Biographie Shakspere: Brot oder Bier?! – Malzhorten bei Hungersnot

Wie kommt der Geschäftsmann Shakspere zu Geld – in seiner Heimatstadt Stratford?

Offensichtlich hat er zunächst in London viel Geld verdient, alles oder das meiste davon in Geschäften mit dem Theater und um das Theater herum – sicherlich kaum mit dem Schreiben von Stücken (das war zeitaufwändig und hat nicht viel eingebracht) oder als Schauspieler in kleinen Rollen (auch damit hat man nicht viel verdient, aber viel Zeit zum wirklichen Geldverdienen verloren). Er war Theaterunternehmer und „Johannes factotum“, wie ihn Greene oder Chettle zu bezeichnen scheinen.

Und nun kommt er reich und groß nach Stratford. Er kauft sich ein. Der erste große Schlag ist der Kauf des zweitgrößten Hauses samt dazugehöriger Scheunen und Gärten: New Place, 1597.

Da hat die verheerende Krise der Stadt bereits begonnen.

1594 erlässt die Stadt ein Gesetz gegen das Horten von Getreide (vor allem Gerste zur Gewinnung von Malz für die Brauereien, die vor allem von der Oligarchie betrieben werden; Getreide würde in Krisenzeiten mehr für Nahrungsmittel benötigt.) Von 1592 bis 96 verdreifacht sich der Preis für Getreide. „barley is the surest profit„, schreibt einer der Krisengewinner. Shakspere ist mittendrin in diesem Geschäft. Brot oder Bier? – Shakspere ist fürs Bier.

1595 Ein zweites großes Feuer zerstört Teile des Stadtzentrums. (Insgesamt fallen den beiden Großfeuern 200 Häuser zum Opfer. Gesamtschaden: 20 000 Pfund; 400 Einwohner zusätzlich beziehen Armenhilfe, die von der Stadt aufgebracht werden muss.)

1595 ff Eine schlechte Ernte folgt der nächsten – das löst eine Hungersnot aus. Die Stimmung in der Stadtbevölkerung wendet sich gegen die regierende Oligarchie. Es kann gefährlich für sie werden, wenn sich die Leute zusammenrotten und als Mob zuschlagen.

1597 Pestjahr

1597 Shakspere erwirbt New Place und Gentleman und wird damit zu einem Mitglied der lokalen Oligarchie. Er ist ein Neureicher, ein Aufsteiger in die Schicht der Gentry. Inzwischen hat er sich die Erlaubnis gekauft, ein Wappen und den Titel eines Gentleman führen zu dürfen, sobald sein Vater (der diesen Titel erhält) gestorben ist.

1597 Erneut wird ein Gesetz zum Verbot des Getreidehortens erlassen, denn das Getreide ist noch knapper geworden; die Hungersnot tötet hunderte Einwohner. Wütende Proteste der Armen gegen diejenigen, die Getreide (vor allem Gerste) horten und damit Extraprofite herausholen. Unter den 75 als Horter Beschuldigten gehört Shakspere als Zehnter (der Menge des gehörteten Malz nach).

Geschäfte mit Malz scheinen generell zu Shaksperes Stratforder Agenda gehört zu haben.

1601 Ein Resultat der Krise: Etwa ein Drittel der Einwohner der Stadt (700) gehören zu den Stadtarmen, zu den paupers.

1602 Shakspere festigt seine Position in der lokalen Oligarchie dadurch, dass er zum großen Landeigentümer wird. Er baut seine Stellung aus, als er 1605 auch einen Teil der „Zehntgüter“ übernehmen kann. Er gehört jetzt zu den führenden Männern der Stadt. Seine Geschäfte auch in Stratford machen ihn reicher und reicher; er gehört zu den Krisengewinnern und verfügt auch weiterhin über viel Geld, um in Stratford investieren und Geld (gegen Zinsen) verleihen zu können.

Was ist vom Malzhorten bei Hungersnot zu halten?

Bearman, ein Stratfordianer, schreibt darüber (meine Übersetzung):

In einer Zeit, in der tausende von Landsleuten verzweifelt nach Nahrung suchen (und tatsächlich in vielen Fällen am Rande des Hungertodes stehen), muss sich Shakespeare wie einige andere Größen des Bürgertums gewiss Sorgen gemacht haben darüber, zum Angriffsziel bürgerlicher Unruhen zu werden.

Bearman, Shakespeare in the Stratford Records, S. 29

Die Kritik wird hier nur im ersten Teil des gewundenen Satzes angedeutet.

Wir haben es mit frühkapitalistischem Klassenkampf zu tun, und wir sehen, auf welcher Seite Shakspere steht. Er bereichert sich auf Kosten der Armen. Er ist Teil der Stadtoligarchie. Nicht alle Mitglieder dieser Stadtelite gewinnen in der Krise. Einige stürzen in schwere Schulden, zum Beispiel auch Richard Quiney, der seit 1597 unter finanziellem Druck steht und Shakspere 1598 um einen beträchtlichen Kredit bittet. (Sein vielleicht nicht abgeschickter Brief dazu wird wohl die Verhandlungen darüber eingeleitet haben.) Shakspere gehört zu den Krisengewinnlern. Er ist eben ein geschickt berechnender, skrupelloser Geschäftsmann. Am Ende wird er einer der drei, vier reichsten Bürger Stratfords sein.

Im Zusammenhang unseres Themas – der Autorschaftsfrage: Wie vereinbart sich das Handeln Shaksperes mit dem Werk? Heranzuziehen wären hier u. a. Coriolan, Thomas More (der kleine mögliche Beitrag des Autors zu diesem letztlich von der Zensur verhinderten Gemeinschaftswerks), HenryVI (Jack Cade-Rolle), …

Auch der Autor des Werks steht dem rebellischen Volk ablehnend gegenüber. Aus welcher Perspektive allerdings? Der des kapitalistischen Geschäftsmanns – oder der des aristokratisch und monarchistisch Autoritären?

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