Biographie Shakspere: Seine Werke sind ihm nicht wichtig

Nehmen wir an, William Shakspere ist Shakespeare, der Autor. Was macht er mit seinen Werken?

  1.  

Er kümmert sich nicht um die Publikation. Weder versucht er damit Geld zu verdienen – obwohl er doch ein gewiefter und ziemlich konsequenter Geschäftsmann ist; noch interessiert er sich dafür, wie sehr andere seine Werke per Druck verschandeln – obwohl er doch in seinen Werken mehrfach deutlich macht, wie hoch er sie schätzt und dass sein Dichterwort länger leben würde als Marmor.

2.

Er kümmert sich nicht einmal um seine so prekären, so intimen Sonette, deren ewiger Wertschätzung er sich sicher ist. Sie werden überleben – anders als der Autor, dessen Name unbekannt bleiben wird, so schreibt er selbst, und wir können es lesen und kaum missverstehen, so klar ist es formuliert. (Der Verleger Thorpe veröffentlicht die Sonette 1609 ohne Beteiligung des Autors und nennt diesen als verstorben.)

3

Er zieht sich auf dem Höhepunkt seines Schaffens – nachdem er The Tempest geschrieben hat – von seiner Autorentätigkeit weitgehend zurück. Schreibt nichts mehr, oder allenfalls noch mal einen Beitrag für das Theaterstück eines anderen Autors. (Bei drei Stücken nach 1612 soll es sich um Kooperation handeln.)

4

Er hat enorm viel Geld und wohl auch viel Zeit in Stratford – aber er kümmert sich weiter nicht um sein Werk, organisiert nicht (wie zum Beispiel Ben Jonson und später die Earls of Pembroke und Montgomery) die Herausgabe des Gesamtwerks oder den Druck textlich zuverlässiger Quarto-Ausgaben seiner Werke.

5

Er hat keine Manuskripte zu vererben. – Die gehören angeblich alle allein der Theatertruppe. Dies einmal angenommen – hat der Autor nicht eine Kopie seiner Werke zu Hause zu seiner Verfügung? Woher kommen die Manuskripte der Stücke, die im First Folio erstmals gedruckt erscheinen? Doch wohl zum Teil aus der Schublade des Autors? (Sind Stücke dabei, die nicht nur nie gedruckt, sondern auch nie gespielt worden sind? = eine Frage, der ich noch nachgehen muss.)

6

Ergänzen könnte man noch: Es kümmert ihn scheinbar nicht, wenn Piraten seine Werke entern. Oder Herausgeber Werke unter seinem zugkräftigen Namen veröffentlichen.

7

Es macht ihm nichts aus, sein Lebenszentrum in einer eher puritanisch orientierten Kleiinstadt zu wählen, in der weder Theaterstücke noch Schauspieler noch Stückeschreiber gut angesehen sind. Als Theaterdichter müsste er in Stratford eher berüchtigt als berühmt gewesen sein. Hat er sich von seinem früheren Theaterleben (das er angeblich als Autor, das er auch als Schauspieler und Theaterunternehmer geführt hat) im Alter distanziert?

Ach, das waren Jugendsünden. Jetzt bin ich alt und weise und fromm geworden. Ich distanziere mich von meinem Werk, will nichts mehr damit zu tun haben.

Stellen wir uns den Autor der Werke so vor?

Die Biographen bemühen sich nicht darum, auf dieses Rätsel einzugehen. Wahrscheinlich, weil sie nicht wissen, wie sie es lösen können. Einige denken sich, den alten Mann könnte die Syphilis zerstört haben. Aber das wird dann auch nur mal nebenbei, sozusagen schüchtern vorgeschlagen. Denn natürlich gibt es keinerlei Hinweis auf eine solche Krankheit.

Wir können daraus den Schluss ziehen: Unsere Zweifel an der Autorschaft des Mannes aus Stratford sind vernünftig.


Anmerkung zu einem wichtigen Einwand:

Die Stücke haben nicht dem Autor gehört, sondern der Truppe, den Shareholdern. – Warum sollte dieser scharf auf seinen Profit und seinen Status sehende Shakspere es so handhaben und alle Rechte auf sein Werk preisgeben? Und selbst wenn – warum sollte er so wenig auf den Profit des Unternehmens achten, dessen führender Teilhaber er ist? Und warum sollte es ihm egal sein, wenn sein Werk verunstaltet wird und verunstaltet weiterlebt?

Ich füge hinzu: Mehreren Werken Shakespeares kann man ansehen, dass sie nicht nur für die Bühne, sondern auch für ein Lesepublikum geschrieben worden sind, Dazu gehören der überlange Hamlet und so komplexe Texte wie Coriolan und Troilus and Cressida. Möglicherweise konnte der Autor nichts dafür tun, dass sie – per gutem Druck – der Nachwelt weitergegeben wurden. Er hatte postum aber das Glück, dass zwei Earls das viele Jahre nach seinem Tod möglich gemacht haben.

Germain Greer, auf S. 5 in ihrer kurzen Biographie Shakespeares:

Ein wesentlicher Aspekt bezüglich des Geistes und der Kunst Shakespeares ist das Mangel an self-consciousness (? bedeutet eigentlich Befangenheit, hier aber Selbstbewusstsein?). Nichts als das völlige Fehlen eines Interesses an self-promotion (hier: Werbung für sich selbst), wovon die sorgfältige Veröffentlichung von Venus and Adonis sowie The Rape of Lucrece nur die Ausnahme ist, kann Shakespeares Unsichtbarkeit erklären.

Das ist scharf formuliert. Shakespeare interessiert sich nicht für das Überleben seines Werks. Es wird aufgeführt – und das war’s dann auch. Möge es untergehen. Es braucht keine Zukunft.

Dies allerdings steht in Widerspruch zu Äußerungen des Autors in den Sonetten. Immer wieder nimmt er darin Bezug auf seine Sonette – und erwartet, dass sie, anders als sein Name, überleben werden, und zwar länger als Werke aus Marmor. Sein Name bleibe auf immer im Verborgenen – sein literarisches Werk werde weiterwirken.

Der Autor ist also überzeugt von der herausragenden Qualität seines Werks. Er hätte sich also um eine zuverlässige Überlieferung kümmern müssen. 1598 bis 1604 geschah das in Form einiger „guter Quartos“ unter dem Namen „Shakespeare“.

Was könnte den bürgerlichen, sehr am Geldverdienen und am Sichtbarwerden seines Reichtums und Rangs interessierten Shakspeare daran gehindert haben, sein Werk links liegen zu lassen – es dem Zufall zu überlassen, was davon überlebt und in welcher Form es überlebt?

Wie muss man sich den Charakter, die Einstellung, die Mentalität eines Renaissance-Autors vorstellen, der sein Werk – nicht der Nachwelt übergeben will?

Auf die Überlegung, dass Shakespeare nur am Aufführen hier und heute, nicht am Dichten und nicht am Nachleben interessiert war, werde ich andernorts zurückkommen.

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