Stratford-upon-Avon: Puritaner

Die Frage beschäftigt uns im Zusammenhang der Autorschaftsdebatte vor allem bezüglich der Sonette:

Wie hätte Stratford (wie hätte die Oligarchie dort und wie der Vikar mit seiner Rechtszuständigkeit in Moral- und Sexualangelegenheiten darauf reagiert, wenn der Bürger und Gentleman William Shakspere der 1607 per Druck und Veröffentlichung allen bekannt werdende Autor der Sonette (besonders jener über die Dark Lady) gewesen wäre?

Ist Shakspere gegen Ende seines Lebens Puritaner geworden? Hat er sich deshalb vom Theaterleben verabschiedet? Wirkt der Einfluss des Puritaners John Hall und seiner Frau, der Tochter Susanna?

Wie wäre ein puritanischer Shakespeare vor dem Hintergrund der Werke zu denken?


1547-53 Unter Edward regieren radikale Protestanten. Ende der katholischen Herrschaft bzw. Dominanz in Stratford. Die Stadt wird überwiegend protestantisch. Daran ändert auch die Herrschaft der katholischen Mary (bis 1558) nicht viel. Die Avantgarde der Reformation sind die Calvinisten, die man etwas später in England Puritaner nennt. Sie fühlen sich von Gott auserwählt, und ihre Auserwähltheit zeige sich in ihrem irdischen Erfolg, auch im materiellen. Zumeist sind es relativ gebildete und wirtschaftlich prosperierende Bürger, die Puritaner werden. Die radikale Reinigung des Lebens und der Religion ist ihr Ziel – eine Kombination aus irdischem, materiellem Erfolg (den Gottes Gnade den Guten verleiht, die für den Himmel vorgesehen sind) und streng religiösem, gottgefälligem, nüchternem Leben.

1563 Erster calvinistischer Bildersturm in Stratford: Die Fresken und Statuen in der Kirche fallen ihm zum Opfer. – Das ist relativ spät, im Vergleich zu anderen englischen Städten. Bald darauf kommt es zu einem zweiten Bildersturm – nun wird der Lettern zerstört, und die bunten Fenster werden durch Fensterglas ersetzt. Der Duke of Leicester, zusammen mit Cartwright und Throckmorton, treiben in England die Reformation voran – gelegentlich gebremst von der Queen.

1561 – 65: Vikar der Stadt ist John Bretchgirdle, der erste Puritaner in dieser Position. Er ist aber noch eine Ausnahme. Der Trend aber zeigt: die Meinungsmacher, die städtische Elite, die Kleriker beeinflussen die Stimmung mehr und mehr in puritanischem Sinne.

1564. John Shakspere ist Chamberlain der Stadt (für Finanzen zuständig) und bezahlt das Überweißeln der Fresken in der Guild Chapel. Die Reformierten wollen keine abgöttischen Bilder in ihrer Kirche sehen.

Die Stadt ist inzwischen reformiert, protestantisch. Es gibt als das eine Extrem die Puritaner, die die Reform vorantreiben möchten, auf der anderen Seite nach wie vor eine beträchtliche Zahl von Katholiken. Sie verweigern den Kirchgang oder zumindest die Kommunion. Man nennt sie Rekusanten (recusants). In der Mitte steht die Mehrzahl der Moderaten, der Anglikaner.

Theaterstücke können bis in die 90er Jahre noch, ohne auf starken puritanischen Widerstand zu stoßen, in der Stadt aufgeführt werden.

1570 Nach dem Scheitern der (katholischen) Northern Rebellion werden der Vikar und der Schuldirektor entlassen, weil sie den Katholiken verdächtig nahe stehen. Einer der folgenden Schulleiter, der vielleicht auch William Shakspere unterrichtet hat, verlässt rasch die Lateinschule von Stratford wieder und wird Jesuit.

1577 Es wird spekuliert: John Shaksperes Fernbleiben vom Stadtrat könnte darauf zurückzuführen sein, dass er zum Katholizismus tendiert hat. Seine Frau aus der Arden-Familie war möglicherweise katholisch. – Es scheint wenig plausibel, dass John Shakspere seine materielle und soziale Existenz der Religion geopfert hat. Weitaus wahrscheinlicher ist die These, dass er sich finanziell übernommen hat und nun in der Schuldenfalle steckt, aus der er nicht mehr herauskommt.

1580 – 1605 ist Richard Barton der Vikar der Stadt – ein Puritaner, der in Zusammenarbeit mit einer Mehrheit im Stadtrat die Reformation vorantreibt: die Beachtung des sonntäglichen Gottesdienstes zum Beispiel, die Betrafung von Trunkenheit in der Öffentlichkeit und von sexuellen Vergehen.

Der städtische Kirchengerichtshof („bawdy court“) befasst sich mit Vergehen und Verbrechen gegen die religiösen und moralischen Regeln und Gesetze. Er ist – in der Hand eines engagierten Vikars – ein probates Mittel zur Radikalisierung.

Im Oktober 1592 werden zum Beispiel 37 Geschäftsleute angeklagt, ihr Geschäft am Sonntag und Feiertag geöffnet zu haben. In sieben Fällen ergeht Anklage wegen Ehebruch und Unzucht.

The complementary working of the vicar’s ecclesiastical court, with its jurisdiction over sexual as well as religious matters, also reveal a general enthusiasm for the punishment of moral backsliders.

Bearman, History of Stratford, Vorwort S. XVIII

Die Strenge fördert auch das Denunzianten- und Verleumdungswesen in der Stadt.

1586 Ein puritanisch gesinnter Überblick über die Qualität der Geistlichen nennt den Vikar von Stratford, Richard Barton, als ein (seltenes) Muster an religiösem Eifer und Gelehrtheit. Der Vikar bekommt von der Stadtregierung pro Jahr 20 Pfund Gehalt.

1594 und 1595 Wer ist schuld an den beiden verheerenden Feuersbrünsten in der Stadt? – Sie sind Gottes Strafe dafür, dass viele Einwohner das Sabbatgebot nicht eingehalten haben!

1598 Der Stadtrat George Badger wird aus der Stadtregierung ausgeschlossen, weil er Katholik ist.

Es bleiben immer noch einige Rekusanten unter den aldermen und burgesses. Trotzdem scheint diese Bruchlinie künftig hinter eine andere zurückzutreten: Nun werden sich die Konflikte vor allem zwischen moderaten und radikalen Protestanten abspielen, später dann (nach dem Sieg der Puritaner) auch zwischen zwei Richtungen unter ihnen.

Jetzt jedenfalls können die Puritaner nach der ganzen Macht greifen. Ihr erklärtes Ziel ist die gereinigte und disziplinierte Stadtgemeinschaft. Mit der zunehmenden Zahl derer, die lesen und schreiben konnten, steigt ihre Zahl. Auf der anderen Seite werden auch diejenigen mehr, die sich gegen die Bevormundung und Abwertung und Einschränkung durch puritanische Eiferer wehren. (Typisches Beispiel: Shakespeare – der Autor – schafft die populäre Negativ-Figur des Puritaners Malvolio in The Twelfth Night.)

1602 Erstes Gesetz, das Theaterkompanien den Auftritt in der Stadt verbietet. Der Puritaner Daniel Baker ist in diesem Jahr Bürgermeister (bailiff). 10 Schilling Strafe kostet es, gegen das Aufführungsverbot zu verstoßen.

1605 – 1619 Der moderate John Rogers wird (anglikanischer) Vikar – und zieht sich die Feindschaft der örtlichen Puritaner zu.

1606 Susanna Shakspere wird bestraft, weil sie – warum? – nicht an der verpflichtenden Osterkommunion teilnimmt. Sie ist in diesem Jahr wohl schon verlobt mit dem Puritaner John Hall. Haben die Puritaner bzw. Calvinisten nicht Probleme mit dem für sie beinahe noch katholisch-ketzerischen Gottesdienst lässiger anglikanischer Vikare?

– Andere Autoren bestehen darauf, dass Susanna Shakspere kirchenkatholisch war, also zwar den anglikanischen Gottesdienst besucht, meistens jedenfalls, aber nicht alles darin mitgemacht hat. Diejenigen, die das so sehen, erklären uns nicht, wie sich das damals (!) mit der Ehe mit einem engagierten Puritaner bzw. Calvinisten vereinbarern lässt. Man werfe einen Blick auf die Jahre ab 1619. Aber ich werde auch die katholische Möglichkeit im Auge behalten.

1607 Susanna Shakspere heiratet den Arzt und Puritaner John Hall. 1575 als eines von elf Kindern in Bedfordshire geboren, in Cambridge als Arzt graduiert, wird er Doktor in Stratford und Schwiegersohn eines der reichsten Männer der Stadt. – Dass er Schwiegersohn des großen Dichters Shakespeare sein könnte, lässt sich nicht feststellen. Er müsste als Puritaner Schwierigkeiten mit diesem unsittlichen Gewerbe haben, selbst wenn er als gebildeter Mann Dichtung und eine gute Sprache schätzt. Was sagt er wohl zu den 1609 veröffentlichten Sonetten?

1612 Zweites Gesetz, das Theaterkompanien den Auftritt in der Stadt verbietet. Jetzt wird die Strafe auf 12 Pfund heraufgesetzt – über 6000 heutige Pfund. Wieder geschieht das auf Betreiben des Puritaners Daniel Baker, der die corporation (die Stadtregierung) in den nächsten40 Jahren dominieren wird.

Mit Gesetzeserlassen versucht man, Kompanien samt reisenden Schauspielern von der Stadt fernzuhalten.

Es gibt aber auch eine starke Opposition gegen diese Repression: Schon 1608 lädt ein bailiff eine Theatergruppe in die Guild Hall ein, 1611 erneut. Darum wohl jetzt die Neuauflage des Gesetzes und die Verchärfung der Sanktionsdrohung.

Es wäre noch interessant zu erfahren, ob John Hall etwas gegen Theater hatte. Für den Puritaner und Unterstützer des Fanatikers Thomas Wilson nehme ich es an, aber ich würde es gerne verifiziert sehen.

1613 Der zum Katholizismus tendierende John Lord, gent., beschuldigt Susanne Hall (die Tochter Shaksperes, seit 1607 verheiratet mit dem Puritaner und Arzt John Hall) der ehelichen Untreue. Sie sei mit einem Ralph Smith intim geworden. Solche Anschuldigungen kommen häufig vor in der Stadt und treffen besonders gern verhasste oder gefürchtete Puritaner. Die Halls klagen gegen den Verleumder, der vorsichtshalber nicht vor Gericht erscheint. (Aus Angst vor der Macht des Geldes oder weil er nichts belegen kann?)

Ist Shakspere gegen Ende seines Lebens zum Puritaner oder Sympathisanten der Puritaner geworden?

Ein Argument, das dagegen spricht, ist die fortbestehende Freundschaft mit dem bekennenden Katholiken und recusant William Reynolds, gent., der im Testament bedacht wird.

Die Frage ist auch, was wir unter einem Puritaner (für diese Zeit) verstehen wollen. Es bietet sich an, einen Unterschied zu machen zwischen denen, die die christliche Religionsausübung reinigen wollen von katholischen Traditionsbeständen und es vorziehen, den sonntäglichen Gottesdienst nicht in der anglikanischen Version (die noch einige katholische Formen enthält) abzuhalten. Das wäre Puritanismus in einem weiteren Sinne. In einem engeren Sinne sind Puritaner strikte Calvinisten, die Calvins Programm durchzuziehen die Absicht haben. Letztere lehnen das Theater aus religiösen Gründen ab. John Hall scheint zu den Calvinisten zu gehören – wenn man seine Unterstützung für Thomas Wilson 1619 und danach dafür als Hinweis gelten lassen will.

1616 William Shakspere vererbt den – puritanischen – Halls den Großteils seines Vermögens. Aber auch der katholische Freund William Reynolds wird bedacht.

1616 Thomas Quiney (Weinhändler mit Taverne) und Judith Shakspere kommen vor das Stratforder Kirchengericht und werden verurteilt und kurzzeitig exkommuniziert – wegen ihrer Heirat während einer Fastenperiode (Lenten). Thomas muss sich auch der Anklage wegen eines sexuellen Vergehens stellen: er hat im Jahr vorher mit einer anderen ein uneheliches Kind gezeugt.

1618 Trotz des Theaterverbots und der Strafandrohung kommt es (ausnahmsweise?) zu einem Theaterspiel in der Stadt – man ist offensichtlich noch recht lax, und man ist sich in der Stadt nicht einig darüber. Das ändert sich aber nun:

1619 Der moderate und „faule“ Vikar John Rogers wird abgesetzt, der radikale, eifernde Vikar Thomas Wilson übernimmt das höchste Kirchenamt der Stadt. Ihn unterstützt John Hall, der Ehemann von Susanne Shakspere und Haupterbe des reichen Geschäftsmanns.

Es gibt seit einiger Zeit zwei Parteien in Stratford: die der Puritaner um Daniel Baker (alderman) und Thomas Lucas, mit Mehrheit im Stadtrat, die Rogers stürzen -und die Gegenpartei, die Verteidiger des alten Vikars Rogers, zu der der bekennende Katholik (und recusant) Reynolds sowie John Lane, der Susanna Hall angeschwärzt hat, und zwei weitere Freunde Shaksperes, die Brüder Nash, gehören (den Sohn des einen wird Elizabeth Hall heiraten; er erweit sich aber als Puritaner).

Bei der Wahl und Einführung gibt es bürgerkriegsähnliche Szenen in der Kleinstadt. Eine große Truppe von Bürgern (darunter dieser Gentleman John Lane) greifen Wilsons Amtsitz mit Schwertern und Steinen an. Der neue Vikar muss sich in der Kirche verbarrikadieren. Wüste Vorwürfe werden ihm an den Kopf geworfen – auch sexuelle Vergehen und ansteckende Krankheiten. Wilson schlägt zurück mit nicht weniger hemmungslos formulierten Lästerungen.

Die Partei der Moderaten oder Anglikaner verliert. Die Calvinisten setzen sich durch.

Anfangs sind sich Stadtregierung und der neue Vikar noch einig. Aber bald beginnen mehr als 20 Jahre Religionskampf in Stratford. Thomas Wilson ist ein Fanatiker, ein theokratisch-autoritär gesinnter Puritaner, der sich in der Stadt starke Unterstützung verschafft, aber er hat starke Gegner, die eher kommunal orientierten Puritaner, die den Stadtrat beherrschen. Die Stadtgesellschaft wird gespalten.

Der weitere Verlauf des „Religionskriegs“ in Stratford bis 1638 (bis zum Tod des Matadors und dem Antritt des neuen, moderateren Nachfolgers) ist nicht Thema dieses Buchs – außer, dass Shakspere-Erbe John Hall wohl zu den Anhängern des radikalen Vikars gehört hat.

 

1626 heiratet die Enkelin Shaksperes, die Tochter der Halls, Elizabeth, den sehr reichen Thomas Nash und übernimmt den Großteil des Erbes, vermutlich auch New Place, das Herrenhaus.

1642 stiftet Thomas Nash dem puritanischen Parlament für seinen Krieg gegen den König 100 Pfund – eine Riesensumme, doppelt so viel wie etwa die Stratford Corporation. Im selben Jahr schafft das Parlament das Theater in England ab. Shaksperes Vermögen dient den Todfeinden des Theaters. (Bearman, Shakespeare’s Money, S. 126)

Die genau entgegengesetzte Behauptung stellt René Weis auf: Das Geld geht an die königliche Armee, die Halls und Nashs seien Royalisten (nachzulesen in Edmundson/Wells, Shakespeare’s Circle, S. 128). – Was nun? Könnten die Anglisten das einmal klären? Wahrscheinlich hat hier Bearman recht – er ist der eigentliche Fachmann für Stratford-upon-Avons Geschichte beim Shakespeare-Birthplace-Trust.



Hall was a leading local Puritan. He had supported the Puritan vicar, Thomas Wilson, against whom there was much local opposition. In 1613, a member of the anti-Wilson faction, John Lane, defamed Susanna, claiming she had committed adultery with one Ralph Smith, a 35-year-old haberdasher, and had caught a venereal disease from Smith. On 15 July the Halls brought suit for slander against Lane in the Consistory Court at Worcester. Robert Whatcott, who three years later witnessed Shakespeare’s will, testified for the Halls, but Lane failed to appear. Lane was found guilty and excommunicated. He was later involved in a riot to protest against Wilson.[2]

Wikipedia

Anmerkung:

Die Stadt London wird von den reichen Geschäftsleuten regiert. Sie tendieren zu strengen religiösen Formen, zum Calvinismus, sind überwiegend Puritaner. Sie halten das Theaterwesen für unchristlich, teuflisch, eine Verführung der Menschen zur Sünde. Darum verbieten sie in ihrem Amtbereich das Theater. Es kann sich in London nur etablieren außerhalb dieser Grenzen, also etwa am Südufer der Themse (Southwark), und unter dem Schutz der Queen und des hohen Adels, die beide das Theater sehr schätzen.


Quellen:

Robert Bearman (ed), The History of an English Borough. Stratford-upon-Avon 1196 – 1996. The Shakespeare Birthplace Trust, 1997. Darin die Kapitel (Seiten 80-109): Alan Dyer, Crisis and Resolution; Ann Hughes: Building a Godly Town.

Robert Bearman: Shakespeare’s Money. Oxford University Press 2015

Nicholas Fogg: Statford-upon-Avon. The Biography. Amberley 2014

J. R. Mulryne (ed): The Guild and Guild Buildings of Shakespeare’s Stratford. Ashgate. 2012 (Seiten 171 – 161) Mulryne

Jonas Barish: The Antitheatrical Prejudice. Berkeley 1981

Paul Edmondson/Stanley Wells (ed): The Shakespeare Circle. – 2015. Cambridge University Press

Share

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *