Biographie Shakspere: Latein

Über Ben Jonsons seltsame, zweideutige Bemerkung, Shakespeare habe nur über „little latin and less greek“ verfügt, habe ich andernorts geschrieben. Schon die Leser des First Folio der nächsten Generation haben sich über diese Abwertung gewundert. Der Autor konnte nur wenig Latein? – Das ist schlicht unmöglich.

Es gibt Leute, die behaupten, an der Grammar School hätte man perfekt Latein lernen können. Genug jedenfalls, um alle relevanten Texte in Latein verstehen zu können. (Beispiele dafür bei Diana Price, S. 246f)

Das ist zweifelhaft. (Ich werde dieser Frage noch nachgehen müssen.)

Shakespeare (der Autor) entwickelt in jedem seiner Werke viele Vokabeln bzw. ihre Bedeutung im Kontext aus dem Lateinischen heraus. Er konstruiert Sätze oft entlang den Strukturen des Lateins. Er hat Latein und die klassische Literatur in sich so assimiliert, dass sie ihn tragen.

Den Stratfordianern würde ich in Sachen Latein folgende Argumentationsstrategie empfehlen: Natürlich hat der Mann in der Grammar School nicht genug Latein lernen können. Aber bei seinem Genie – Genie gerade in der Sprachbeherrschung – war es ihm ein Leichtes, das Defizit rasch auszugleichen. Mehr als ein Jahr in London wird er dazu nicht gebraucht haben.

Das scheint mir plausibel zu sein. Perfekte Fremdsprachenkenntnis kann ein Sprachgenie noch in seinen Zwangzigern nachholen. Und dazu braucht es keine Universität.

Etwas anderes ist es mit den weiteren Fremdsprachen – die in der Grammar School nicht gelehrt wurden, für die also keine Grundlagen in der Kindheit und Jugend gelegt wurden.

Und wieder etwas anderes ist es mit der Vertrautheit mit der Bücherwelt. Ich nehme an, dass höhere Sprachfähigkeiten in der frühen Kindheit zugrundegelegt werden. Geht das im Falle Shakespeare einfach nur über vielleicht großartig formulierende und bestens erzählende Familienangehörige und Nachbarn?

Aber, meine Damen und Herren, muss man sich das alles fragen angesichts des sprachlich bieder formulierten Testaments und der sechs krakeligen Unterschriften und der illiterat bleibenden Töchter?

Wir bewegen uns hier auf einem Nebenschauplatz.

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