Biographie Shakspere: Hatte er einen Patron?

Angeblich Henry Wriothesley, Third Earl of Southampton.

Ihm sind 1593 bzw. 1594 Venus and Adonis und The Rape of Lucrece gewidmet.

Zwar haben sich die Zeitgenossen schon – vergeblich – gefragt, wer in diesem Fall hinter dem Namen Shakespeare stehen könnte (zweimal lautete der Verdacht – noch vor 1600: Francis Bacon), aber wenn man einmal annimmt, es sei tatsächlich „shake-scene„, der Mann aus Stratford, gewesen, dann spräche die Widmung entweder für ein bestehendes Patronat oder für ein angestrebtes.

Im weiteren aber herrscht wieder Fehlanzeige: Weder hat man beim Durchforsten der zahlreichen von Southampton hinterlassenen Papiere irgend eine Beziehung zu Shakspere finden lassen, noch gibt es in der folgenden Zeit irgend einen dokumentarischen Hinweis darauf, dass Shakspere die Patronage eines Adeligen gesucht oder genossen hätte.

Wenn Southampton Shakespeares Patron gewesen wäre und ihn für die beiden Versepen und für das Schreiben der Procreation-Sonette beschenkt haben sollte, sollte sich etwas davon in den Papieren des Grafen finden lassen.

In vielen, nicht allen Biographien liest man es anders: Da kann es dann zum Beispiel heißen, Patronage sei für einen Autor finanziell und als Schutz vor Verfolgung lebenswichtig gewesen, also habe auch Shakespeare danach gestrebt … und so sei eben auch Shakespeare ständig auf der Suche nach einem Patron gewesen … und mit Southampton habe er es auch versucht, die einen sagen: erfolgreich, die anderen meinen eher, ohne Erfolg. Und nach dem geschäftlichen Aufstieg unseres Stratforders war die Patronage zumindest finanziell nicht mehr vorrangig.

Lassen sich aus den Sonetten Hinweise auf ein Verhältnis bürgerlicher Autor – hocharistokratischer Patron entnehmen? – Kaum. Der Autor der Sonette steht auf Augenhöhe mit dem angebeteten schönen Jüngling. In den „Zeugungs-Sonetten“ (1-17) spricht er ihn als Gleichrangigen an, aber auch als einer, der sehr viel älter und erfahrener ist. In den Liebes-Sonetten (18-126) kritisiert der Autor seinen angebeteten Schönen Jüngling sogar. Wie wäre das vereinbar mit dem Verhältnis eines commoner zu einem Earl?

Die Anglisten lösen dieses Problem damit, dass sie die Sonette zu Poesie-Spielerei ohne biographischen Zusammenhang, ohne realen biographischen Bezug erkären – dass sie sie also kastrieren, entwerten zu bloßer l’art pour l’art. Ein existenzielles Ringen aufgrund realer Lebensnöte solle man sich beim Lesen der Sonette bitte nicht vorstellen, sondern so etwas wie ein Sonett-Theater, bei dem sich der Autor in eine Rolle hineindenkt, die durchaus nichts direkt mit seinem persönlichen Leben zu tun haben müsse. (Allerdings sagt der Autor im Theaterstück nicht ICH, wenn er die Rolle des Jago oder Macbeth oder Romeo formuliert. Im Sonett sagt er 154 Mal ICH – und so versteht es auch jeder, der die Sonette liest, damals bis heute.)

Im Testament ist von einem adeligen Patron auch nicht die Rede.

Kein Theaterstück widmet der Autor irgend jemandem, auch keinem Patron.

Kein Adeliger führt je unseren Shakspere auf als jemandem, mit dem er zu tun gehabt hätte. (Ausnahme vielleicht, als der Earl of Rutland 1613 einem „Mr. Shakspeare“ einen „impresa“-Text bezahlt – (Das ist ein Aksessoire für ein Tournier). Der Schauspieler Richard Burbage bekommt Geld für die Malerei. (Es kann sich hier auch um einen John Shakespeare handeln, der bei Hofe für solche Tätigkeiten zuständig war und mit unserem Shakspere nicht verwandt ist.)

Außer im schauspielerischen und theatergeschäftlichen Rahmen bei Hofauftritten hatte unser Shakspere wohl keine Beziehungen zum Adel. Er kommt durch die Hintertür, den Domestikeneingang rein in den Palast, kommuniziert mit dafür beauftragten Dienern, liefert als Schauspieler seine handwerkliche Leistung ab oder verhandelt als Theatergeschäftsmann mit einem Hofbürokraten – und das war’s dann mit der Hofwelt oder der aristokratischen Szene.

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