Biographie Shakspere: „Greene’s Groatsworth of Wit“

Vorab: Dieser Text angeblich von Greene, aber wahrscheinlich von Chettle kann unterschiedlich interpretiert werden. Die Anspielungen sind nicht mit Sicherheit zu deuten. Die Auslegungen können mehr oder weniger plausibel sein – wir können uns nicht auf eine davon dogmatisch oder fanatisch festlegen, wenn wir auf dem Boden der Wissenschaft bleiben wollen.

Was führt die Shakespeare-Anglisten und -Biographen dazu, ihre spezielle Interpretation für die einzig mögliche zu halten: shake-scene = Shakespeare, gemeint als Schauspieler UND Autor UND Gegenstand der Entschuldigung Chettles im Nachspiel zum Groatsworth of Wit? – Wissenschaftliche Gesinnung?

Die von mir vorgeschlagenen Interpretationen sind – Vorschläge. Ich sage nicht: SO IST DAS ZU INTERPRETIEREN! Ich sage: Das halte ich für eine plausible Interpretation. Andere sind möglich, und vielleicht ist meine Auslegung doch nicht so plausibel, wie es mir im Moment scheint – ich warte auf kluge Einwände.


1592 veröffentlicht der Drucker und gelegentliche Autor Chettle ein Pamphlet, von dem er behauptet, es stamme vom eben verstorbenen (und durchaus populären) Autor Robert Greene. (Ob oder wie weit es von Greene oder direkt von Chettle stammt, ist für unsere Fragestellung sekundär, es spricht aber alles für Chettle.)

Zum ersten, so sieht es aus, bekommen wir hier einen Blick auf unseren (möglichen) Autor aus Stratford, William Shakspere oder Shakespeare. Chettle (unter der Greene-Maske) nennt ihn „Shake-scene“ und polemisiert heftig gegen ihn.

Das kleine Werk hat drei Teile, in denen es jedes Mal um die Machenschaften eines Feindes der Autoren geht.

Im ersten Teil klagt sich Robert Greene selbst an. „Roberto“ ist verarmt, im Alkohol ersoffen, liegt im Sterben – und schreibt seine Lebensbeichte: „Greenes Groschen Weisheit, erkauft mit einer Million an Reue„. Er jammert über die Dummheit der Jugend, über die Falschheit der Welt. U. a. fällt „Roberto“ einem angeberischen „Fremden“ zum Opfer, der sich sieben Jahre als Puppenspieler und „country author“ auf dem Land herumgeschlagen hat, und der sich nun rasch zum „gentleman player“ mausert, und zum Geschäftsmann, der Gebildete anheuert, Stücke zu schreiben, und der Handelsgeschäfte rund ums Theaterwesen betreibt – und dabei reich genug wird, um sich edel wie ein Gentleman kleiden zu können. Der üble Typ schmückt seine Sprache mit lateinischen Versatzstücken, die er kaum versteht und extemporiert auf der Bühne abweichend vom gegebenen Text. So beutet er am Ende auch den Autor Roberto aus – bezahlt ihn schlecht, lebt aber selbst sehr gut von den Einnahmen.

Im zweiten Teil folgt ein direkter Angriff auf diesen Mann in Form eines offenen Briefes an drei zunächst nicht direkt genannte Autoren – vermutlich Peele, Nashe und Marlowe. Greene warnt diese drei vor den Machenschaften dieses unzuverlässigen Schauspielers und wucherischen Geldverleihers und ausbeuterischen Zahlmeisters für Stückeschreiber. Er nennt den Bösewicht nun Shake-scene (Bühnenerschütterer) und eine „upstart“ Krähe (Emporkömmling, Parvenü, Schnösel), ein „absolute Johannes factotum“ (einen Hans-in-allen-Gassen). Er habe „a Tiger’s heart wrapped in a Player’s hide“ – ein etwas abgewandeltes Zitat aus Henry Vi., Teil 3.

Im dritten Teil schildert Greene (eine Fabel von Äsop abwandelnd) sein bitteres Schicksal als Heuschrecke, die in der Hungesnot dem Geiz der (fleißigen) Ameise zum Opfer fällt.

Die Ameise: herzlos, bourgeois, geizig, gierig. Die Heuschrecke: verschwenderisch, bohemienhaft, flatterhaft. Geiz ist Diebstahl, meint Greene. Die Ameise weigert sich, der notleidenden Heuschrecke zu helfen und wird so mitschuldig an ihrem Tod. An Greenes Tod.

Ist das nun ein Bild von Shakspere, dem jungen, anfangs noch in den Schulden seines Vaters steckenden Geschäftsmanns, der ca. 1588 aus Stratford gekommen ist, um in London Geld zu machen? Und zugleich einer gewissen Neigung zum Theater zu frönen?

Oder ist es das Bild eines neuen Stückeschreibers (!), der als Konkurrent in die Pfanne gehauen wird? (Das unterstellen die Stratfordianer.)

Es ist erstens nicht sicher, ob mit Shake-scene wirklich Shakspere gemeint ist. Es ist aber eine plausible Annahme. (Es könnte zum Beispiel auch der bombastisch auftretende Schauspieler Alleyn gemeint sein.)

Es ist zweitens offensichtlich, dass dieser Shake-scene kein Autor ist, selber kein Stückeschreiber. Der Hinweis auf das „Tiger’s heart“ (3 Henry VI) bedeutet nicht, dass Greene hier meinen könnte, eben dieser Shake-scene sei der Schöpfer dieses Zitats oder Autor des Stücks. Denn das Zitat stellt ein Lob für den Autor, wer immer es gewesen sein mag, dar, Greene will aber den Shake-scene in die Pfanne hauen. Außerdem weiß wohl Greene, aber nicht der Leser des Pamphlets, wer 3HenryVI geschrieben hat – das Stück wird erst mit dem Quarto von 1598 aus der Anonymität herausgenommen und mit dem Autorennamen „Shakespeare“ versehen. Aber unabhängig von diesen zwei Argumenten – aus dem Zusammenhang der drei Texte des Pamphlets ergibt sich: angegriffen wird nicht ein Autor, sondern einer, der (angeblich) den Autoren als Finanzier und Wucherer und schlechter Schauspieler – als Bühnenerschütterer – gefährlich ist.

Die Charakterisierung von Shake-scene passt recht gut auf das, was wir von Shakspere wissen: ein tüchtiger, gelegentlich skrupelloser, entschlossen profitorientierter Geschäftsmann, unsentimental, aber immerhin theaterinteressiert, gern auch mal Schauspieler. Arrogant dazu – gern heftet er sich auch mal „Autorenfedern“ an den Kopf.

Er hat viel zu tun mit Wucherern: 1596 mit dem Theaterunternehmer und Wucherer Langley, in Stratford immer wieder mit dem Wucherer Combe. Auch selber wird er mehrmals als Geldverleiher (damals: Wucherer) dokumentarisch fassbar. Shakspere ist diese „gierige Ameise“ – und wahrscheinlich stolz darauf.

Chettle-/Greenes Pamphlet hat ein Nachspiel. Einer der indirekt genannten Autoren, Nashe, beschwert sich – nie und nimmer sei er der Autor dieses Pamphlets. – Chettle entschuldigt sich.

Er entschuldigt sich auch noch bei einem der anderen beiden Autoren – welchen er meint, Marlowe oder Peele, sagt er nicht, aber es ist dann wohl Peele. Diesen Autor lobt er nun sehr, betont seine Anständigkeit und seinen geistreichen, anmutigen Stil.

Er kann mit der Entschuldigung nicht Shakspere/Shakespeare gemeint haben. Denn dann wären der Autor, den Greene/Chettle vor der up-start-crow und dem schlimmen shake-scene gewarnt haben, und eben dieser shake-scene eine und die selbe Person.

Es bleibt unklar, warum sich Marlowe oder Peele (wenn sie die zwei anderen gemeinten Autoren sind), von dem Pamphlet angegriffen gefühlt haben sollten. Immerhin hat Chettle sie „base-minded men all three of you“ genannt.

Wie kommen die Shakespeare-Biographen darauf, so ohne weiteres anzunehmen, die Entschuldigung gelte nicht, wie dem Text klar zu entnehmen ist, einem der drei hier angesprochenen Stückeschreiber, sondern der upstart crow, dem shake-scene?


Hier der entscheidende Textteil im Original:


And thou no lesse deseruing than the other two, in some things rarer, in nothing inferiour; driuen (as my selfe) to extreme shifts, a little haue I to say to thee: and were it not an idolatrous oth, I would sweare by sweet S. George, thou art vnworthy better hap, sith thou dependest on so meane a stay. Base minded men all three of you, if by my miserie ye be not warned: for vnto none of you (like me) sought those burres to cleaue: those Puppets (I meane) that speake from our mouths, those Anticks garnisht in our colours. Is it not strange that I, to whom they al haue beene beholding: is it not like that you, to whome they all haue beene beholding, shall (were yee in that case that I am now) bee both at once of them forsaken? Yes, trust them not: for there is an vpstart Crow, beautified with our feathers, that with his Tygers hart wrapt in a Players hyde, supposes he is as well able to bombast out a blanke verse as the best of you: and being an absolute Iohannes fac totum, is in his owne conceit the onely Shake-scene in a countrey. O that I might intreate your rare wits to be imploied in more profitable courses: & let those Apes imitate your past excellence, and neuer more acquaint them with your admired inuentions. I know the best husband of you all will neuer proue an Usurer, and the kindest of them all will neuer seeke you a kind nurse: yet whilest you may, seeke you better Maisters; for it is pittie men of such rare wits, should be subiect to the pleasure of such rude groomes.

http://www.luminarium.org/renascence-editions/greene1.html

Posener übersetzt den zentralen Teil so:

Traut ihnen nicht: denn uner ihnen gibt es eine vorlaute Krähe, geschmückt mit unseren Federn. Dieses ‚Tigerherz in eine Schauspielerhaut gesteckt‘ meint, er könne gerade so gut wie der beste unter euch den Bombast eines Blankverses hinkriegen; und als absoluter ‚Johannes Faktotum‘ hält er sich für den einzigen Bühnenerschütterer im Lande.“

Posener, Shakespeare, rm, Seite 24

Was lesen wir hier? Greene (oder Chettle) greift einen Schauspieler an, keinen Stückeschreiber. Der Schauspieler ist die vorlaute Krähe, die sich mit fremden Federn schmückt. Der Schauspieler hat dieses Tigerherz. Wenn also der Mann aus Stratford namens Shakspere/Shakespeare gemeint sein soll, dann wird er als Schauspieler angegriffen – und danach auch noch als Wucherer.


Vorbehalt: Eine gründliche Lektüre des Originaltextes steht mir noch bevor. Im Moment beruhen meine Äußerungen auf Sekundärtexten.


Sobran interpretiert Greene’s Groatsworth of Wit bzw. sie shake-scene-Stelle anders als Diana Price.

Shake-scene ist für ihn wahrscheinlich Edward Alleyn, der in dieser Zeit populär gewordene, auf der Bühne pathetisch tobende Star. Greene hat ihn schon einmal angegriffen, weil er (als Theaterunternehmer, der er auch war) den Autoren zu geringe Honorare bezahlt hat. Alleyn ist einmal durch die Bühnenbretter gebrochen – also ein wahrer shake-scene! Er hat auch in 3HenryVI eine Hauptrolle gespielt, wohl die des Richard Plantagenet, Herzog von York, nach dem zunächst das Stück benannt war – und in dieser Rolle den Satz gesprochen: „O Tigerherz, in Weiberhaut gesteckt“.

Das Stück ist erst 1595 gedruckt worden – und auch dann noch ohne Verfasserangabe. Wer wusste damals etwas vom Stückeschreiber Shakespeare? Der Name Shakespeare war verbunden mit dem Dichter der beiden außerordentlich populären Versepen. Wenn die Leute shake-scene und das Tigerherz miteinander verbunden haben, dann nicht im Hinblick auf den Autor, sondern auf den Schauspieler.


Meine Darstellung folgt

Diana Price, Shakespeare’s Unorthodox Bipgraphy. London 2012,

Joseph Sobran, Genannt: Shakespeare. Köln 2002 (Engl. Original: 1997)

Auswerten muss ich noch den Essay von Frank Davis zum Thema.

 

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