of Usury, 1623.
http://www.authorama.com/essays-of-francis-bacon-42.html

Zinsnehmen war für Christen das ganze Mittelalter über eine Sünde. Dabei folgte man der Lehrer des Aristoteles. Es sei widernatürlich, totes Metall zu behandeln, als wäre es lebendiges, sich vermehrendes Wesen. Geld dürfe kein Geld zeugen.

Zins ist Wucher – für die Gegner des Zinses. Derer gibt es um 1600 noch viele. Sie schreiben Bücher und Traktate und wüten gegen die zinsnehmenden Kaufleute – nennen sie Wucherer, Wölfe, Juden, Häretiker, Teufel. (Zum Beispiel Thomas Wilson: Discourse Upon Usury, 1572 https://books.google.de/books/about/A_Discourse_Upon_Usury_1572.html?id=ewyaoAEACAAJ&redir_esc=y )

Das Alte Testament verfügte allerdings: Vom Bruder darfst du keinen Zins nehmen, von Fremden schon. So verfahren dann die Juden. Tubal leiht Shylock Geld zinslos. Aber Nichtjuden gegenüber wird Zins verlangt.

Für Christen hingegen sind alle Menschen Brüder … (der biblischen Theorie nach). Die Juden verhalten sich für sie unmenschlich, antichristlich, antibrüderlich.

Die Zeit, das so zu sehen, ist allerdings in Italien und in England längst vorüber.

Das weiß sicherlich auch der Autor des Merchant of Venice.

Was veranlasst nun den Kaufmann aus Stratford, sich in so leidenschaftlicher, geradezu rabiater, fanatischer Weise gegen das Zinsnehmen und für den einsamen Antonio einzusetzen?

Uns einen Kaufmann vorzusetzen, der das Gegenteil von einem (zeitgenössischen) Kaufmann ist? (Ein Kaufmann, der Kreditzins ablehnt, ist so etwas wie ein Oxymoron. Wie ein Chirurg, der das Sezieren ablehnt. Wie ein Finanzminister, der das Besteuern für Sünde hält.)

Dafür geben uns die Biographen Shakespeares und die Interpreten des Dramas keine Erklärung – sie versuchen es nicht einmal. Sie ignorieren das Problem. Allenfalls informieren sie uns über die Zinspraktiken der Zeit und ihre Hintergründe. Aber sie schweigen bezüglich der Motive und der betriebswirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen für den erfolgreichen Großkaufmann Antonio, wenn er grundsätzlich das Zinsnehmen ablehnt, sowie bezüglich der Motive des Autors, das Zinsnehmen als verachtenswert hinzustellen.

Und, wie gesagt, ganz besonders tief wird das Schweigen, wenn es um das zinsschwangere Geldverleihen unseres angeblichen Autors geht.

Texte über Wucher:
https://barnabyisright.com/2013/04/08/usury-the-golden-age-of-big-money-oligarchy/
https://en.wikipedia.org/wiki/Usury
https://de.wikipedia.org/wiki/Wucher

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