Biographie – Chronologie Shakspere

Grundlage ist die Chronologie bei Diana Price, ergänzt um weitere Daten aus ihrem Buch. Außerdem (bisher):

  • Samuel Schoenbaum, „Shakespeare. Eine Dokumentation seines Lebens“;
  • Posener Shakespeare-Biographie;
  • Bearman: „Shakespeare’s Money“;
  • „The Shakespeare Circle“, herausgegeben von Edmondson und Wells.

Ergänzungen und Korrekturen erfolgen ständig, ohne dass dies besonders ausgewiesen werden wird. (Für Fehlermeldungen und Vorschläge bin ich dankbar.)


Das Elternhaus

Genies fallen nicht vom Himmel. Sie entwickeln sich in einer Umwelt, die ihren Neigungen und Talenten fördernd entgegenkommt. Wir kennen die Welt, in der Mozart oder Goethe oder Leonardo da Vinci aufgewachsen sind. Immer finden wir frühkindliche Einflüsse. Selbst ein genialer Fußballer wie Messi, Ronaldo oder Pele hat früh angefangen mit dem, was er dann im Erwachsenenleben zur Vollendung bringt.

Also, wir haben zu fragen, was in der Welt seiner Kindheit und Jugend unseren Shakespeare/Shakspere zu einem Genie formen konnte. Gab es Eltern oder Verwandte oder Nachbarn mit besonders ausgeprägten Talent fürs Geschichtenerzählen und Theaterspielen? Gab es einen oder mehrere Mentoren, die das potenzielle Genie an der Hand nehmen konnten? Gab es frühzeitig Bücher zu lesen, Jagderfahrungen zu machen, das Rechtsleben kennenzulernen?

Die Shakespeare-Biograhie hat hier NICHTS zu bieten. Allenfalls die grammar school liefert ein Mosaiksteinchen für das Gesamtbild des werdenden Genies.

Der Vater: John Shakspere. Was wissen wir über ihn?

Er ist Yeoman, also ein freier und einigermaßen begüterter Bürger. Er lebt spätestens seit 1552 in der Henley Street als Pächter, Besitzer und Haushaltsvorstand; kauft 1556 ein weiteres Haus dazu. Er lernt Handschuhmacher und arbeitet sich als self-made-man hoch. Er erweitert seine Tätigkeit auf den Handel mit Wolle, wie es scheint, mit hohem Einsatz. Wucher und Handel mit Gerste und Malz und mit Bauholz kommen hinzu. Seine Werkstatt liegt im heutigen Ostflügel des Hauses in der Henley Street.

Er dient der Stadt zunächst als constable (Stadtwächter – wie Dogberry/Holzapfel in Much Ado About Nothing – macht sich Shakespeare hier über seinen eigenen Vater lustig?!), dann als Ale-Koster, dann vier Jahre hintereinander als chamberlain (Kämmerer, zuständig für den öffentlichen Besitz und die Finanzen). Schließlich wird der alderman (Stadtrat, Stadtverordneter, einer von 14), 1568 ein Jahr lang als bailiff (Bürgermeister; in diesem Amt auch Friedensrichter der Stadt und Repräsentant der Krone). Sein Erfolg ermutigt ihn, sich um ein Wappen und die Standeserhöhung zum Gentleman zu bewerben.

Um 1557 heiratet er Mary Arden, die einigen Besitz in die Ehe bringt. Er zeugt 8 Kinder mit ihr.

Gelegentlich bekommt er es mit dem Gericht zu tun: zweimal wegen Wuchers, einmal wegen illegalen Wollhandels, einmal wegen seines Misthaufens for dem Haus.

Um 1575 – sein Sohn ist nun 11 Jahre alt – gerät John Shakspere in finanzielle Schwierigkeiten, und bleibt über fast 20 Jahre hinweg in der Schuldenfalle stecken. Sein später in London geschäftlich erfolgreicher Sohn wird ihn bzw. die Familie in den 90er Jahren heraushauen. Mehrmals wird John Shakspere angeklagt, weil er seine Schulden nicht bezahlt; zeitweise kann er sich nicht mehr aus dem Haus trauen, nicht einmal mehr am Sonntagsgottesdienst teilnehmen, weil er fürchten muss, vom Sheriff ergriffen zu werden.

So verliert er fast alles, schafft es aber immerhin noch, sein Haus in der Henley Street zu bewahren.

Die Mutter ist Mary Arden. Arden (of Park Hall) wäre ein großer Name, aber Mary stammt aus dem Haus eines zwar relativ reichen Bauern, der aber nur Husbandman (Freisasse) war, kein Yeoman (wie Shakspere) und schon gar kein gentleman oder esquire. Mary Shakspere bringt 8 Kinder zur Welt, 4 Söhne und eine Tochter überleben die Kindheit. – Sie stirbt 1608.

Wie nah oder fern waren die bäuerlichen Ardens mit den adeligen verwandt? – John Shakspere betont die Nähe – um einen Grund für die Erteilung des Wappens zu haben.

Die Religion?

Die aristokratischen Ardens waren und blieben katholisch und wurden wegen „papistischer“ Opposition gegen die Queen hart verfolgt. Vielleicht war auch Mary Arden katholisch – es ist aber eher unwahrscheinlich, dass John Shakespeare katholische Neigungen hatte. (Das „geistliche Testament“, das John Shakspere angeblich unterschrieben hat und das man 1757 gefunden hat, ist wohl ein fake. – Der Fall wird ausführlich und überzeugend bei Schoenbaum, S. 72-85, untersucht.) Sein finanzieller Abstieg ist nicht (wie manchmal spekuliert wird) darauf zurückzuführen, dass er von antikatholischen Feinden denunziert worden ist. Gewissheit haben wir allerdings nicht in dieser Frage nach der religiösen Orientierung.

1564 – 1591

1564

Am 26. April wird „Gulielmus Shakspere“ in der Holy Trinity Church getauft. Vikar: John Bretchgirdle – ein engagierter Reformer, ein früher Puritaner (und Buchliebhaber; er wird der grammar school sein Wörterbuch vermachen). In diesem Jahr ist Vater John chamberlain (Kämmerer) der Stadt; einer seiner Amtsakte ist: Er hat Handwerker zu beauftragen und zu bezahlen, die in der Guild Chapel die katholisch-abergläubischen Fresken zuweißeln. (Ein Indiz, dass John Shakspere nicht zu den Katholiken gehört.) Die Reinigung von Kirchenräumen ist von oben angeordnet und wird in Stratford erst relativ spät durchgeführt.  Im Sommer wütet die Pest in der Stadt. 10-20% der Einwohner sterben.

1565 – 1581

Wir wissen NICHTS über die Kindheit, die Erziehung, einen Besuch der Lateinschule der Stadt. Es ist aber wahrscheinlich, dass der Junge sie als Sohn eines alderman (Stadtverordneten) besucht. Jedenfalls die ersten Jahre. Möglich, auch wahrscheinlich ist es, dass er die Schule verlassen muss, als sein Vater in finanzielle Schwierigkeiten kommt. Er wird dann im Geschäft mitgearbeiten und lernen, wie man Geschäfte macht – dass er es lernt, zeigt etwas später sein rascher kaufmännischer Erfolg in London.

1665

John Shakspere wird – anstelle eines wegen Fehlverhalten Ausgestoßen – zum alderman (Stadtverordneten) berufen (kooptiert).

1566

Gilbert Shakspere geboren. Des Öfteren wird er später William Shakspere in Geschäften vertreten; einmal 1602. Er wird Kurzwarenhändler in London (dort 1597 erwähnt) und in Stratford. Er heiratet nicht und stirbt 1612.

1568/69

Shakspere ist für ein Jahr bailiff (Bürgermeister bzw. Amtmann), damit auch Friedensrichter und Vertreter der Krone, Vorsitzender des Stadtrats und des Gerichts, Untersuchungsrichter, Marktvorsteher, Festsetzer des lokalen Kornpreises, usw. Er trägt eine pelzverbrämte Robe und hat ein Geleit von Leder-uniformierten Beamten, sitzt in der – nun evangelischen! – Kirche mit Ehefrau ganz vorne, in der Gildenkapelle auf dem Ehrensitz. Er unterschreibt mit einem Zeichen, das ein Zirkelpaar darstellt, oder mit einem Kreuz. Ob er schreiben kann, können wir nicht sicher sagen. Es ist letztlich nicht nötig – er hat immer den Stadtschreiber an seiner Seite, dem er diktieren kann.

1569

Joan Shakspere geboren. Noch vor 1600 heiratet sie den wenig erfolgreichen Hutmacher William Hart (1616 gest.). Über die beiden wird sich die Shakespeare-Familie noch über viele weitere Generationen fortsetzen: zwei Kinder werden erwachsen und zeugen Nachkommen. Joan erbt 1616 das Haus in Henleystreet. Gest. 1646.

Erstmals kommt das Theater nach Stratford. Zwei reisende Theaterkompanien spielen in der Guild Hall, erst die Queen’s Men, dann die Earl of Worcester’s Men. Sie stehen unter dem Patronat hochadeliger Männer und erhalten daher die Erlaubnis, wie Vaganten herumzuziehen und ihre Unterhaltungsdienste anzubieten. (Erst in den 1590er Jahren können sie sich fast ganz auf London konzentrieren, bzw. bei Rundreisen auf größere Städte als das unbedeutende Stratford.)

1570 und 1573

John Shakspeare muss dreimal vor Gericht: Er hat illegal mit Wolle gehandelt und Geld gegen Zinsen verliehen (gegen höhere Zinsen, als erlaubt war; Kredithöhe: immerhin 50 Pfund – ca. 30 000 Pfund nach heutigem Wert. 10% Zinsen waren gestattet.)

1674

Richard Shakspere geboren. Über ihn weiß man so gut wie nichts. Vermutlich bleibt er in Stratford bei der Familie und betätigt sich im Familienunternehmen. Gest. 1613.

William Shakspere ist jetzt 10 – er könnte dieses Jahr oder im nächsten beginnen, die grammar school der Stadt (in der Guild Hall) zu besuchen. Er wird voher etwa zwei Jahre lang von einem Hilfslehrer (eines Abecedarius) in einer Art Vorschule schon lesen und etwas schreiben gelernt haben.

Schullehrer (mit ansehnlichen 20 Pfund Jahresgehalt bei freier Logis) war 1671-75 (einen, der 1578 Jesuit wurde, aber auch einen anderen, der 1598 in Stratford gestorben ist); 1575-79 Simon Jenkins, einem Geistlichen, verheiratet, zwei Töchter; danach zwei Jahre lang John Cotton, der katholisch war. Ab 1581 war es dann Alexander Aspinall für mehrere Jahrzehnte, über den Tod Shaksperes hinaus. (Er war wohl der einzige Intellektuelle, den der alte Shakspere in Stratford als Gesprächspartner hätte haben können; wir hören davon aber nichts, und im Testament wird weder er noch die Stratforder grammar school bedacht.)

Es könnte auch sein, dass der kleine William die grammar school, die Lateinschule nicht besucht hat. Seine nur gekrakelten Unterschriften deuten darauf hin.

Nimmt man an, dass Shakspere unbedingt Shakespeare ist, MUSS der Junge die grammar school besucht haben, und zwar bis zum Ende.

Und diese Schule MUSS eine Superschule gewesen sein, mit beträchtlicher Bibliothek und tollem Lehrer.

Und William MUSS ein genialer Schüler gewesen sein, der zugleich – siehe die vier schulbezogenen Szenen im Werk – nicht unbedingt glücklich in der Schule war.

Und zugleich MUSS das Werk als das eines Mannes gelesen und verstanden werden, das mit den trotz alledem beschränkten Ressourcen einer grammar-school-Bildung zu schaffen war. – Starke Voraussetzungen.

Ich füge hinzu: Musik- und Sprachgenies entwickeln die Grundlagen dafür in der Kindheit – wer in der Erziehung hat William die sprachlichen Voraussetzungen geschaffen? –

Weitere Frage eines Laien: Hatte die grammar school in der Guild Hall eine Library? Mit welchen Büchern wäre zu rechnen? Wurden sie an die Schüler ausgeliehen? Dürfen wir uns den 11jährigen Will vorstellen, wie er sich jetzt bereits in Ovid – in Goldings englischer Übersetzung – versenkt Und wie er die biblischen Geschichten lesend verinnerlicht? Wie er mit seinen Brüdern oder Kameraden Terenz-Komödien spielerisch in Szene setzt?

Immerhin, im Rahmen des Lateinunterrichts hat man auch etwas Theater gespielt. Lassen wir das gelten! Vielleicht war Lehrer Jenkins in diesem Metier großartig?

Macht Will schon erste eigene – kindliche – Schreibversuche? – Es MUSS so gewesen sein, wenn man Shakspere für Shakespeare hält, denn anders wäre das Geniale, das sich schon in den frühesten Werken entfaltet, nicht zu erklären. –

Gab es einen Mentor? Ein Vorbild? Hat das Kind den Sprung aus der analphabetischen in die hohe, in die höchste Bildungswelt ohne Mentor und Vorbild geschafft?

Konnte Will die Schule weiter besuchen, nachdem der Vater geschäftlich in Nöte gekommen ist und vermutlich seinen Erstgeborenen dringend als billige Arbeitskraft im Geschäft gebraucht hat?

Erlauben Sie mir auch die Frage, ob ich, wenn ich so frage wie hier, mich des Snobismus schuldig mache.

Lesen Sie Shakespeare-Biographien mit solchen Fragen im Hinterkopf und prüfen Sie die Vorschläge, die Ihnen dazu die Biographen machen! Am Ende stellen sie immer kategorisch fest: Die grammar-school-Ausbildung hat voll ausgereicht für die Bildung, die sich im Werk zeigt, zumindest, was die Klassiker und die Bibel angehen.

1575

Von Biographen werden gern die vierzehntägigen opulenten Festivitäten im nahen Kenilworth erwähnt, die Elizabeths Günstling Dudley für seine Queen veranstaltet hat – und die wohl viele Stratforder besucht und angestaunt haben. Samt der dortigen Theateraufführungen.

In diesem Jahr noch bringt John Shakspere einen Antrag auf Wappen und Erhebung in den Stand des Gentleman ein.

Aber in diesem Jahr beginnen auch John Shaksperes finanzielle Schwierigkeiten. Er beginnt, das Erbe seiner Frau zu verpfänden.

Nach und nach wird John Shakspere fast alles verlieren; sein Haus in der Henleystreet bleibt ihm aber. Er scheint in einer Schuldenfalle zu sitzen und nicht daraus herauszukommen.

Für Shaksperes Söhne heißt das: Sie müssen in der Firma mitarbeiten, als unentgeltliche Arbeitskräfte braucht der Vater sie jetzt. Sein Wollhandel ist arbeitsintensiv. Viel Zeit für die grammar school wird der junge William nicht bekommen.

Rowe, der erste Biograph Shakespeares 1709, berichtet bereits, der Vater habe seinen Sohn in das eigene Geschäft gesteckt.

Schoenbaum schreibt (S. 112):

„die Vermutung, William habe seine Lehrzeit in des Vaters Geschäft verbracht, scheint in jedem Fall vernünftig und gerechtfertigt zu sein.“

Wo bleibt dann aber die volle grammar-school-Ausbildung? Seltsam, dass der sonst so umsichtige Schoenbaum auf diese naheliegende Frage nicht eingeht. Kurz vorher lässt er William die gesamte Lateinschule absolvieren und stellt fest, das reiche voll aus für die Bildung, die sich im Werk zeige. 

Nun, der Sohn lernt jedenfalls, wie man Geschäfte macht – und wie man sie nicht macht. Er wird ein tüchtiger Geschäftsmann. Im Werk kommt DAS aber nicht vor. Da sehen wir keinen ehrbaren Handwerker bei der Arbeit und keinen tüchtigen Kaufmann in merkantiler Tätigkeit. (Kaufmann Antonio? Der ist inkompetent, weil er glaubt, große Geschäfte ließen sich ohne Bankkredite abwickeln, und sein in Finanzangelegenheiten fitter Gegenspieler Shylock ist keine Sympathie-Figur …)

Allerdings zeigt der Autor Shakespeare einige Erfahrung mit den handwerklichen Tätigkeiten, die für die Shaksperes in Stratford wichtig waren. Ganz genau weiß er, wofür welches Leder verwendet wird, etc. – DAS allerdings kommt nie vor in der Produktionsperspektive, sondern immer nur aus dem Blickwinkel dessen, der die Gegenstände nutzt.

1576

John Shakspere nimmt zum letzten Mal an einer Stadtratssitzung teil. Die Stadtoligarchie behandelt ihn in den folgenden Jahren schonend, vermutlich aufgrund seiner bisherigen Verdienste im Amt. Sie bestraft also das pflichtwidrige Fernbleiben nicht, und sie erleichtert zum Beispiel seine Steuerverpflichtungen. Erst 1586 wird er als alderman durch einen anderen ersetzt. Wir bekommen den Eindruck, dass die Stadtoligarchie John Shakspere durchaus geschätzt hat und ihm Zeit geben wollte, seine finanziellen Schwierigkeiten zu überwinden.

(D. Fallow in seinem Beitrag zu Shakespeare’s Circle bestreitet, dass die Shakespeares in finanzielle Nöte geraten sind. John Shaksperes Ausscheiden aus den Aktivitäten der Stadtregierung habe zwar geschäftliche Gründe, sei aber nicht in einer ökonomischen Krise geschuldet. – Fallow erklärt nicht, wie das zu verstehen ist, was dann für das Jahr 1591 solide dokumentiert ist …)

John Shakspere scheidet für immer aus den Selbstverwaltungsaktivitäten der Stadt aus. Auch seine Söhne werden nie in einem städtischen Amt tätig werden.

Wie ist das zu verstehen? Ich vermisse in die Tiefe gehende Erklärungsversuche seitens der Biographen.

1580

Edmund Shakspere geboren. Er wird in London Schauspieler werden, zeugt ein uneheliches Kind und stirbt mit 27 in London, wo er auch begraben wird. Sein Bruder William wird für seine Beerdigung teures Glockengeläut bestellen.

John Shakspere muss 20 Pfund Strafe bezahlen – im Interesse des Landfriedens. (Es ist nicht ganz klar, was außer seinem Nichterscheinen vor Gericht der Grund für die Strafe ist.) Später brummt der Gerichtshof John Shakspere noch einmal 20 Pfund Strafe zur Wahrung der guten Sitten auf, in diesem Fall muss er zahlen für einen Bürger, für den er Bürgschaft geleistet hat. Es gibt weitere Bürgschafts-Verluste.

1581

Alexander Houghton auf Lea Hall in Lancastershire verfasst sein Testament. In diesem wird ein William Shakshafte für seine Dienste mit einem kleinen Erbe bedacht. Lancastershire ist weit weg von Stratford, und unser Will ist da erst 17 – aber es sei auch 1541/42 einen Richard Shakshaft in der Nähe von Stratford, in Snittersfield, bezeugt, und das sei genau der Großvater von William gewesen … Ergo sei der William Shakshaft im Dienste von Houghton unser William Shakespeare (und habe dort, wie sich aus anderen Aspekten des Testaments ergebe, mit dem Theater zu tun gehabt) …

Schoenbaum (S. 162f) stellt fest, dass der Snittersfielder als Richard Shakstaff zu lesen ist, und dass im übrigen wirklich nichts an der Shakshaft-Story dran ist. Was einen Ackroyd nicht daran hindert, mehrere Seiten Spekulationen zu entwickeln, bei denen der naive Leser am Ende sicher ist, genau so müsse es gewesen sein.

1582 – 1583

Im November 1582 hat“William Shaxpere„, 18 Jahre alt, beim Bischof der Diözese Worcester den Antrag auf Erlaubnis, eine gewisse (uns sonst unbekannte) Anne Whateley aus Temple Grafton heiraten zu dürfen, gestellt. Das Bischofsamt erteilt die Erlaubnis.

Am Tag danach (!) wird „William Shagspere„s Heirat mit Anne Hathaway aus Shottery (einem Dorf in der Nähe von Stratford) angekündigt. Sie ist Tochter eines wohlhabenden Freibauern mit großer Familie, 26 Jahre alt und im dritten Monat schwanger (von ihm). 40 Pfund sind die Hathaways bereit, für die Heirat als Sicherheit zu leisten – das ist ungewöhnlich viel und deutet auch darauf hin, dass etwas nicht seinen üblichen Gang gegangen ist oder geht.

Was war da los? – Vielleicht will William eine uns sonst unbekannte Anne Whateley heiraten. Sein Vater und vor allem die Hathaways zwingen ihn, die von ihm geschwängerte Anne Hathaway zu heiraten. – Die Sache ist mysteriös und nicht sicher zu klären. Zu behaupten, der Schreiber in Worcester habe sich vertan und hätte eigentlich Anne Hathaway aus Stratford schreiben wollen oder sollen, ist zwar plausibel – aber warum dann der Hinweis auf Temple Grafton? Weder wissen wir, ob es in diesem Dorf in der Nähe der Stadt eine Anne Whateley gegeben hat, noch, ob vielleicht Anne Hathaway vorübergehend dort gearbeitet und gewohnt hat. Am folgenden Tag wird Anne Hathaway jedenfalls als aus Stratford gemeldet.

Die Shakespeare-Biographen suchen sich immer gern die angenehmste. freundlichste Version für ihren Barden aus, und das ist natürlich die, dass sich der Schreiber einfach geirrt hat. Möglich ist so ein Irrtum aber durchaus, ich tendiere dazu, mich in dieser Frage der orthodoxen Interpretation anzuschließen, möchte aber die dramatischere Version nicht unter den Tisch fallen lassen – auch sie ist möglich.

Sollten Biographen in solchen Fällen nicht die verschiedenen Möglichkeiten darstellen und dann zugeben, dass wir nicht sicher entscheiden können, welche davon zutrifft?

Ein weiterer Punkt sollte von Shakespeare-Biographen beachtet werden: Der Autor scheint gnadenlos konsequent gewesen zu sein, wenn es um die Jungfräulichkeit des heiratenden Mädchens geht. Keuschheit und Reinheit sind absolut nötig für ein anständiges Mädchen. Hält Shakspere seine Frau für eine im Grunde unanständige, eine gefallene Person? Müsste er eigentlich … (Gibt es einen Aufsatz oder ein Buch zu diesem Thema: Die Rolle der Jungfräulichkeit bei Shakespeare? Soweit ich sehe, findet sich im Werk nicht eine einzige Ausnahme. Alle anständigen! Frauen sind entweder Jungfrauen bis zur Ehe oder, danach, treue Ehefrauen. Lucretia ist ihr Leitbild. – In welchem Verhältnis steht dies dann zur Biographie des Mannes aus Stratford? – Schoenbaum deutet das Problem nur an – S. 129 ff, lässt den Faden dann hilflos liegen, begnügt sich – anders als der Barde – damit, dass das Versprechen der Ehe bereits gilt, um vorehelichen Geschlechtsverkehr moralisch zu rechtfertigen.) 

An dem Altersunterschied zwischen den beiden Brautleuten ist weniger das Alter der Braut unnormal als das Alter des Bräutigams. Es kam in Stratford fast nie vor, dass ein Mann in so jungem Alter in den Ehestand getreten ist. Es muss also ein Notfall vorgelegen haben.

Sechs Monate nach der Eheschließung kommt das erste Kind zur Welt: Susanna. Voreheliche Zeugung war in diesen Jahren noch ein häufiger Vorgang; das wird sich in den folgenden Jahren ändern, denn England und Stratford werden sich allmählich puritanisieren.

Apropos Sonett 145 (hier zitiert nach Schoenbaum, S. 133):

‚I hate‘, from hate away she threw,
And sav’d my life, saying ’not you‘

‚Ich hasse‘, und der Haß entwich
mich rettend, sprach sie aus: – ’nicht dich!‘

Kaum zu glauben, aber dieses „hate away“ gilt Schoenbaum und vielen anderen Interpreten als Hinweis auf Anne Hathaway. Machen t / th sowie a wie in way / a wie in had jetzt keinen Unterschied mehr? Und selbst wenn das gleich wäre – wie kommt man darauf, diese Verse aus den Dark-Lady-Sonetten auf Shakespeares Verhältnis zu seiner Frau zu beziehen, ein Liebeszeugnis des jungen Poeten? Während man gleichzeitig wortreich darauf besteht, dass die Sonette natürlich keine engeren biographischen Grundlagen hätten … (Ich habe Greers „Shakespeare’s Wife“ noch nicht gelesen – ich bin gespannt, was sie über diese Sache schreibt.)

John Shakspere wird lebensgefährlich bedroht: Im Sommer beantragt er Schutz vor dem Angriff von vier Männern. Es sieht so aus, als ob der Konflikt gütlich begelegt werden kann.

1583/84

Drei Theatergruppen treten in Stratford auf.

1585

Das Paar bekommt Zwillinge: Hamnet und Judith. (Die Namen stammen von Nachbarn, von den Sadlers, die die Taufpaten sind.) Möglicherweise erleidet Hamnet Geburtsschäden.

1585 – 1592: Die fünf „dunklen Jahre“

Wir erfahren bis auf weiteres (bis 1692) nichts mehr von ihm. – Gelegenheit für die Bardologen, sich allerlei aus den Fingern zu saugen. (Lancashire-Story, Schauspiel-Lehrstory, Wilddieb-Story, Schulmeister-Story … – es ist alles blanke Phantasie, Material für einen biographischen Roman, aber nicht für eine seriöse Biographie.)

1. William Shakspere als Wilddieb

Betterton ist Schauspieler. 1709 erzählt Rowe, der erste Biograph, er habe von Betterton ihm erfahren, William Shakspere sei aus Stratford geflohen, weil er im Wildgehege von Sir Thomas Lucy gewildert habe und dabei erwischt worden sei. – Diese Geschichte gibt es in immerhin vier Versionen. Schoenbaum dazu (S. 147):

Versionen, die sich vermutlich allesamt aus dem Stratforder Tratsch des späten 17. Jahrhunderts herleiten.

Ich ergänze: Im Verlauf des späteren 17. Jahrhunderts wurde dieser William Shakespeare allmählich als Verfasser berühmt – und nun fragt man sich vor Ort, was man denn von dem nun endlich berühmten Sohn der Stadt noch wisse. Man weiß von einem Autor eigentlich nichts, denn als Autor war der Mann in der Stadt nicht präsent. Aber als Bürger – und da erzählt man sich dann eben so einiges über den Mann, wie man ihn in Stratford kannte, und erzählt eher ins Blaue hinein, spinnt Anregungen fort und macht Geschichten draus … Und verknüpft gelegentlich solche Storys mit Aspekten des Werks.

2. William Shakspere als Schreiber in einer Gerichtskanzlei oder bei einem Anwalt

Die beeindruckende Rechtskompetenz des Autors Shakespeare zwingt zur Annahme, dass er das irgendwo einmal praktisch gelernt haben muss.

Schoenbaum macht’s kurz (S. 156): Er hat nie in einer solchen Funktion gearbeitet. Wenn, dann hätten wir das eine oder andere schriftliche Zeugnis davon.

3. William Shakspere als Schulmeister in Stratford oder anderswo

(Aubrey, nach einer Information von Beeston Jun., Sohn eines Kollegen von William Shakespeare)

Das wäre höchstens als Hilfslehrer, als Abecedarius für die zwei Jahre Vorschule möglich gewesen. Man weiß darüber nichts. Und bringt das etwas für die erforderliche Bildungskarriere des Autors?

4. William Shakespeare springt als Schauspieler ein

1587 spielen die Queen’s Men in Stratford, man weiß das genaue Datum nicht. Im Juni des Jahres ersticht einer der Schauspieler der Truppe einen anderen (offensichtlich in Notwehr) – der Truppe fehlt nun ein Mann, als sie nach Stratford kommt – und unser Will springt ein und meistert seine Rolle – und nun gehört er zu den Queen’s Men und zieht mit ihnen nach London …

Schoenbaum kommentiert die Story kaum. Außer der Frage, ob der Ausfall vor oder nach dem Auftritt in Stratford geschehen ist – wie käme der Nichtschauspieler William Shakspere dazu, auf Anhieb eine wichtige Rolle bei der damals besten Truppe Englands zu übernehmen?

Wahrscheinlich ist: William Shakspere arbeitet brav in der Firma seines Vaters, die finanziell angeschlagen ist. Der Vater braucht alle seine Söhne als unentgeltliche Arbeitskräfte, etwa für den weiteren Wollhandel oder das Handschuh-Handwerk.

1586/87

Fünf Theatergruppen treten in Stratford auf, darunter die Queen’s Men mit dem berühmten Clown Richard Tarlton. (Siehe auch oben, Punkt 4 – Shakspere springt als Schauspieler ein!)

Die Lehrzeit für einen Schauspieler dauert ca. sieben Jahre. Man könnte spekulieren, William Shakspere habe jetzt bei den Queen’s Men mit der Ausbildung angefangen … und sich bis 1593 alle Qualifikationen erworben, um Hauptrollen spielen zu können. (Hat er je eine Hauptrolle gespielt?)

1587

Wann genau geht er nach London, um dort Geschäfte zu machen und die Finanzlage der Familie zu verbessern?

Die Biographen nennen dieses Jahr als das frühest mögliche. Aber im folgenden Jahr müsste er noch in Stratford zu finden sein. Vielleicht geht er nach London (oder wird er dorthin geschickt) erst im Jahr 1588 oder 1589. Wir können es nicht wissen. Damit er sich zum Schauspieler ausbilden lassen und zum Stückeschreiber und perfekten Sonett-Dichter und perfekten Versepen-Meister entwickeln kann, neigen die Biographen zu einem möglichst frühen Datum der Übersiedelung. Sieht man hingegen primär den Theater-Geschäftsmann, der zum Geldverdienen nach London gekommen ist, genügt ein etwas späterer Anfang.

Jedenfalls hat William, als er nach London geht, vermutlich keine finanzielle Unterstützung von seinem Vater, er beginnt bei null. Die Bardologen vermuten, er gehe nach London, um dort seiner Leidenschaft zum Theater nachzugehen. Angesichts der Finanzlage der Familie ist das nicht wahrscheinlich. Das Theater ist für den Mann primär ein Geschäft – das er 20 oder 25 Jahre später aufgibt, als er es nicht mehr braucht.

Er könnte sich zunächst im Stadtteil Bishopsgate – wo er später von den Steuerbehörden gesucht werden wird – niedergelassen haben. Er wirft sich ins Geschäft rund ums Theater und fängt schnell an, erfolgreich Geld zu verdienen. Er wird – vielleicht – zu Greenes shake-scene.

1588

In Stratford findet ein Prozess um Hyptheken statt, in den die Shaksperes verwickelt sind. Vater, Mutter und Sohn William werden dabei genannt. Vermutlich lebt also William Shakspere in diesem Jahr noch in Stratford.

1591

Stratford: John Shakespeare fehlt beim gesetzlich vorgeschriebenen Kirchenbesuch am Sonntag – „aus Angst vor Festnahme wegen Schulden“. Die Stadt listet ihn nicht unter den recusants (den katholischen Gottesdienst-Verweigerern), sondern ausdrücklich unter den neun Bürgern, die wegen Schulden den Besuch nicht riskieren können. Die Kirche war ein Ort, in dem der Sheriff den Schuldner bequem außer Haus finden und in Schuldhaft nehmen konnte.

(Leben die Shakespeares nun in Stratford in Schande? Die Biographen sollten sich die Mühe machen, uns die Situation der Shaksperes in Stratford deutlicher auszumalen. Immerhin kann John Shakspere sein Doppelhaus in der Henley Street bewahren und seine Arbeit als Handschuhmacher plus einigen Handel fortsetzen.)

Der Sohn ist inzwischen in London kommerziell erfolgreich, scheint aber nichts (oder noch nichts) für seinen Vater tun zu können oder tun zu wollen, er will sein erstes Kapital vielleicht lieber investieren und noch nicht ausgeben. (Was sich am Ende als kluge Strategie erweisen wird.)

Als Schauspieler (und, wenn er denn einer wäre: als Stückeschreiber) müsste Shakspere jetzt für die Queen’s Men tätig sein, eine der beiden damals führenden Theatertruppen. Ihr Zentrum ist das Theatergenie William Burbage. (Die wichtigste Konkurrenz sind damals die Lord Strange’s Men – später Admiral’s Men – im „Rose“ mit dem Starschauspieler Alleyn und dem Theatermanager Henslowe, der das auf uns gekommene Journal führt – in dem zwar einige Titel von Shakespeare-Stücken vorkommen, aber nie der Name Shakespeare.)


1592 – 1604

1592

London. „Willelmus Shackspere“ leiht einem John Clayton 7 Pfund.

Wir sind nicht sicher, ob es sich bei diesem Shackspere um den unseren handelt, es ist aber wohl wahrscheinlich. So wäre das erste Lebenszeichen von William Shakspere aus Stratford in der Stadt London ein Geldverleih-Geschäft, damals ein Wuchergeschäft genannt. Dieselben, die in „Shakeshafte“ Shakespeare sehen, verweigern im Falle Shackspere, London, die Anerkennung der Identität – irgendwie passt es ihnen nicht, ihren Barden als Geldverleiher, als Wucherer so früh auftreten zu sehen.

Das Pamphlet Greene’s Groatsworth of Wit warnt drei Stückeschreiber (Marlowe, Nashe und Peele) vor einem Emporkömmling und Wucherer unter den Schauspielern, einen, der sie ausbeutet – vor einem, den der Autor des Pamphlets (Chettle oder Greene) shake-scene nennt. (Damit kann Shakspere gemeint sein; muss nicht, es ist aber wohl wahrscheinlich, dass er es ist. Alternative: Edward Alleyn)

Folgt man diesem Pamphlet und nimmt man an, dass es sich auf den Schauspieler und den Hans-Dampf-in-allen-Gassen des Theaters namens William Shakspere bezieht, dann verdient dieser sein Geld teilweise durch Wucher und durch Manuskriptehandel und verhunzt beim Deklamieren auf der Bühne gelegentlich die Worte der Autoren.

Shakspere könnte ein „Batillus“ sein – ein Manuskriptehändler, der adeligen Autoren ihre Werke abkauft oder klaut und sie den Theaterkompagnien verkauft; adelige Autoren müssen aus Gründen der Standesehre anonym bleiben, dürfen sich fürs Hoftheater, aber nicht für das Theater des Pöbels interessieren und schon gar nicht das Produkt ihrer Mußestunden verkaufen. Der Manuskriptehändler beauftragt und bezahlt auch – eher schlecht – die anderen Texthandwerker, als die Stückeschreiber noch betrachtet werden. Die Aufwertung zum Dichter und Künstler kommt für sie allerdings schon bald.

Stratford: In diesem Jahr ist Vater John Shakspere weiter so hoch verschuldet, dass er nicht einmal mehr an der Sonntagsmesse teilzunehmen wagt – aus Angst, als Schuldner verfolgt zu werden.

Nach Schoenbaum habe sich Shakspere/Shakespeare mit dem Jahr 1592 einen Namen als Bühnenautor gemacht – als versierter Handwerker, der seine Truppe mit zugkräftigen Stücken versorgt. Welche wären es bis dahin gewesen?

    1. Henry VI Teil 1,
    2. Teil 2,
    3. Teil 3
    4. King Richard III
    5. Titus Andronicus
    6. Two Gentlemen of Verona
    7. Comedy of Errors
    8. Taming of the Shrew
    9. Love’s Labour’s Lost (eventuell)

Das macht acht oder neun Stücke. Geschrieben zwischen 1588 oder 1589 und 1592, in etwa drei Jahren. Ohne Vorlauf – ohne Juvenilia, ohne erste Versuche. Aber, so betonen die Stratfordianer, in Kooperation mit anderen (erfahreneren) Autoren, teilweise vielleicht auch einfach als Plagiate der Stücke von anderen. Schon kennt er sich bestens aus in der Welt der Aristokraten, in der Welt des Rechts, mit Italien … schon betrachtet er die Welt aus einer aristokratischen Perspektive. 

In der Tat weisen fast alle diese Stücke auf frühere Jahrzehnte zurück – es muss sie oder Versionen oder Frühformen von ihnen oder unter anderem Titel oder von einem anderen Autor schon in den 1580er Jahren oder sogar noch früher gegeben haben. Auch einen Hamlet hat es schon in den 1580er Jahren gegeben, samt Geist und Racheaktion. 

Zu fragen wäre auch, warum die Konkurrenz – die Lord Strange’s Men (im „Rose“, verbunden mit Alleyn und Henslowe) – mehrere dieser Stücke im Repertoire haben konnte. Der Autor hat also nicht nur für die eigene Truppe geschrieben? Wie wäre das möglich gewesen?

(Nachtrag: Auch King John müsste wohl in die obige Reihe aufgenommen werden.)

1593

Die Pest wütet in London. Von Ende 1592 bis Anfang 1594 sind alle Theater geschlossen.

Venus and Adonis wird mit einer Widmung des Autors, der sich Shakespeare nennt, an den 1574 geborenen Henry Wriothesley, 3rd Earl of Southampten, veröffentlicht. (Die Widmung ist, so Schoenbaum, in einem verbindlichen, aber nicht servilen Ton geschrieben.) Das kleine Werk hat überwältigenden Erfolg. Poesie trägt Kunstprestige – Stückeschreiben noch nicht, es ist eher Handwerk, bei dem Spektakel geliefert wird. Der Name Shakespeare ist nun dank seiner höchst kunstvollen Poesie (und der erotischen Begleitmusik) in den Kreisen der gebildeten Bürger und Aristokraten populär.

Ich zitiere dazu Schoenbaum, S. 240 – und bitte darum, sich den alten Shakspere in Stratford unter seinen dortigen Gesellen vorzustellen:

Gleichzeitig war Shakespeare um einen neuen Leserkreis bemüht: um ein geistig interessiertes, unterhaltungsfreudiges, vom Intellekt durchdrungenes, wenn gleich nicht unbedingt intellektuelles Publikum.

Waren die Angehörigen der Stratforder Oberschicht, zu denen sich der alte Shakspere zurückziehen wird, ein geistig interessiertes und vom Intellekt durchdrungenes Publikum? Eines, das auf einen so skeptischen und beweglichen Geist wie dem des Autors erfreut reagieren wird?

Noch erscheinen keine Stücke unter dem Namen Shakespeare, obwohl er jetzt den Quarto-Verkauf sicherlich gefördert hätte. Erst 1598 wird der geschätzte Name auch auf einigen der Stücke-Quartos stehen und von Francis Meres aufgelistet werden.

Der Autor nennt das Werk in seiner Widmung „the first heir of my invention“. Was heißt das? – Das erste mit meinem Namen gedruckte Werk? Das erste Werk, das man mit dem Namen Shakespeare verbinden wird? – Aber gemeint ist: Das hier gedruckte Werk sei, metaphorisch gesprochen, der erste Erbe. Was ist dann der „Vater“, was ist dann die „invention“, die Erfindung? – Die Erfindung des Namens Shakespeare. Der Schluss ist logisch zwingend. Shakespeare ist ein Pseudonym. 

Der Drucker des Versepos (auch des zweiten im kommenden Jahr) ist Richard Field. Er stammt aus Stratford; Shakspere wird ihn gut gekannt haben: zwei aus der gleichen Kleinstadt, die in der Metropole ihren Weg gehen. Field ist ein Meisterdrucker, liefert hohe Druckqualität. Es fällt dann aber auf, dass er nur diese beiden Versepen von „Shakespeare“ druckt. Die Quartos später wird ein anderer übernehmen. (Field ist der bevorzugte Drucker Burghleys.)

Die Shakespeare-Biographen lassen Shakespeare gern in Fields Bibliothek schmökern. Nennen ihn Fields Freund. – Und übergehen, dass dieser Field ein paar Jahre später, 1598, mit den Lord Chamberlain’s Men in einen für letztere gefährlichen Konflikt geraten wird, als es ums Blackfriar’s geht, das aufwändig in ein Innenraum-Theater umgewandelt werden soll. Es gibt keinerlei Belege für eine nähere Beziehung zwischen Field und Shakspere aus Stratford.

Aus den Jahren um 1593 stammt auch die berühmte Miniatur des femininen Jünglings Southampton. Vermutlich entstehen in dieser Zeit auch die Sonette an den „fair youth“.

1594

Im Frühjahr öffnen die Theater wieder. Die Kompanien ordnen sich neu.

Die Burbages (William und seine Söhne Richard und Cuthbert) organisieren mit anderen zusammen die Lord Chamberlain’s Men. Shakspere wird schon jetzt ein wichtiger, weil finanzkräftiger Teilhaber gewesen sein – und einer der Schauspieler nebenbei. Er könnte, wie Henslowe bei den Admiral’s Men (wir haben die dessen Geschäftsaufzeichnungen) u. a. zuständig gewesen sein für den Ankauf bzw. das Besorgen von Stücken, für die oft teure Garderobe, für den Unterhalt des Theaters, für die Bezahlung der Schauspieler und Hilfskräfte, ebenfalls für deren Anstellung.

Als Teilhaber muss Shakspere 50 Pfund einzahlen. Woher hat er dieses Geld? Geliehen? Oder hat er bereits im Theaterbereich erfolgreich genug gewirtschaftet? – Die Investition lohnt sich. Ich lese, dass er in einem Theaterjahr (also wenn voll gespielt werden kann, was nicht in jedem Jahr der Fall ist) um die 50 Pfund Gewinn machen kann. Das ist mehr als doppelt so viel, wie in Stratford der Vikar und der Schulmeister im Jahr verdienen. Allerdings kommt das Leben in London auch sehr viel teurer.

Für ein ganzes Theaterstück bekommt man von der Kompanie nur um die 7 Pfund. Als einfacher Schauspieler verdient man auch nicht viel. Shaksperes finanzielles Wachstum wird also vor allem aus nicht-künstlerischer, aus theater-geschäftlicher Tätigkeit stammen.

Für Schoenbaum (S. 255) ist Shakespeare nun „der reguläre Dramatiker seiner Truppe in dem Sinn, dass er ausschließlich für sie schrieb: ihr festangestellter Dichter, ihr ‚ordentlicher Poet‘, wie das im elisabethanischen Bühnenbetrieb hieß.“

Dabei interessiert er sich (noch?) nicht dafür, dass seine Stücke auch gedruckt werden. Es geschieht durch Raubdrucker. Entsprechend schlecht fallen die „Quartos“ aus: fehlerhaft in fast jeder Hinsicht. Der Autor bleibt ungenannt. In diesem Jahr:

  • Titus Andronicus
  • Henry VI, 2. Teil (der 3. Teil erscheint im nächsten Jahr)
  • The Taming of a Shrew (nicht: the Shrew)

1594 erscheint im Druck ein weiterer Bestseller, das Vers-Epos The Rape of Lucrece, erneut mit der Widmung eines William Shakespeare an den nun 20jährigen Earl of Southampton.

Die beiden Versepen sind überaus populär – und als geniale Poesie verleihen sie höchstes Künstlerprestige (anders als zu dieser Zeit noch das Verfassen von Bühnenspekakeln). Verbinden jetzt die Zeitgenossen den in den beiden Widmungen genannten Namen Shakespeare mit der Person des Schauspielers und Theatermanns Shakspere aus Stratford? Dafür gibt es keinerlei Hinweise. Man hätte sich mit dem Autor schmücken können … (ihm etwas widmen können, mit ihm brieflich verkehren können, ihn als Poeten engagieren können …) 

Dem geschäftstüchtigen Shakspere aus Stratford wird es nicht unangenehm gewesen sein, wenn ihn mal ein Uneingeweihter mit dem berühmten Verseschreiber verwechselt hat.

Die sehr persönliche Widmung an den Earl of Southampton lautet diesmal (in der altertümlichen Übersetzung, die ich bei Schoenbaum, S. 246, finde):

‚Die Lieb‘, die ich Eurer Lordschaft entgegenbringe, ist ohn Ende: wovon dies Büchlein ohn‘ Anfang blos ein überschüssig Teil ist. Die Gewähr Eurer vornehmen Denkungsart und nicht der Wert meiner ohngebildeten Zeilen sichert mir deren günstige Aufnahme zu. Was ich getan, ist Euer; was ich tun muß, ist Euer; Euch geweiht Eu’r Teil an allem, was ich habe. Wäre mein Wert größer, erwies‘ auch meine Schuldigkeit sich größer. Derweil und wie alle Dinge liegen, ist sie Eurer Lordschaft verpflichtet, der ich ein langes Leben wünsche, noch verlängert durch jedwedes Glück.

In aller Schuldigkeit Eurer Lordschaft

William Shakespeare

An die Schlussformel (langes Leben, jedwedes Glück) wird 1609 Thomas Thorpe in seiner Widmung der Sonette anknüpfen. Der Eindruck, dass die Sonette an den „fair youth“ parallel zu dieser Widmung gelesen werden müssen, drängt sich auf. Die meisten Biographen und Interpreten nehmen an, dass Southampton eben dieser „fair youth“ der Sonette sein muss.

Einmal angenommen, Shakspere wäre Shakespeare und der Autor der Versepen und der Widmung (und der Sonette): Welches Verhältnis hatte er dann zu dem höchst-adeligen Southampton? Die meisten (eventuell alle?) Biographen sprechen davon, dass der Earl der Patron unseres Barden war. In den umfangreichen Papieren Southamptons findet sich aber absolut nichts darüber. Einige Biographen nehmen dennoch an, dass Shakespeare sogar in den Schlössern des Grafen verkehrt habe. Alle stellen aber auch fest, dass es später keinen Patron mehr für Shakespeare gibt.

Nimmt man an, der Stratforder commoner habe die zum Teil ziemlich problematischen fair-youth-Sonette an den Earl of Southampton gerichtet, müssten sie sich fragen, wie das angesichts des gewaltigen Standesunterschieds möglich gewesen sein soll. Die beiden Personen dieser Sonette begegnen sich auf Augenhöhe …

(Darum überwiegt bei der Sonett-Betrachtung unter den Stratfordianern der biographie-feindliche Ansatz: Es ist bei Shakespeare alles nur Sonett-Theater. Der Autor spielt nur, tut so als ob, sein lyrisches Ich hat mit dem Alltag seines wirklichen Ich wenig zu tun.)

Rowe, der erste der Shakespeare-Biographen, informiert seine Leser 1709:

Es gibt da ein einzigartiges Beispiel für die Großzügigkeit dieses Shakespear-Gönners, daß, wär‘ mir nicht versichert worden, die Geschichte sei über Sir William D’Avenant auf uns gekommen, der wohl recht vertraut mit seinen Affairen gewesen ist, ich nicht gewagt hätte hierher zu setzen, wie mein Lord Southampton ihm einmal Eintausend Pfund ausgehändigt, um ihn in den Stand zu setzen für einen Ankauf, den, wie dem Earl zu Ohren gekommen sei, der Dichter beabsichtigte.

Im Jahr 1594 war der Earl of Southampton in argen Geldverlegenheiten. 1000 Pfund damals wären heute bei uns ungefähr eine Million Euro …

1596 kauft Shakspere „New Place in Stratford. Angeblich zahlt er dafür nur 60 Pfund. (Es wird das doppelte gewesen sein, aber immer noch weit unter 1000 Pfund.)

Bei diesen 1000 Pfund klingeln den Oxfordianern natürlich die Ohren. Genau 1000 Pfund erhielt der Earl of Oxford jährlich von der Queen …

So gehen beim Hörensagen und beim InsBlaueHineinErinnern mit der Zeit die Geschichten ineinander über.

1595

März: Für Aufführungen am Hof im vorherigen Dezember erhalten die Diener des Lord Chamberlain, William Kempe, „William Shakespeare“ und Richard Burbage 20 Pfund. Es ist das früheste eindeutige Zeugnis für William Shakspere aus Stratford in London, noch dazu in „richtiger“ Schreibweise.

Oder ein Versehen des Schreibers am Hof, der die finanzielle Aktion verspätet einträgt? – Oder hat es damit zu tun, dass der Schatzmeister in diesem Jahr stirbt, höchst unvollständige Belege hinterlässt, woraufhin die Queen von der Familie (Southampton) über 500 Pfund zurückfordert – und diese nun versucht, nachträglich Ausgabenbelege zu erstellen und sich dabei ziemlich vertut, jedenfalls in dem uns hier interessierenden Eintrag: Am festgehaltenen Tag haben nicht die Lord Chamberlain’s Men am Hof gespielt, sondern die Admiral’s Men … Und Shakespeare war dem, der hier den Nachtrag niederschreibt, vielleicht bekannt, dass der Autor einiger Stücke einer mit dem nom de plume Shakespeare war.

Es kann auch sein, dass tatsächlich unser Shakspere aus Stratford gemeint war – als einer der Haupt-Shareholder – und diesen wird das Geld ausgezahlt.

Jedenfalls fällt auf, dass in diesen 1590er Jahren viele berühmte Schauspieler aufgetreten sind, deren Namen und Auftritte und Bezahlung etc. wir erfahren – aber nur dieses eine Mal ist Shakespeare unter den Genannten. Offensichtlich war Shakespeare zwar Schauspieler, aber nicht prominent genug, um wie Alleyn, Burbage, Kempe und einige andere in aller Munde zu sein und so in vielen dokumentarischen Fußspuren als Stars für uns erkennbar zu werden.

1596

August: Shaksperes 11jähriger Sohn Hamnet wird in Stratford-upon-Avon beerdigt. Der männliche Erbe ist tot. Möglicherweise war der Junge seit seiner Geburt behindert. (Annahme von Graham Holderness in Edmondson/Wells, Shakespeare’s Circle, S. 103)

(Es ist noch die Zeit der Sonette; Shakspere schreibt keines über diesen Verlust. Auch kein Trauergedicht. Die Orthodoxie vermeint, in einige traurigen Zeilen des Shakespearestückes King John ein Echo zu vernehmen. In den Sonetten geht es um ganz andere Nöte des Autors …)

Oktober. London: „John Shaksperebeantragt die Verleihung eines Wappens. Nach kurzer Zeit erneuert er den Antrag. Offensichtlich ohne Erfolg. Er bleibt Yeoman, wird nicht Gentleman. (Die finanzielle Lage muss sich immerhin in der Zwischenzeit sehr gebessert haben.) Vermutlich kommt der Antrag nur im Namen von John, wird aber vom ehrgeizigen Sohn gestellt. Siehe dazu 1599 und 1601!

Gegen vier Personen, darunter „William Shakspere„, wird ein gerichtliches Friedensgebot erlassen: William Wayte (u. a. ein Wucherer) fürchtet, dass u. a. William Shakspere ihn körperlich angreifen könnte und beantragt deshalb Schutz. Der Besitzer des Swan-Theaters (und notorische Wucherer) Francis Langley, gehört zu Shaksperes Partei, zu den Personen, die Wayte bedrohen.

(Frage: Was bedeutet das? Was sagt uns das über Shakspere? Die Biographen interessieren sich nicht dafür. Es passt irgendwie nicht zu „ihrem“ Shakespeare. Also übergehen sie es. Schoenbaum widmet dem Fall immerhin die Seiten 275-277. Interessant wäre eine Vertiefung durch den Vergleich mit ähnlichen Fällen im damaligen London.)

Malones Annahme aufgrund von Dokumenten, die inzwischen verloren gegangen sind: Zwischen 1596 und 1608 wohnt Shakspere, wenn er mal nicht in Stratford, sondern in London ist, in wechselnden Mietwohnungen im Stadtteil Southwark, am Südufer der Themse, wo auch die Theater stehen – außerhalb des Zuständigkeitsbereichs der puritanisch orientierten, theaterfeindlichen Stadtregierung Londons.

1597

London. Shakspere soll Steuern für einen Besitz in Bishopsgate bezahlen, ist von den Steuerbehörden aber nicht aufzufinden. Möglicherweise hält er sich am anderen Ende der Stadt, in Southwark auf. (Sein Besitz in Bishopsgate wird auf 5 Pfund eingeschätzt, die Steuer dafür wären 5 Shilling gewesen.)

Shakspere hat also zunächst in NO Londons, Shoreditch/Bishopsgate gewohnt. Hierzu überliefert Aubrey anekdotisch etwas, das er von dem Schauspieler Beeston hat, dessen Vater damals Kollege des Schauspielers Shakspere gewesen war: 

Um so mehr war er zu bewundern, weil er wenig in Gesellschaft ging; er lebte in Shoreditch, wollte von Besäufnissen nichts wissen, und wenn man ihn einlud zu schreiben, war er in Not.

Das müssen wir im Original zitieren, denn hier entbrennt eine interessante Kontroverse:

& if invited to writ; he was in paine.

& invited to, writ: he was in pain.

Die manipulierte zweite Version, die Schoenbaum (S. 347) bringt, entspringt dem Bemühen, die Katastrophe der ersten Version zu verhindern:

Und schrieb, wenn eingeladen: er sei leidend.

Stratford-upon-Avon: „Willielmim Shakespeare„, jetzt 33, kauft New Place, eines der größten Häuser in der Stadt, für wenigstens 60 Pfund (der Preis ist Fiktion, es wird sich insgesamt eher um 150 Pfund gehandelt haben). Unser Mann ist also inzwischen wohlhabend.

Er gehört nun zur lokalen Oligarchie, wird aber nie ein Amt in der Stadt übernehmen – nie wird er alderman, chamberlain oder gar bailiff. Warum nicht? Er wird sich auch nicht mit finanziellen Beiträgen für die Stadt hervortun – wenn er geben muss, bleibt es beim unvermeidlichen Minimum.

London: Shakspere erhält eine zertifizierte Urkunde für den Kauf von New Place.

Shakspere hält sich nun jedes Jahr längere Zeit in Stratford auf, etwa um sich um die Renovierung seines großen Hauses zu kümmern und um seine weiteren Investitionen dort. Von London nach Stratford dauert die Reise zu Pferd normalerweise drei Tage. Diese Aufenthalte in Stratford dürften seine weiteren schauspielerischen Aktivitäten eingeschränkt haben. Offensichtlich ist er abkömmlich, wird er als Schauspieler (und Regisseur und Intendant) kaum gebraucht. Als Manager und Teilhaber hingegen bleibt er wichtig – und verdient er dickes Geld.

Er kauft keine Wohnung in London, sondern wohnt dort immer nur zur Miete. Wir erkennen: Sein Leben orientiert sich nach Stratford, hin zum landstädtischen Leben – ohne Bücher, ohne die Welt der reichen und hohen Kultur, die er in London findet und die ihm wohl nicht attraktiv genug erscheint. (Shakspere könnte sich jetzt ein Haus eine Meile außerhalb der Stadt leisten … Dann könnte er gesundes Landleben mit dem anregenden Stadtleben verbinden, Gelehrte, Dichter, Musiker einladen … Nun, er hat andere Prioritäten. Nicht unbedingt die, die wir vom Autor der Werke Shakespeares erwarten würden.)

Stratford: Shakspere handelt mit Getreide, das er hortet, während eine Hungersnot gerade die Preise hochtreibt.

London (schon 1596?): Die Lord Chamberlain’s Men haben Probleme mit ihrem Theater, The Curtain, das sie nur angemietet haben. Der kreative Theaterunternehmer Burbage stirbt und hinterlässt seinen Söhnen Schulden.

Vergeblich hat er versucht, ein eigenes Theater in einem geschlossenen Gebäude zu bekommen – Blackfriars. Es liegt eigentlich im Stadtgebiet, untersteht aber als aufgelassenes Kloster nicht der Stadtregierung, sondern der Krone. Insofern wäre Theater dort möglich.

Mit dem Theater unter Dach wird es aber erst 10 Jahre später etwas – es wird ein neues Kapitel in der Theatergeschichte eröffnen, denn diese Art von Theaterraum schafft neue Möglichkeiten für die Theaterkunst.

Die Anwohner verhindern vorerst das Blackfriars-Projekt – unter ihnen ist auch Richard Field, der Drucker der beiden Versepen und angebliche Freund unseres Shaksperes. Die Nachbarn erwarten zuviel Lärm und fürchten die Sittenlosigkeit des Theaterbetriebs – im Bürgertum beginnt die puritanische Theaterfeindlichkeit zu grassieren, die zunächst verhindert, dass Theater in Zuständigkeitsbereich der Londoner Stadtregierung möglich wird. 1642 wird Theater in England ganz verboten.

Ben Jonson landet wegen eines aufrührerischen Theaterstücks (Die Hunde-Insel) im Gefängnis; kurzfristig werden danach vom Hof sogar alle Theateraufführungen in London verboten, die (puritanische) Stadtregierung bemüht sich darüber hinaus zu erwirken, dass alle Theater auf Dauer geschlossen werden.

Das Hoftheater selbst ist damit nicht gemeint. Dagegen werden die Puritaner erst etwas machen können, wenn sie dem Hof selbst Vorschriften zu machen imstande sein werden … Das Publikums-Theater erreicht in den kommenden Jahren den Höhepunkt seiner Popularität – parallel dazu wächst aber auch diese oft rabiate Theaterfeindlichkeit im Bürgertum. Bald wird es zum Beispiel in Stratford zum offiziellen Verbot von Theateraufführungen kommen.

Die bescheidene Rolle, die die Biographen Shakespeares diesem politisch-religiösen Ringen ums Theater geben, fällt auf. Die Sache wird erwähnt – aber kaum analysiert und kaum auf Shakespeares Leben und Dichten bezogen.

Eine Serie schlechter Quartos mit Shakespeare-Stücken kommt auf den Markt, anonym:

  • Richard II
  • Richard III
  • Romeo and Juliet

1598

London: William Shakespeare wird wieder als ausständiger Steuerzahler wegen seines Besitzes in Bishopsgate genannt. Dieses Jahr wären ca. 13 Shilling fällig gewesen.

Stratford-upon-Avon: „William Shackspeare“ wird angeklagt, Getreide während der Hungersnot gehortet zu haben.

Zwei Nachbarn (Abraham Sturley und Richard Quiney) hoffen, von „Mr. Shakspere“ Geld leihen zu können. Richard Quiney schickt den Brief, in dem er darum bittet, nicht ab. Quiney schreibt:

You shall friend me much in helping me out of all the debts U owe in London … and if we bargain further you shall be the paymaster yourself.

Diana Price, Shakespeare’s Unorthodox Biography. 2013. Seite 101

„Mr. Shaxpere“ erhält 10 pence für den Verkauf einer Ladung Steine.

London: „Willehelmus Shakespeare“ wird erneut als Steuersünder gesucht.

In diesem Jahr kommen plötzlich und überraschend eine Reihe von guten, also zuverlässigen Quartos auf den Markt, die erstmals mit einem Autorennamen, im vorliegenden Fall mit dem Namen Shakespeare bzw. Shake-speare geschmückt sind. Es wird allmählich üblich, auf dem Titelblatt Autorennamen zu nennen.

  • Richard II
  • Richard III
  • Love’s Labour’s Lost

Ohne Namensnennung, die aber im folgenden Jahr nachgeholt wird:

  • King Henry IV

Bei diesem Stück gab es Aufregung. Der, der später Falstaff sein wird, erscheint unter dem historisch vor allem für Puritaner und für die adelige Familie bedeutsamen Namen Oldcastle. Der Protest war heftig, der Name wurde umgehend geändert.

Francis Meres: Palladis Thamia. Dieses ebenso umfangreiche wie oberflächliche wie skurrile Sammelwerk enthält einen Abschnitt übers zeitgenössische Theater. In ihm wird „William Shakespeare“ erstmals nicht nur als Dichter der Versepen, sondern als Dramatiker, und noch dazu als der hervorragendste seiner Zeit benannt. Sechs Tragödien und sechs Komödien werden aufgezählt – (nicht alle; das hat mit der skurrilen Seite des Autors zu tun, seiner Zahlenpedanterie. Mehr dazu in der Oxford-Hälfte dieser Website.)

6 Komödien nennt Meres:

  • Die beiden Veroneser
  • Irrungen
  • Verlorene Liebesmüh
  • Gewonnene Liebesmüh
  • Sommernachtstraum
  • Kaufmann von Venedig

Die sechs Tragödien:

  • Richard der Zweite
  • Richard der Dritte
  • Heinrich der Vierte
  • König Johann
  • Titus Andronicus
  • Romeo und Julia

Love’s Labour’s Won ist ein Rätsel. Versteckt sich eine Shakespeare-Komödie unter anderem Titel darunter? (Vielleicht Much Ado about Nothing? The Taming of the Shrew? End’s Well All’s Well?)

Ben Jonson betritt nach einem ersten Reinfall erneut die Bühnenwelt mit seinem Stück Every Man in His Humour (Jeder, wie er kann). Er erwähnt 1616, bei der Herausgabe seines Gesamtwerks, Shakespeare als Schauspieler bei der Premiere. Im Jahr darauf, bei der Premiere von Every Man Out of His Humour, wird Shakespeare nicht mehr genannt; aber bei der Premiere von Sejanus, 1603, noch einmal.

In welchem Verhältnis stand Ben Jonson zu Shakspere aus Stratford, in welchem zum Autor Shakespeare? Es lohnt sich selbst für Stratfordianer, beides auseinanderzuhalten. Was sagt Ben Jonson über den Menschen, was über den Dichter? Es ist alles bemerkenswert ambivalent und lädt zu widersprechenden Interpretationen ein.

1599

William Shakspere bekommt endlich sein Wappen und seine Standeserhöhung zugestanden. Er ist jetzt Mr. und gent. in spe. Siehe 1601! (Ein Indiz, dass die Shaksperes keine Katholiken waren. Sie wären sonst abgelehnt worden.)

Shakspere wird Gründungs-Anteilseigner des neuen großen Globe-Theaters. Möglicherweise ist er der wichtigste der Anteilseigner, d. h. der mit dem höchsten Einsatz. Er steht als erster auf der Liste der Anteilseigner.

Das Konsortium trägt die Kosten für die Pacht des Bauplatzes, für den Bau, für die Renovierungen, für den Betrieb. Den Gewinn teilt man entsprechend der Anteile. Gemeinsam fällt man die Entscheidungen über Investitionen.

Wie hoch war Shaksperes Anteil? Die Burbages tragen die eine Hälfte, fünf weitere, darunter Shakspere, die andere. (Es ist noch komplizierter – es gibt noch Treuhänder und Mitpächterschaft. Fällt ein Treuhänder aus, geht sein Anteil nicht an die Erben. Kann der Anteilseigner seinen Anteil an andere verkaufen? Manche nehmen es an, andere verneinen es.

Schoenbaum schätzt Shaksperes Anteil alles in allem auf etwa ein Zehntel vom Ganzen, ein Anteil, der aber gelegentlich rauf und gelegentlich runter geht. (Vgl. S. 291ff)

Wieviel verdient Shakspere am Theater pro Jahr? – Schoenbaum legt sich nicht fest. Die Größenordnung sieht er wohl bei 200 Pfund.

Gibt Shakspere gegen Ende seines Lebens seinen Anteil auf? Verkauft er ihn? – Im Testament ist jedenfalls nicht mehr von einem Anteil am Theater die Rede – wohl deshalb, weil er nicht vererbbar (und vorher auch nicht verkaufbar?) war.

Noch ein Zuckerl für die Oxfordianer:

In einem Tagebuchvermerk notiert Reverend John Ward, Vikar zu Stratford 1661-1663: Um die Bühne jährlich mit zwei neuen Stücken zu versorgen, habe der Dichter „ein so großes Jahrgeld“ bezogen, daß er „bis zu 1000 Pfund jährlich ausgeben konnte, wie ich vernommen habe“.

Wieder, wie schon bei Rowe 1709 (siehe die Notiz zu 1594), der Hinweis auf 1000 Pfund, die Shakspere diesmal nicht vom Earl of Southampton zukommen, sondern von einer ungenannten Quelle, und noch dazu, wie beim Earl of Oxford, als Jahrgeld. 

Es muss da ein Gerücht in der Luft gewesen sein, das von den jährlichen 1000 Pfund der Queen für Oxford übertragen wurde auf Shakspere aus Stratford, der nach dem Tod der letzten Zeitzeugen einzig als Autor der Werke, als Shakespeare, in Frage kam.

Immer noch suchen die Bishopsgater Behörden diesen Wilhelmi Shakspeare wegen der ausstehenden Steuer. (Man kann sich fragen, ob dieser wirklich „unser“ William Shakspere ist.)

Ein anonymes Theaterstück wird veröffentlicht: George a Greene. George Buck (der später einmal Master of the Revels wird) fragt unseren William Shakspere, ob er der Autor sei bzw. ob er den Autor kenne. Shakspere antwortet ausweichend.

In der Gedichte-Antologie The Passionate Pilgrim stehen zwei der später (1609) veröffentlichten Sonette (Nr. 138 und 144). Der Herausgeber schwindelt den Käufern vor, die meisten Gedichte in dem Buch seien von Shakespeare. (Mehrere Gedichte sind vom Earl of Oxford.)

1600

London: Wilhelmus Shackspere versucht, den Kredit, den er 1592 einem John Clayton gegeben hat, zurückgezahlt zu bekommen. (Unklar, ob das „unser“ Shakspere ist.)

Ein letztes Mal erwähnen die Behörden von Bishopsgate Shakspere als säumigen Steuerzahler.

Um dieses Jahr herum entsteht ein Manuskript, das sich – wenn auch in chaotischem Zustand – erhalten hat: Das Buch von Sir Thomas More. Wohl unter der Leitung von Anthony Munday (der zur Admiral’s Truppe gehört) haben einige Stückeschreiber in Kooperation dieses Drama geschrieben – die Zensur hat es dann abgelehnt; es wurde nie gespielt und nie gedruckt.

Interessant für uns ist besonders eine Szene von hoher Qualität darin, die von Shakespeare stammen könnte: die Szene vom Bösen Ersten Mai. Sie erinnert tatsächlich sehr an eine ähnliche Szene in Coriolan und steht Shakespeares Stil sehr nahe.

Vor allem die Handschrift hat es den Stratfordianern angetan. Es gibt ja sechs (wenn auch krakelige) Unterschriften von Shaksperes Hand – das ist die Grundlage für den Handschriftenvergleich … Da gebe es unbedingt Ähnlichkeiten beim Buchstaben a … und silence werde im Manuskript achtmal zu scilens verschrieben, was auch in einer Quartoausgabe von Henry IV Teil 2 passiere …

Ist die Textgrundlage für den Vergleich nicht etwas karg?

Sprechen die Unterschriften für die Handschrift eines im Schreiben geübten Mannes?

Müssten beim Vergleich nicht auch Unterschiede im Schreiben der Buchstaben gewertet werden? (Das a mag ähnlich sein, aber die anderen Vokale fallen vielleicht ganz verschieden aus …)

Wer hat es zu verantworten, wenn in der Quarto-Ausgabe von 2HenryIV silence zu scilens verdorben wird? Der Autor etwa?

Wie käme der Stammautor der Lord Chamberlain’s Men dazu, gemeinsame Sache zu machen mit dem Konkurrenzunternehmen?

– Fragen eines Laien an die Experten.

Die Manuskriptszene ist von einem versierten Schreiber sehr rasch und oft überhastet geschrieben worden – es sieht so aus, als ob sie ihm diktiert worden ist. Ackroyd, so erinnere ich mich, macht daraus eine Charaktereigenschaft von Shakespeare. Er ist sich völlig sicher, dass wir hier Shakespeare beim Verfassen des Textes über die Schulter schauen. Die Einfälle überallen das Genie so schnell, dass es mit dem Schreiben kaum nachkommt. 

1601

Stratford: Shaksperes Vater stirbt, wird am 8. September begraben – nicht als gent. (also ohne Standeserhöhung, die sich also nur auf den Sohn bezieht. An sich kann sich William erst nach dem Tod des Vaters gent. nennen. Er tut dies im Oktober für uns zum ersten Mal sichtbar.

Thomas Wittington stirbt. In seinem Testament werden die Vollstrecker aufgefordert, 40 Pfund zurückzufordern, die er der Frau Wylliam Shacksperes geliehen hatte. (Spricht dies dafür, dass Shakspere seine Frau in Stratford hat Schulden machen lassen, indem er ihre Bedürfnisse vernachlässigt hat, oder dafür, dass sie für ihren Mann wirtschaftlich tätig war und insofern auch einmal Kredit aufnehmen musste?)

Our fellow Shakespeare“ wird in einem Theaterstück der Universität Cambridge bloßgestellt.

Zwei Dokumente nennen Richard Burbage und „William Schackspeare gent.“ als Besitzer des Globe.

Es ist das Jahr der Essex-Rebellion. Die Globe-Leute sind auf gefährliche Weise darin verwickelt – es geht aber für sie glimpflich aus. Ein später dafür hingerichteter Mann der Rebellion zahlt den Lord Chamberlain’s Men einiges Geld, damit sie King Richard II samt Absetzungsszene im Globe aufführen.

1602

Stratford: Shakespeare schlägt groß zu! Er kauft über 100 acres Grund und Boden von der Combe-Familie für 320 Pfund (das entspräche heute etwa 200 000 Pfund oder mehr). Er kauft auch ein Cottage in der Chapel Lane.

Shakspere gehört jetzt zu den Landeigentümern, zur lokalen Gentry. Er ist Pachtherr, zahlreiche Pächter sind ihm untergeben und haben ihre Pacht zu entrichten. Jahres-Pachteinnahme: ca. 25 Pfund.

Manninghams William-der-Eroberer-Anekdote. „William der Eroberer“ kommt „Richard“ (dem zweiten oder dritten) (hier: Burbage) zuvor. – Ehebruch?!

1603

London: „William Shakespeare“ wird auf der Liste der „King’s Men“ aufgeführt, früher „The Chamberlain’s Men“. Sie stehen nun – nach dem Tod der Queen – im Dienste des theaterbegeisterten neuen Königs, Jakob I. (in Schottland James VI.).

Bis 1603 war Lordkämmerer Henry Carey, Lord Hunsdon, der Theaterbeauftragte der Queen. Die „Lord Chamberlain’s Men“ hatten insgesamt 32 Vorstellungen am Hof – oft dabei war wohl auch William Shakspere, sei es als Schauspieler, sei es als Theatermanager.

Jetzt übernimmt der König persönlich die Schirmherrschaft über die Truppe; zwischen 1604 und 1616 wird sie 177 Vorstellungen am Hof geben.

1604

London: Shakspere mietet Räume von der Mountjoy-Familie in Cripplegate, Silver Street und vermittelt in einer Eheangelegenheit der Familie.

Auf einer Liste der Schauspieler, die eine rote Zeremonial-Livree vom König finanziert bekommen, steht „William Shakespeare“ an erster Stelle. Mit den anderen King’s Men nimmt er an der Krönungsparade teil.

Stratford: Im März, April und Mai verkauft Shakspere Malz an Philip Rogers. Im Juni leiht er ihm zwei Shilling. Danach verklagt der Rogers – es geht um die Zahlung von 1 Pfund 15 Shilling. Shaksperes wachsender Besitz in Stratford wird in einem lokalen Überblick registriert.


1605 – 1616

(Man beachte: Es gibt keine Dokumente, die unseren Shakspere einmal als Autor ausweisen würden. Immer ist er entweder Schauspieler oder Geschäftsmann. Die unter dem Namen Shakespeare veröffentlichten oder angesprochenen Werke werden nie auf den Mann aus Stratford bzw. auf den Schauspieler bezogen. Kein anderer Autor schreibt ihm oder schreibt über ihn als Autor oder widmet ihm ein Werk. Ein Dokument nach dem andern verrät uns etwas über Shaksperes geschäftliches Leben – und keines über sein – angeblich – schriftstellerisches.)

1605

Stratford: „Shakspear“ investiert 440 Pfund (heute: 250.000 Pfund oder mehr) in „tithes“, Zehntgüter, Pachtgüter, die jährlich einen Ertrag von 40 bis 50 Pfund abwerfen. Schon 1602 ist er Landeigentümer geworden, Pachtherr, neues (vielleicht misstrauisch beäugtes) Mitglied der lokalen Gentry; jetzt baut er diese Position aus und kommt nun schon auf 75 Pfund arbeitsfreies Einkommen pro Jahr. (Die Zehntrechte der Kirche an der landwirtschaftlichen Produktion sind mit der Reformation an die Krone übergegangen, die sie nach und nach an privat verkauft. Der Verkauf läuft schon seit längerem. Jetzt springt auch der neureiche Shakspere auf die Sache an.)

Seine Londoner Engagements als Anteilseigner des Globe und als „housekeeper“ des Globe könnten sich im Jahresdurchschnitt auf 150 Pfund oder mehr belaufen.

London: Der Schauspieler Augustine Phillips stirbt und vermacht „seinem Kollegen William Shakespeare“ ein Goldstück über 30 Shilling.

1606

Susanna Shakspere wegen Nichtteilnahme an der Kommunion beim Ostersonntagsgottesdienst angezeigt.

Vielleicht hat sie als Puritanerin einige Formen des anglikanischen, also noch halb-katholischen Gottesdienstes abgelehnt. Einige Biographen nehmen an, sie habe als Katholikin den Gottesdienst verweigert. Wie wahrscheinlich ist das, wenn sie im Jahr darauf einen entschiedenen Puritaner heiratet? Es wäre uns gedient, wenn jemand ohne Vorurteile in der Sache das Dokument und seine möglichen Interpretationen analysieren würde. Auch wenn dabei herauskäme, dass Susanna Shakspere tatsächlich katholische Neigungen hatte, wäre das interessant: Wie kann sie dann einen scharfen Puritaner heiraten – bzw. dieser sie? Nicht, dass ich es für unmöglich halte – aber erklärt haben möchte ich es doch! Unsere werten Biographen machen sich leider nicht die Mühe.

1607

Stratford: Tochter Susanna „Shaxspere“ heiratet den Puritaner und Arzt John Hall.

Das wird nicht ohne Einverständnis mit dem Vater möglich gewesen sein. Ist der Schwiegersohn als Puritaner nicht auch ein Theaterfeind?

Schoenbaum nennt ihn nur einen „untadeligen Protestanten“, ohne auf das Theaterproblem einzugehen und ohne sich zu fragen, wie Halls Beziehung zu einer Papistin – für die er Susanna hält – zu denken wäre.

Vermutlich vereinbaren Shakespeare und Hall hier bereits, dass die Halls die Haupterben sein werden. Das geschieht dann auch im Testament 1616. William Shakspere hat nun einen Schwiegersohn im Haus, der als Calvinist mit dem Theater auf Kriegsfuß stehen müsste …

Wieder meine Frage an die Biographen: Warum thematisiert ihr das nicht? Vielleicht gibt es einleuchtende Erklärungen – es ist viel möglich unter dem Himmel. Aber wozu sind Biographen da, wenn nicht dazu, die Seltsamkeiten im Leben ihres Protagonisten darzustellen und auszuleuchten!

Der bedeitemde Historiker William Camden (1551-1623) hat 1586 ein Werk verfasst, in dem er u. a, Ort für Ort auf die bedeutend gewordenen Personen hinweist, die aus ihr stammen: Britannia. Spätestens bei der letzten aktualisierten Auflage, der des Jahres 1607, hätte Shakespeare als Stratforder genannt werden müssen. Wenn nicht für die Theaterstücke, so doch für die hoch geschätzten zwei Versepen hätte Shakespeare die Würdigung verdient. Warum hat Camden ihn nicht nachgetragen?

1608

Stratford: Ralph Hubaud, von dem Shakspere die Zehntgüter gekauft hat, stirbt. „Mr. Shakspre“ soll 20 Pfund zurückzahlen.

„Shackspeare“ verklagt John Addenbroke wegen einer Schuld von 6 Pfund (plus Zinsen); dieser verzieht; „Shackspeare“ verklagt daraufhin dessen Bürgen.

London: „William Shakespeare“ wird Partner von Burbage beim Blackfriars Theater. Shakspere ist einer der Haupt-Teilhaber. Es geht um den großen Saal des großen alten Dominikanerklosters, das mit der Reformation aufgehoben und von der Krone in Besitz genommen worden ist. Der Blackfriars-Komplex unterliegt nicht der Zuständigkeit der theaterfeindlichen Stadtregierung. Im Gegensatz zum Globe mit ca. 3000 fasst das Blackfriars nur ca. 700 Zuschauer – diese aber finden alle einen Sitzplatz und sehen die Aufführung in einem Innenraum, der durch Kerzen günstig beleuchtet wird. Mindesteintrittspreis: 6 Pence. (Im Globe: 1 Pence). Das Blackfriars erweist sich als profitabler als das Globe. Die Klientel ist hier kultivierter, elitärer, es geht ruhiger zu, weniger spektakelhaft, dem sich anbahnenden Kunstcharakter des Schauspiels angemessen. Mit diesem Innenraum-Theater wandelt sich das Theater selbst, es wird allmählich zu dem, was es später, auf ihrem Höhepunkt in den 200 Jahren vor dem Sieg der Film-Konkurrenz wird. In der Zeit von King James wird das Blackfriars nur im Winter bespielt; im Frühjahr wechselt man wieder zum Globe.

1609

Shakspere verfolgt weiter Addenbroke wegen dessen Schuld von 6 Pfund.

London: Die Sonette werden veröffentlicht – unter dem Autorennamen Shakespeare. Schoenbaum: Offensichtlich ist es eine unautorisierte Edition. Der Autor Shakespeare hat daran keinen Anteil.

Schoenbaum versucht nicht zu erklären, wie es zur vom noch lebenden Autor unautorisierten Veröffentlichung eines so wichtigen und persönlich-problematischen Werks kommen kann. Warum bemüht er sich nicht um eine Erklärung? – Der Blick auf diejenigen, die Erklärungen vorschlagen, zeigt: Es gibt keine plausiblen Gründe. Also belässt Schoenbaum es einfach dabei. Es war ebenso. Daraus entsteht allerdings ein rationaler Zweifelsgrund: Die einzige logisch zufriedenstellende Erklärung ist die, dass Shakespeare ein Pseudonym ist und dass der Autor nicht mehr lebt.

Ungelöst ist auch der Adressat der Widmung, Mr. W. H., the only begetter of these ensuing sonnets. Henry Wriothesley, 3rd Earl of Southampton ist der wahrscheinliche Mann, aber es ist nur eine gute, wahrscheinliche Theorie, kein sicheres Wissen. Schoenbaum gesteht, auch hier keine eigene Theorie anbieten zu können.

Wie aber steht es um seinen Kommentar zur Formulierung:

DAUER. BESCHIEDEN. SEI. UNSERM. FORT-LEBENDEN. POETEN

Der Poet ist nach damaligem Verständnis von ever-living / fort-lebend nicht mehr unter den Lebenden. Schoenbaum übergeht dieses für die Biographie des Autors wohl nicht ganz unwichtige Detail. Woraus ich wiederum schließe, dass er uns dazu keine Erklärung anzubieten hat. Was wiederum bedeutet: Wir können sicher davon ausgehen, dass der Autor Shakespeare im Jahre 1609 tatsächlich tot war.

Und schließlich noch ein Gedanke von mir selbst: Halten die Stratforder ihren Shakspere für den Autor der Dark-Lady-Sonette? Für einen bekennenden Ehebrecher? Für einen, der ein für damalige Verhältnisse ziemlich pornographisches Gedicht publiziert (das Will-Sonett)? Auf jeden Fall ist es seltsam, wenn die Widmung nicht vom – noch lebenden – angeblichen Autor aus Stratford geschrieben wird, und wenn in der Widmung der Autor, „unser Shakespeare“, als verstorben bezeichnet wird.

Ich würde alle Biographen darum bitten, sich und uns auszumalen, wie die Publikation der Sonette im biederen, halb puritanischen Stratford-upon-Avon eingeschlagen haben muss. Wie Shakspere vor den Kirchengerichtshof zitiert wird. Wie freche Jugendiche das Will-Sonett nächtens unter seinem New-Place-Fenstern grölen …

Noch eine kleine Zugabe von Schoenbaum (S. 392), unfreiwillig zum Thema:

Stratford war eine engverknüpfte Gemeinschaft, in der sich jeder Skandal schnell herumsprach und daher ebenso schnell unterdrückt werden musste.

Wie wurde dann der Sonett-Skandal unterdrückt?

Troilus & Cressida wird gedruckt – mit einem rätselhaften Vorwort (von Ben Jonson?) – es spricht von „den Absichten der großen Besitzer“ und davon, dass das Stück bisher noch nicht durch Aufführung vor dem Pöbel verdorben worden sei (also bisher nur in adeligen Häusern oder bei Hofe aufgeführt worden sei). Wer sind die – hier kritisierten – großen Besitzer? – Die King’s Men – oder eine aristokratische Familie, die das Manuskript in der Hand hatte?

1610

Stratford: William und John Combe übertragen „Shakespere“ Besitz.

Man nimmt allgemein an, dass Shakspere nun überwiegend oder sogar ganz in Stratford lebt und London nur noch gelegentlich besucht.

1611

Stratford: Die 1605 erworbenen Pachtgüter bringen „Shakespear“ jährlich netto 10% (bei 14% brutto) ein. „Shaxper“ hat Robert Johnson eine Scheune vermietet. Außerdem schützt „William Shackspere of Stratford-upon-Avon“ zusammen mit zwei anderen seinen Grundbesitz vor eventuellen Konkursen anderer.

Einige Stratforder tragen Geld bei zur Verbesserung der Straßen. „William Shackspere“ erscheint auf dieser Liste erst nachträglich.

Am Allerheiligenabend wird am Hof, im Banketthaus von Whitehall, The Tempest aufgeführt. Wann hat der Autor dieses Stück verfasst? Die Stratforder behaupten, es könne nur ca. 1611 geschrieben worden sein – aufgrund von Formulierungen, die der Autor einem Schiffbruchsbericht des Jahres davor entnommen haben könne. (Was sich leicht widerlegen lässt. Dazu wird es einen eigenen Artikel geben.)

In The Tempest nimmt Propero Abschied von der Zauberei … Manche nehmen das als letztes Wort des Autors, der nun von der Bühne abtrete. Aber dann behaupten sie, Shakespeare habe doch bis 1613 noch drei weitere Stücke mit-verfasst, King Henry VIII, The Two Noble Kinsmen und eventuell Cardenio. Mit dem Abschiedswort von Prospero ist es also nicht weit. Eine Erklärung dafür, warum Shakespeare (der Autor), wenn er denn Shakspere aus Stratford ist, sich von der Bühne verabschiedet und nichts mehr schreibt, liegt nicht vor. Auch Schoenbaum ist ehrlich genug zuzugeben, dass es dafür keinerlei Faktendokumente gebe.

1612

London: „Shakespeare of Stratford“ gibt eine Zeugenaussage im Mountjoy-Verfahren. Dabei kann er sich nicht so recht erinnern. Er liefert die erste seiner erhaltenen Unterschriften – etwas wie „Shaksp“ oder „Shaxp“. Kann er nicht schreiben?

1613

London: „William Shakespeare of Stratford-upon-Avon“ investiert 140 Pfund in ein Torhaus nahe dem Blackfriars Theater. Er verpfändet diesen Besitz am nächsten Tag für 60 Pfund. Hier erhalten wir die zweite und dritte Unterschrift.

Der Earl of Rutford zahlt „Mr. Shakspeare“ bezüglich einer „impresa“ – einem Aksessoire für ein Tournier. Der Schauspieler Richard Burbage wird bezahlt für die Malerei dafür. (Es kann sich hier auch um einen John Shakespeare handeln, der bei Hofe für solche Tätigkeiten zuständig war.)

Stratford: Der zum Katholizismus tendierende John Lord, gent., beschuldigt Susanne Hall (die Tochter Shaksperes) der ehelichen Untreue. Sie sei mit einem Ralph Smith intim geworden. Solche Anschuldigungen kommen in der Stadt nicht häufig vor, sie treffen auch eher Bürger der unteren Stände, aber hier vielleicht einen verhassten oder gefürchteten Puritaner. Die Klage scheitert – dennoch, dass sie möglich war, könnte auf Probleme der Shaksperes in der Stadt hindeuten.

London: In diesem Jahr brennt das Globe ab, wird aber gleich darauf wieder aufgebaut. Nun ohne Beteiligung Shaksperes? Wir nehmen es an.

Hat Shakspere seinen Anteil an der Truppe und seine housekeeper-Position beendet? Lukrativ verkauft? (Für wieviel?) Ist er ganz oder nur teilweise aus dem bisher so ergiebigen Theatergeschäft ausgestiegen? Auf 150 Pfund jährlich (wenn es denn wirklich so viel gewesen ist) verzichtet man nicht so einfach … Hat er sich geschäftlich (von der Blackfriars-Immobilie abgesehen) ganz aus London zurückgezogen? Es sieht so aus, aber wir wissen es natürlich nicht. Im Testament 1616 kommen Theatergeschäfte nicht vor. Er wird also irgendwann – vermutlich um das Jahr 1613 – ausgestiegen sein. Wir würden gern wissen, warum. Wenn es Krankheit war, hätte er das Schreiben nicht aufgeben müssen; die praktischen Aktivitäten der Teilhaberschaft und des „housekeeping“ hätte er durch einen Vertreter erledigen lassen können?

1614

„Mr. Shakspere“ steht auf einer Liste von Straforder Landbesitzern. Shaksperes Umgang scheinen nun nur noch Männer der Elite Stratfords zu sein.

Großes Feuer in Stratford. Es verschont Shaksperes Häuser.

1615

London: Es gibt eine gerichtliche Beschwerde wegen des Torhauses nahe dem Blackfriars Theater. „William Shakespeare“ wird darin als ursprünglicher Anteilseigner des Globe und des Blackfriars Theaters genannt, ist aber von der Beschwerde nicht betroffen.

Stratford: Der reiche Landbesitzer William Combe, befreundet mit Shakspere, versucht, gegen heftigen Widerstand der Stadt und des Stadtrats eine umfassende Flurbereinigung und Einhegung zu seinen Gunsten durchzusetzen. Shakspere hält sich heraus. Oder äußert sich gegen Combes Projekt? Oder unterstützt er es indirekt? Ganz klar ist das nicht. Am Ende lehnen auch die Gerichte die den Plan Combes ab – und Shakspere und die Combes bleiben einander weiter freundschaftlich verbunden. (Combe kämpft bis ca. 1619 für sein enclosure-Projekt.)

Stratford: Der reiche Landbesitzer und Geldverleiher (Wucherer) John Combe stirbt und vermacht „mr. William Shackspere 5 Pfund. Sein Bruder Thomas wird per Testament ein ehrenvolles Geschenk erhalten.

1616

Shakspere ist krank, sieht sein Ende kommen. Worin besteht seine Krankheit? – Einige Biographen vermuten Syphilis. Damit ließe sich vielleicht auch erklären, warum die Unterschriften so misslingen und warum der Mann seine Fähigkeit zur eleganten, flüssigen, reichen Formulierung verloren haben könnte. (Der Shakspere, der das Testament offensichtlich durchaus bei klarem Verstand diktiert, spricht die Sprache der biederen Bürger und Kaufleute – es ist nichts, absolut nichts darin zu spüren vom sprachmächtigsten Engländer seiner Zeit. Hätte Syphilis etwa Thomas Mann dazu gezwungen, sein Testament in der mittelmäßigen Sprache eines biederen Kaufmanns abzufassen? – Es passt dazu, dass auch inhaltlich nichts von Büchern enthalten ist, nichts von Manuskripten, Musikinstrumenten, kein Legat für die Bildung der Enkeltochter, kein Pfund für die tolle grammar school der Stadt, in der er doch so wunderbar herangebildet worden sein soll, kein Penny für seine Schriftstellerkollegen, mit denen er doch angeblich noch wenige Jahre vorher gemeinsam Stücke geschrieben haben soll.)

Der Anwalt Francis Collins zeichnet (nach Diktat) das Testament von William Shakpere auf und bezeugt es. Kurz vor dem Tod wird das Testament noch einmal stark verändert – vor allem aus Misstrauen gegenüber dem Ehemann der Tochter Judith. Am 25. April meldet das Straforder Register den Tod von „Will. Shakspere, gent.“. Er wird in der Holy Trinity Church begraben.

Irgendwelche Nachrufe oder andere Reaktionen auf den Tod des Geschäftsmanns sind uns nicht überliefert. Es ist uns auch nicht bekannt, dass andere Dichter oder Gelehrte ihn in Stratford besucht hätten. In Shaksperes Freundeskreis in Stratford findet sich außer dem Puritaner John Hall kein Gebildeter. (Das Testament enthält auch keine Hinweise auf irgendetwas, das mit Kunst und Bildung zu tun hat; nun ja, abgesehen von den drei Ehrenringen für drei Theaterkollegen in London.)

Das Vermögen, das Shakspere vererbt, könnte bis zu 2 000 Pfund an Wert betragen haben. Es wäre nach heutigem Wert ein Millionenvermögen. (Natürlich wissen wir nicht genau, wie hoch der Wert zu veranschlagen ist. Wir erschließen es, über den Daumen peilend.)

Anne Shakspere, die Ehefrau, erhält nur „das zweitbeste Bett“ – sie bekommt also so gut wie nichts, ist enterbt. Sie wird im Testament nicht einmal beim Namen genannt, schon gar nicht, wie in Testamenten üblich, lobend oder ehrend erwähnt. Das lässt auf ein zerrüttetes Verhältnis schließen.

Schoenbaum widmet 12 der 440 Textseiten der Dokumentation von Shakespeares Leben dem Testament. Das ist nicht viel – angesichts der Tatsache, dass dies das einzige Dokument ist, durch das der Mann zu uns spricht (und dies immerhin drei Seiten lang). Auf die un-shakespearische Sprache des Diktats geht Schoenbaum nicht ein. Er möchte sich diesen „Sprachverfall“ nicht erklären. Er kann wohl auch nicht. Dabei müsste ein Shakespeare-Fan doch in Ehrfurcht zerfließen angesichts des Originaltons – den man nur hier, ausschließlich hier zu hören bekommt.

Shakespeares Letzter Wille ist kein poetisches Testament, aber die ‚die charakteristische Verfügung eines wohlhabenden Mannes unter der Regierung Jakobs des Ersten.‘

Wir suchen hier gewiss keine Metaphern und Wortspiele, erwarten allerdings, dass sich etwas von der Sprachmächtigkeit (auch und gerade im Juristischen!) in einem so wichtigen, persönlichen und ausführlichen Text widerspiegelt.

Ist das für Schoenbaum kein Problem?

Zumindest muss er zugeben, dass der Testator, wie körperlich schwach oder krank auch immer, seine Sinne noch beisammen hat. Und insofern dann doch wohl auch noch seine Sprache?

Ohne es zu belegen, geht Schoenbaum davon aus, dass die – im Testament nicht mit Namen genannte – Ehefrau schon irgendwie ihren Witwenanteil bekomme – auch wenn nichts darüber im Testament vermerkt ist? Aber wie, zum Teufel, soll der Anteil für Anne Shakspere dann bestimmt werden? Was immer der lokale Brauch war, in der einen oder anderen Formulierung muss die Bestimmung zugunsten der Ehefrau im Testament erscheinen. Das tut sie nicht (außer bezüglich des zweitbesten Bettes) – also müssen wir annehmen, dass Anne Shakspere praktisch ohne Erbe bleibt. Ein Affront, zumal er auch ihren Namen nicht nennt (geschweige denn ein freundliches Adjektiv für sie anbringt).

Schoenbaum gibt zu, das Testament ermangele „aller letztwilliger Emotion“ – gegenüber allen Familienmitgliedern. Doch die anderen nennt er wenigstens immer wieder beim Namen. Die Ehefrau nicht.

Wie steht es mit Shaksperes Pachtanteilen am Globe und am Blackfriars? – Es ist nicht von ihnen die Rede. Sie wären bedeutend genug, um direkt genannt zu werden. Wir können annehmen, dass Shakspere sie längst aufgegeben hat. (Schoenbaum meint das nicht.)

Manuskripte? – Die lägen alle bei der Theatertruppe; Shakespeare habe keine Verfügung über sie. – Wirklich? Hat der Autor nicht Kopien seiner Werke bei sich im geräumigen london-fernen Zuhause? Hat er keine Entwürfe, keine unfertigen Stücke, keine Briefe von Ben Jonson, dem Earl of Southampton, etc.? Wem hat er dies alles vererbt – wenn er so etwas zu vererben hatte? War ihm alles, was mit Kunst und Theater zu tun hatte, inzwischen so unangenehm, dass das alles im Feuer oder im Müll gelandet ist?

 

Wie stand die Stadt zu Shakspere?

Interessanterweise findet Robert Bearman – ein unbedingter Stratfordianer – (in seinem Buch „Shakespeare’s Money„, Oxford Univ. Press. 2015) Indizien dafür, dass Shakespeare und seine Familie in Stratford nicht unbedingt hoch angesehen waren:

  • Die Verleumdung von Susanna Hall 1613 ist für so relativ reiche und hochstehende Familien ungewöhnlich; sie wurde zwar niedergeschlagen – aber dass sie überhaupt möglich war, deutet auf eine unsichere Stellung hin.
  • Auch dass Shakspere keinen Zugang zur Corporation findet – kein burgess, kein alderman wird, könnte ein Indiz sein.
  • Die Stadtgemeinde war vielleicht auch verärgert wegen des Kaufs der Zehnten – der an ihr vorbeigegangen sei. (Die Corporation wollte von diesen Zehnten auch selbst profitieren.)
  • Nicht zuletzt die freundliche Beziehung Shaksperes zur Combe-Familie, mit der die Stadt dramatisch im Clinch lag, könnte seinem Ansehen und seiner Stellung geschadet haben.

Als Stratfordianer hätte Bearman hinzufügen können: Der Verfasser moralisch zweifelhafter Sonette und christenverführenden Theaterstücken war im eher puritanisch geneigten Stratford eine zwielichtige Gestalt.

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