Biographie Shakspere: Moneylender, Wucherer

Shakspere ist am Theaterleben vor allem als Geschäftsmann beteiligt. Er finanziert. Das ist es, was er kann und womit er für das Londoner Theaterleben wichtig wird.

Er ist Teilhaber – und wohl der mit dem höchsten Einsatz – der Chamberlain’s Men (ab 1594) und der King’s Men (ab 1604). Vermutlich bis 1613, als das Globe-Theater abbrennt. Im Testament gibt es keine Angaben mehr zu einer Teilhaberschaft an einem Theater. Die Blackfriars-Immobilie ist keine Theatersache.

Schon im berüchtigten Absatz von Greene’s Groatsworth of Wit, in der vielleicht (!) Shakspere als „shake-scene“ aufgespießt wird, deuten sich seine Geldgeschäfte an.

Seit 1591 darf der Geldverleiher Zins nehmen, bis zu 10%. Ein solches Geschäft gilt aber noch als moralisch anrüchig. Generell wird damals noch jedes Zinsnehmen als Wucher bezeichnet; das wird sich im Laufe des 17. Jahrhunderts allmählich ändern.

Zum Fall Wayte zitiere ich aus Kreilers Buch: Im Jahr 1596

gerieten sich zwei feindliche Parteien von Geldverleihern in die Haare, nämlich „William Shakspere“ und Francis Langley auf der einen, William Wayte und William Gardiner auf der anderen Seite. Der Stoffhändler und Pfandleiher Francis Langley hatte gerade sein neues Theater erbaut – The Swan. William Shakspere dürfte sein Teilhaber gewesen sein. William Wayte und sein Stiefvater Gardiner waren durch Geldverleih und finanzielle Manipulationen zu zweifelhaftem Vermögen gelangt. Gardiner versuchte, Langleys Theater lahmzulegen, Langley schimpfte Gardiner und Wayte meineidige Schurken. Die feindlichen Parteien erwirkten im September 1596 sogenannte „Friedensgarantien“ gegeneinander, um tätlichen Angriffen vorzubeugen. (D. h. beide Seiten mußten bei Gericht als Bürgschaft für ihre Friedlichkeit eine gewisse Summe hinterlegen.)

Was ist davon zu halten?

Im Oktober 1598 bittet Richard Quiney, ein Mitglied der Stratforder Stadtoligarchie und zeitweise Bailiff (Bürgermeister) der Stadt, Shakspere um einen Kredit von 30 Pfund. Er und Sturley, ein Geschäftskollege und Freund, stehen bei der Stadt in der Kreide, und diese drängt auf Rückzahlung. Der Brief, in dem er seinen „lieben guten Freund und Landsmann“ um den Kredit bittet, schickt er nicht ab. Vielleicht, weil er Shakspere vorher selber trifft; oder Shakspere hat den Brief erhalten und ihn in seiner Antwort wieder beigelegt. Möglicherweise beginnen damit Kreditverhandlungen. Wir können davon ausgehen, dass der Kredit nicht ohne Zinsen gewährt werden wird.

Wenigstens zeitweise ist Shakspere bekannt als ein Mann, der über reichlich bare Mittel verfügt, die er verleihen oder investieren kann. Und mit denen er sein Vermögen und seine Position in Stratford fördern kann.

1604, Stratford: Ein Willielmus Shexpere verklagt den Apotheker Philip Rogers wegen einer Schuld von 1 Pfund 15 Schilling 10 Pence.

Samuel Schoenbaum beschreibt den Vorgang (Seite 328f): Philip Rogers

Gesamtschuld Shakespeare gegenüber belief sich auf auf etwas mehr als 2 Pfund, von denen Rogers bis dahin 6 Shillings abgezahlt hatte, so daß eine Restschuld von 35 Shillings und 10 Pence verblieb. Mit Hilfe des Anwalts William Tetherington brachte Shakespeare nun seinen Schuldner Rogers vor das ordentliche Gericht, das alle zwei Wochen unter Vorsitz des Amtmannes tagte und sich mit Schuldfällen beschäftigte, die 30 Pfund nicht überstiegen. Der Kläger begehrte seine 35 Shillings und 10 Pence zuzüglich 10 Shillings Schadenersatz. Wie das Gericht entschieden hat, ist nicht bekannt.

Es war nicht das einzige Mal, dass der Dichter eine gerichtliche Klage anstrengte. Einige Jahre danach wandte er sich an den selben Gerichtshof wegen einer Rückzahlung von 6 Pfund  zuzüglich Schadenersatz von John Addenbrooke. … Der Fall zog sich über nahezu ein volles Jahr, vom 17. August 1608 bis zum 7. Juni 1609, und zog einen Wust von Urkunden nach sich, deren Anzahl ihr Interesse weit übersteigt.

Kläger Shakespeare bekommt recht, kann aber nicht zahlen, woraufhin dessen Bürge, Thomas Horneby, von Shakespeare belangt wird – und nun wissen wir nicht, wie diese Sache dann ausgegangen ist.

Das Geldverleihen, aber auch, dass Shakspere offensichtlich den größten Wucherer von Stratford, John Combe, als Geschäftspartner und Freund schätzt, steht im Widerspruch zur Polemik gegen das Geldverleihen gegen Zins, die in The Merchant of Venice entfaltet wird.

Apropos John Combe: Spaßeshalber soll Shakspere ihm folgenden Grabspruch gedichtet haben:

Zehn auf das Hundert liegt hier und verwest,
Doch Hundert zu Zehn, daß er ist nicht erlöst.:
Und wenn einer fraget, Wer liegt hier im Schrein?
Oho, ruft der Teufel, John-a-Combe, der ist mein.

Die Combes gehören zu Shaksperes engerem Freundeskreis in Stratford. Zu ihnen zählt auch William Combe, der mit dem enclosure-Projekt die Stadt schwer zu schädigen droht.

Ausdrücklich stellt Schoenbaum (S. 334) fest: Combe und Shakespeare blieben Freunde bis zum Ende. Er findet für das Verhältnis sogar ein Zitat im Hamlet:

Er besitzt viel und fruchtbares Land: … Er ist eine Elster, aber wie ich dir sagte, mit weitläufigen Besitzungen von Kot gesegnet.

Das sagt Hamlet über den verächtlichen Osrick. Inwiefern passt nun diese verächtliche Aussage zur Freundschaft Shakespeares mit dem – also doch wohl verächtlichen – Combe? Merkt Schoenbaum den Widerspruch nicht?

Solche Leute scheinen zu Shakspere zu passen. Dichter oder Gelehrte findet man in seiner Umgebung nicht – zu seinen Lebzeiten werden jedenfalls keine bezeugt.

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