Stratford-upon-Avon: Chronologie

Stratford-upon-Avon wurde als Stadt (borough) 1196 gegründet. Gründer und Grundherr ist der Bischof von Worcester. Davor gab es am Ort Dorf und Kirche. Die Geschichte der Besiedlung reicht bis in vor-römische Zeiten zurück. Die kleine Stadt am Avon-Übergang bekam 1196 ein Straßenmuster, das sich erhalten hat. Die ursprüngliche Siedlung mit Holy-Trinity-Kirche lag außerhalb der neu gegründeten Stadt.

Stratford-upon-Avon erreichte um die Zeit Shakespeares etwa 2000 – 2500 Einwohner, um dann lange Zeit zu stagnieren.

Politisch geprägt wurde sie zum einen duch den Bischof von Worcester, zu andern durch die Guild of the Holy Cross, in deren Hauptgebäude sich die lokale Elite zu Beratung und Entscheidung zusammenfand. 1547 beendete die halbe Reformation, die König Henry VIII dem Land aufzwang, die Existenz dieser religiösen Einrichtung. Ersetzt wurde sie 1553 durch eine neue Stadtverfassung,

John Shakspere gehörte zu den Stasträten, den aldermen, und war ein Jahr lang auch Bürgermeister, bailiff.

Wirtschaftlich spielen die Brauereien eine Hauptrolle, und mit ihnen der Anbau von Gerste und das Gewinnen von Malz aus Gerste.

Verkehrlich liegt Stratford etwas abseits, an keiner der Hauptstraßen. Nach London ist es eine Dreitagereise. Fluss-Schifffahrt auf dem Avon wurde erst nach Shaksperes Tod möglich gemacht.


Hier eine Chronologie der Stadt zur Zeit William Shaksperes und seiner unmittelbaren Nachkommen:

1553 bekam Stratford unter dem Kinderkönig Edward kurz vor dessen Tod seine neue Verfassung, die die Selbstregierung etabliert: The Charter of Incorporation. Ein Stadtrat mit 14 Mitgliedern (aldermen), 14 weitere burgesses sowie der aus ihren Reihen für ein Jahr gewählte Bürgermeister (bailiff) regierten jetzt die Stadt. (Nicht ohne Einmischungsmöglichkeiten von Bischof und Grundherrn.) Die aldermen entstammten der lokalen Elite, bildeten eine Art Oligarchie. John Shakspere gehörte zu den aldermen und war zeitweise auch bailiff.

Administratives Zentrum, das Rathaus, war die umfängliche Guild Chapel. Dazu gehörte auch die Lateinschule (grammar school). Die Corporation hatte die Erhaltung der Brücke und der Wege, die Lateinschule, die Armenhäuser sowie den Vikar der Stadt und seinen Kaplan zu finanzieren. Die Einnahmen lagen pro Jahr bei ca. 80 Pfund. (Sie kamen überwiegend aus den Zinszahlungen für die Pachtgüter, die früher der Kirche gehört hatten und die ihren Zehnten jetzt an die Stadt abführen mussten.) Die Verfassung hatte ihre Schwächen, die zum Teil durch die Reform von 1610 ausgeräumt wurden.

Gesamtentwicklung bis 1640:

Die Bevölkerung nahm deutlich zu; damit auch die Preise, die sich in diesen drei Generationen versechsfacht haben; die Löhne stiegen auch, aber nicht im selben Maße. Produktion für den Markt gewann entschieden an Bedeutung, damit die Geldwirtschaft. Die Landwirtschaft wurde kommerzialisiert – gut für die „Tüchtigen“, die das auszunutzen verstanden, schlecht für die schwächere Hälfte, die verarmt ist. Die Wanderbewegungen hinein in die Stadt und überland nahmen zu, Vertreibungen, Versuche, anderswo sein Auskommen zu finden. Immer mehr Schaffarmen ersetzten den Getreideanbau und verschlechterten die Chancen derer, die auf Brot angewiesen waren.

Die Stadt war hauptsächlich eine Marktstadt, eine von über 500 in England. Auf den Markt kamen die Güter der umliegenden Landwirtschaft und die Produkte und Dienste der städtischen Handwerker. Wochen-Markttag war der Donnerstag. Dazu gab es Messen und Jahrmarkt. Eine kleine gebildete Elite (Arzt, Anwalt, Lehrer, Geistlicher) trat neben die Oligarchie der Gentlemen, der lokalen Gentry.

Hauptwirtschaftszweig war, außer der Handelstätigkeit, das Brauen von Bier und Ale. Dafür musste Gerste angebaut und zu Malz geröstet werden. Diese Arbeit war leider nicht sehr personalintensiv.

30 Ale-Häuser und 50 Malzhäuser (Bier-Ausschänke) bedienen die Bürger. (Auf ca. 20-25 Erwachsene kommt also ein Ausschank.)

Es gab wenig Industrie. Sie blieb winzig und arbeitete mit Wolle, Leder, Metall. Ein paar Handschuhmacher, ein paar Schmiede …

Die Stadt lag etwas abseits, an keiner der wichtigen Durchgangsstraßen. Eine Route ging von London über Oxford und Stratford nach Birmingham, war aber nicht stark befahren. Der Avon war bis 1630 noch nicht bis Stratford schiffbar.

Eine Schätzung der Einwohnerzahlen sieht so aus: 1546 – 1650; 1563 – 1450; 1580er – 1970; 1591 – 2500; 1598 – 2500. Das ist eine Zunahme von 1560 bis 1600 um 1000 Einwohner, also mehr als 60 Prozent; sie resultiert aus Zuwanderung.

Danach stagnierte die Zahl wieder. 1670 rechnet man mit nur 1700 oder 1800 Einwohnern. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Zahl des Jahres 1600 wieder erreicht.

Fast ein Drittel der Einwohner um 1600 waren als Stadtarme (paupers) anerkannt und kamen in den Genuss von Armenfürsorge.

Pro Jahr werden ca. 60 – 80 Kinder geboren und getauft und ca. 30 – 40 Kinder begraben.


Anmerkung: Über die religiösen Aspekte der Entwicklung berichte ich auf zwei anderen Seiten: Puritaner. Katholiken.


1562 Die Reparatur der Brücke über den Avon liegt jetzt im Aufgabenbereich der Stadtregierung.

1563 Die reformatorische Reinigung der Kirchen von katholisch-abergläubischen Fresken und Bildwerken beginnt in Stratford relativ spät. Sie ist von London aus angeordnet.

1564 Pestjahr: 238 Todesfälle – bei ca. 2000 Einwohnern ca. ein Achtel der Bevölkerung. Geburtsjahr von William Shakspere.

1594 Ein großes Feuer zerstört Teile des Stadtzentrums.

1594 Brot oder Bier?! – Gesetz gegen das Horten von Getreide (vor allem Gerste zur Gewinnung von Malz für die Brauereien, die vor allem von der Oligarchie betrieben werden; Getreide würde in Krisenzeiten mehr für Nahrungsmittel benötigt.) Von 1592 bis 96 verdreifacht sich der Preis für Getreide. „barley is the surest profit„, schreibt einer der Krisengewinnler.

1595 Ein weiteres großes Feuer zerstört Teile des Stadtzentrums. (Insgesamt fallen den beiden Großfeuern 200 Häuser zum Opfer. Gesamtschaden: 12 000 Pfund; 400 Einwohner zusätzlich beziehen Armenhilfe, die von der Stadt aufgebracht werden muss.)

1595 Mehrere Jahre lang schlechte Ernten lösen eine Hungersnot aus und erregen rebellische Stimmung in der Stadt gegen die regierende Oligarchie.

1597 Pestjahr. Höchste Sterblichkeitsrate.

1597 Shakspere erwirbt New Place und die Standeserhöhung zum Gentleman. Er ist damit als Aufsteiger und Neureicher Mitglied der lokalen Oligarchie. Er wird aber nie ein Amt in der Stadt übernehmen – nie wird er alderman, chamberlain oder gar bailiff. Warum nicht? Er wird sich auch nicht mit finanziellen Beiträgen für die Stadt hervortun – wenn er geben muss, bleibt es beim unvermeidlichen Minimum.

1597 Erneutes Gesetz zum Verbot des Getreidehortens, denn das Getreide ist knapp und die Hungersnot tötet hunderte Einwohner. Wütende Proteste der Armen gegen diejenigen, die Getreide (vor allem Gerste) horten und damit Extraprofite herausholen. Unter den 75 als Horter Beschuldigten gehört Shakspere als Zehnter (der Menge des gehörteten Malz nach).

1601 Ein Resultat der Krise: Etwa ein Drittel der Einwohner der Stadt (700) gehören zu den Stadtarmen, zu den paupers.

1602 Erstes Gesetz, das Theaterkompanien den Auftriff in der Stadt verbietet. Die Stadtoligarchen tendieren hier zu puritanischer Radikalität. Es scheint aber auch eine Gegenpartei zu geben.

1602 Shakspere festigt seine Position in der lokalen Oligarchie dadurch, dass er zum großen Landeigentümer wird. Er baut seine Stellung aus, als er 1605 auch einen Teil der „Zehntgüter“ übernehmen kann. Er gehört jetzt zu den führenden Männern der Stadt. Seine Geschäfte auch in Stratford machen ihn reicher und reicher; er gehört zu den Krisengewinnern und verfügt auch weiterhin über viel Geld, um in Stratford investieren und Geld (gegen Zinsen) verleihen zu können.

1605 Der moderate und nachlässige John Rogers wird (anglikanischer) Vikar – und zieht sich die Feindschaft der örtlichen Puritaner zu.

1608 schlechtes Erntejahr

1611 sammelt der Stadtrat Geld für die Ausbesserung der Straße Richtung London. 77 der führenden Persönlichkeiten der Stadt beteiligen sich und finden sich auf der Liste. Shakspere – muss nachgetragen werden. (Er hatte sich in diesem Jahr eigentlich in Stratford zur Ruhe gesetzt, müsste also da gewesen sein. Zeigt sich hier sein Geiz und Desinteresse an den Gemeindeangelegenheiten? Natürlich ist es auch möglich, dass Shakspere doch grade mal wieder in London war.)

1612 Zweites Gesetz, das Theaterkompanien den Auftritt in der Stadt verbietet.

1614 Erneut verwüstet ein großes Feuer Teile von Stratford. 54 Häuser brennen ab. Sechs schlechte Jahre stehen nun bevor, mit hoher Sterblichkeit.

1614/15 Konflikt um die Welcombe-Enclosure-Pläne von William Combe spitzt sich zu. Widerstand von der Bevölkerung gegen diese partielle Enteignung der Gemeinde; wo steht Shakspere in diesem Konflikt? (Enclosure: eine Art Flurbereinigung auf Kosten der Gemeinde und der Armen, die von den traditionellen Nachnutzungsmöglichkeiten und der hohen Nachfrage nach Arbeit profitiert haben. Für kapitalkräftige Landeigentümer ist die Zusammenlegung und völlige Selbstnutzung eines Stücks Land profitabler. Es kann auch in Schafweide umgewandelt werden.) – Am Ende kann die Gemeinde das Enclosure-Projekt verhindern. – Der Kampf geht bis 1619 weiter, erregt die Stadt also auch im Todesjahr William Shaksperes.

1616 William Shakspere stirbt.

Anmerkung meinerseits: Hat irgend jemand in der Kleinstadt je bemerkt, dass er ein bedeutender Autor war? Man hat ihn als gewieften Geschäftsmann und Aufsteiger erlebt, als einen Neureichen, mit dem zu rechnen war, weil er über viel Geld verfügt hat. Als Künstler ist er nicht aufgefallen. Immerhin hat er in der Kirche ein Denkmal bekommen – mit (seltsamer) Inschrift. Theater war übrigens in Stratford eher etwas moralisch Zweifelhaftes, zu Verbietendes. Man wollte so etwas Verdorbenes nicht am Ort haben. Insofern hätte Shakspere gute Gründe gehabt, seine früheren Aktivitäten mit dem Theater (was immer sie gewesens ein mögen) zu verheimlichen oder herunterzuspielen oder sich von ihnen zu distanzieren. Er wollte schließlich als angesehener, seriöser Gentleman anerkannt werden, nicht als zwielichtiger Theatertyp trotz seines Reichtums am Rande bleiben.

1619 Der moderate und „faule“ Vikar John Rogers wird abgesetzt, der radikale, eifernde Vikar Thomas Wilson übernimmt das höchste Kirchenamt der Stadt. (Mehr dazu auf der Puritaner-Seite.)


Quellen:

Siehe Stratford-Startseite unten!


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