Biographie Shakspere: Sein Mountjoy-Zeugnis 1612

Eines der wenigen Dokumente, in denen uns Shakspere persönlich entgegentritt.

Zunächst chronologisch die Vorgeschichte:

1582: Christopher Mountjoy und seine Frau Mary leben in London. Sie sind Hugenotten, aus Frankreich geflohen, jetzt erfolgreiche Putzmacher, Hersteller von Kopfputz mit viel Gold und Silber und Edelsteinen für reiche Damen.

Ca. 1594: Sie ziehen in die Silver Street, Ecke Monkswell. Im Erdgeschoß ist der Verkaufsladen, im Obergeschoß sind die Wohnräume. Das Haus hat immerhin zwei Giebel. In der Silver Street gab es mehrere sehr guter Häuser. Viele Perückengeschäfte sind hier angesiedelt.

Ca. 1594: Steven Bellot, ein Teenager, zieht zu ihnen als Lehrling. Er macht sich gut und hofft wohl auf mehr …

Ca. 1602: William Shakspere mietet Räume von den Mountjoys.

1604: Die (einzige) Tochter der Mountjoys sowie beide ihre Eltern möchten gern, dass Steven Bellot die noch sehr junge Mary heiratet. Trotz Verliebtheit (?) zögert der junge Mann. Die Mountjoys wenden sich an ihren Untermieter Shakspere, um Bellot zu überreden. Am Ende heiratet Steven seine Mary. Unklar und Gegenstand des Gerichtsverfahrens 8 Jahre später wird sein, was genau der Vater als Mitgift versprochen hat.

1605: Steven Bellot und Herr Mountjoy vertragen sich nicht als Geschäftspartner. Die beiden Bellots ziehen aus und etablieren ein Konkurrenzunternehmen im Haus eines gewissen George Wilkins. Es handelt sich um eine Gaststätte, die auch ein Bordell gewesen sein wird. Dieser Wilkins ist ein brutaler Typ, ein Verbrecher. Und (angeblich) auch vorübergehend mal ein Autor.

1606: Die Mutter Montjoy stirbt. Für ein paar Monate ziehen die Bellots wieder in Mountjoys Haus. Es gibt wieder Streit, sie ziehen wieder aus.

1607 führen die King’s Men ein Stück von ihm auf. Angeblich arbeitet er auch mit Shakspere zusammen am überaus erfolgreichen Pericles, für den Wilkens – nach orthodoxer Meinung – die ersten beiden, Shakspere die drei weiteren schreibt.

1612: Steven Bellot verklagt Christopher Mountjoy auf Zahlung der bei der Heirat versprochenen Mitgift von 60 Pfund. (Ich erspare uns den Hinweis auf die anderen Streitpunkte.)

Enter Shakspere. Das Gericht lädt ihn als Zeugen. Hat Mountjoy damals, 1604, diese behaupteten 60 Pfund versprochen?

Shakspere bestätigt seine Rolle als Vermittler, meint auch, es sei eine Mitgift ausgemacht worden, er wisse aber nicht mehr den Betrag.

Die vielen anderen Zeugen können dem Gericht die Sache nicht eindeutig genug machen. Es verweist die Klage an ein Hugenottengericht. Das gibt Bellot recht, beschränkt aber die Summe auf nur etwas mehr als 6 Pfund. Auch diese Summe weigert sich Herr Mountjoy zu zahlen. Er wird deshalb belangt und am Ende aus der Gemeinde ausgeschlossen. 1620 stirbt er.

Wer hatte in dem Streit recht? – Die Interpreten nehmen an, Bellot. Herr Mountjoy war, so lässt sich aus den Zeugenaussagen und aus seinem Verhalten schließen, ein Geizhals und ein rücksichtslos egoistischer Mensch.

Für uns interessant ist: Was machen wir aus dem Zeugnis (oder Nicht-Zeugnis) von William Shakspere? Glauben wir ihm, dass er die Mitgift-Summe vergessen hat? Dass er sich auch nicht erinnern kann, als ihm die Sache nur 8 Jahre danach in Erinnerung gerufen wird? 60 Pfund sind drei Jahresgehälter für eine hochgestellte Person, etwa einen Vikar in Stratford – und gewiss ein nicht leicht zu vergessender Punkt für einen, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die Heirat möglich wurde.

Wir müssen die Fragen offen lassen, können aber als eher wahrscheinlich annehmen, dass Shakspere Bescheid wusste, aber Gründe hatte, sein Wissen zu verleugnen. Es ist unwahrscheinlich, dass sein Gedächtnis damals so schlecht war – immerhin war er Schauspieler, und das Wissen, das in seinem (angeblichen) Werk versammelt ist, erfordert ebenfalls ein gutes Gedächtnis. War er allerdings „nur“ der Gesschäftsmann aus Stratford und vielleicht sogar jetzt schon von der Syphilis (die ja auch nur eine Spekulation ist) angefressen, dann könnte eine Gedächtnisschwäche vorliegen.

Wir wissen nicht, welche Gründe Shakspere gehabt hat, sein Wissen zu verbergen, wenn er es denn verborgen hat.

Am Ende gibt es noch eine interessante Einzelheit:
Als Shakspere seine Zeugenaussage selbst unterschreibt, kommt es zu einer ungelenken Unterschrift, die ungefähr die Buchstaben Shakp oder Shaxp lesen lässt. Hier führt der Geschäftsmann aus Stratford – wohl noch gesund? – vor, dass er nicht über keine (für gebildete Personen, aber auch für Schauspieler übliche) deutliche Handschrift verfügt. Es ist die erste Unterschrift in einer Reihe von sechs. So, wie diese Unterschrift aussieht, unterschreibt einer, der grade mal seinen Namen hinkrakeln kann, und nichts anderes. (Für seine Geschäftskorrespondenz hält sich der reiche Shakspere wohl einen Schreiber.)

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