Stratford-upon-Avon: New Place

Willielmim Shakespeare„, 33 Jahre alt, kaum 10 Jahre in London aktiv, kauft New Place, das zweitgrößte Haus in der Stadt. Es steht in der Chapel Street Ecke Chapel Lane, gegenüber der Guild Hall, erbaut ca. 1480, seither wohl „modernisiert“.

Er kauft es offiziell für 60 Pfund, die er entweder schon ganz in London als Theaterunternehmer verdient hat – oder die er (zum Teil) als Kredit aufnimmt.

Der Preis selbst ist wohl Fiktion, für die Steuer niedrig gehalten (vgl. dazu auch Schoenbaum, S. 321); schätzungsweise wird das Haus samt zugehörigen Scheunen, Dienstboten-Bau und Gärten 150 Pfund gekostet haben. Nach heutigen Maßstäben wäre ein solches Herrenhaus mit 10 Feuerstellen (?), 20 Bettkammern und dem Grundstück (18x60m) eine Million Pfund oder mehr wert.

Verkäufer ist der katholische „recusant“ William Underhill. Er ist in finanziellen Schwierigkeiten, braucht Bargeld. Und wird kurz nach dem Verkauf von seinem minderjährigen und verrückten Sohn vergiftet. (Der wiederum landet am Galgen.)

Shakspere gehört nun als Herrenhausbesitzer und Gentleman und, wie man bald auch merkt, als finanziell zumeist flüssiger Investor und Geldverleiher zur örtlichen Elite, auch wenn er im Kaufjahr noch nicht ganz oben angelangt ist.

New Place war das erste Gebäude der Stadt, das fast ganz aus Ziegelsteinen errichtet worden war. Es hat eine für das kleine Stratford imposante Straßenfront mit fünf Giebeln, drei Stockwerken, Fassaden aus Ziegel und Holz, je einen großen Eingang zu den beiden Straßen, einen Innenhof, einen großen Garten hinter der Scheune.

Da es noch vor 1702 abgerissen und neu aufgebaut worden ist, verfügen wir nur über eine Skizze, die der Stecher George Vertue 1737 nach den Angaben eines Nachkommen der Familie Hart angefertigt hat.

Im Garten soll Shakspere persönlich einen Maulbeerbaum gepflanzt haben. Dieser hatte sich prächtig entwickelt – wurde aber zu einem für den Besitzer Mitte des 18. Jahrhunderts zu einer Touristen anziehenden Plage, weshalb er ihn abholzen ließ. Was die Bürger von Stratford ihm wiederum nicht verzeichen konnten. Der Mann musste die Stadt verlassen.

New Place soll heruntergekommen gewesen sein, als Shakspere das Haus gekauft hat. Er hat also viel Geld in die Renovierung investieren müssen. Im Haus wird es zahlreiche Bedienstete gegeben haben. Dazu Geschäfts- und Lagerräume, Empfangsräume, wohl auch einen repräsentativen Saal. Archäologische Untersuchungen auf dem Grundstück haben allerdings nicht viele Informationen gebracht.

Hier nun residiert William Shakspere bis zu seinem Tode. Vermutlich ab 1604 lebt er die meiste Zeit in seinem herrschaftlichen Stratforder Haus.

Das Haus hat immerhin 10 Kamine, also 10 Feuerstellen, zehn beheizte Räume – insgesamt sind es zwischen 20 und 30 kleinere und größere Räume. Reichlich Platz für die ganze Familie, für die „cottage industry“ (eventuell Bierbrauen), für die Dienerschaft, für Untermieter.

Einer der Untermieter war Thomas Greene (mit seiner Frau Lettice), der Stratforder Stadtnotar. Es ist nicht klar, ob er wirklich mit der Familie verwandt war (er nennt sich Cousin).

In diesem Haus leben also bis 1616 1) William Shakspere und Frau, 2. der Vater bis 1601, die Mutter bis 1608, 3. die Töchter Susanna und Judith; ab 1609 bis ca. 1613 Susanna Hall mit ihrem Mann John Hall und dem Shakespeare-Enkel Elizabeth (1613-16 aber in Hall’s Croft um die Ecke), 4. die Diener Robert Whatcott und John Robinson, dazu wohl noch mehr Haus-, Küchen- und Gartenpersonal, 5. die Brüder Gilbert (vielleicht mit seinem Kurzwarengeschäft) und Richard bis zu ihrem Tod 1611 bzw. 1612, auch Edmund, bis er nach London geht, 6. Robert Greene als Untermieter bis 1611.

Joan Hart, Shaksperes mit einem geschäftlich wenig erfolgreichen, meistens in Schulden lebenden Hutmacher verheirateten Mann, lebt im alten Shakspere-Haus in der Henleystreet, genauer gesagt, in der einen Hälfte; die andere wird zum Inn, zum Wirtshaus The Maidenhead.

Nach 1616 leben vermutlich die Halls mit ihrer Tochter wieder in New Place, Susanna bis an ihr Lebensende. Danach ist es das Haus von Elizabeth und Thomas Nashe, nach dessen Tod das Haus von Elizabeth und John Barnard. Die Shakspere-Enkelin stirbt dort 1670 – niemand hat sie nach ihrem angeblich berühmten Großvater gefragt, oder nach Büchern und Manuskripten, die sie vielleicht geerbt haben könnte.

1643 erlebt das Haus königlichen Besuch – Henrietta Maria, die Frau von Charles I., residiert hier bei ihrem kurzen Aufenthalt in der Stadt. Wenn sie, theaterbegeistert, wie sie ist, hier am heiligen Ort den von ihr verehrten Shakespeare ehren wollte, würden wir das über ihre Briefe oder andere königliche Dokumente erfahren. Wahrscheinlich weiß sie, dass der Mann aus Stratford nicht der Autor ist.

Der Maulbeerbaum, den angeblich der Hausherr selbst gepflanzt hat, wird im 18. Jahrhundert zum Reliquien-Lieferanten, was den Eigentümer im Jahre 1758 so sehr belästigt, dass er den Baum fällen lässt.


Das größte Haus in Stratford ist das Haus der Combe-Familie, genannt das College. Es hat 15 Kamine, fünf mehr als New Place.

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