Stratford-upon-Avon: Shaksperes Freunde und Kollegen

Wer waren Shaksperes Stratforder Freunde? – Hartgesottene Geschäftsleute wie er.

Offensichtlich nicht der Londoner Dichter Ben Jonson oder der in der Nähe lebende Dichter Michael Drayton (dessen Arzt John Hall, der Schwiegersohn, war). Auch nicht John Fletcher, mit dem Shakspere doch noch in den letzten Jahren bei zwei oder drei Werken kollabiert haben soll.

Im Testament werden die Stratforder Freunde bedacht.

Item, gebe und vermache ich den Armen des besagten Stratford zehn Pfund. Mr. Thomas Combe mein Schwert; Thomas Russell, Esquire, fünf Pfund; und Fancis Collins, Gentleman aus der Gemeinde Warr. in der Grafschaft Warr., dreizehn Pfund, sechs Schillinge und acht Pence, auszuzahlen binnen eines Jahres nach meinem Ableben. Item, gebe und vermache ich Hamnet Sadler 26 Shillinge, 8 Pence für den kauf eines Rings; William Reynolds, Gentleman, 26 Shillinge, 8 Pence für den Kauf eines Rings; meinem Patensohn William Walker 20 Shillinge in Gold; Anthony Nash, Gentleman, 26 Schillinge, 8 Pence; und meinen Gefährten John Hemmings, Richard Burbage und Henry Condell jeweils 26 Schillinge acht Pence für einen Ring.

Testament, deutsche Übersetzung aus Sobran, S. 274f

Vor allem zu nennen ist John Hall, der Schwiegersohn und Haupterbe. Er hat seit seiner Einheirat vielleicht schon eine gewisse Rolle bei Shaksperes Geschäften und sonstigen Handlungen gespielt?Andere meinen, das Verhältnis zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn sei eher distanziert gewesen. Lassen wir es im Moment offen. Shakspere vertraut einigermaßen auf ihn – auf den erklärten Puritaner, der mit Tochter Susanna den ersehnten männlichen Erben erzeugen soll. Sie leben zusammen im Herrenhaus, genannt New Place.

Eng scheint die Beziehung zu einer der reichsten Stratforder Familie zu sein, den Combes. Der Wucherer John Combe stirbt 1614 und bekommt ein Monument in der Kirche der Stadt. Shakspere vermacht er per Testament 5 Pfund. Sein Neffe erhält als Erbe Shaksperes Schwert – ein ehrenvolles Legat. William und Thomas Combe liegen 1614-19 mit der Stadt im wilden Konflikt wegen des Welcombe-enclosure-Projekts. Vielleicht lässt Shakspere William deshalb im Testament außen vor, aber Thomas ist er wohl persönlich sehr verbunden.

William Reynolds, gent.: Einer der größten Landeigentümer der Gegend. Bekennender Katholik und recusant, der die regelmäßig die Strafgebühr für Nicht-Teilnahme am sonntäglichen anglikanischen Gottesdienst bezahlt.

Anthony Nash, gent.: Zeuge bei einigen der Stratforder Geschäfte, u. a. beim Kauf der „Zehnten“; bekommt sein Wappen 1619. Landeigentümer, der wie Shakspere „Zehnte“ von der Hubaud-Familie gemietet hat. Sein Sohn Thomas wird Shaksperes Enkeltochter Elizabeth heiraten, die ihm dann den Hauptteil des väterlichen Erbes zubringen wird. Thomas Nash wird die puritantischen Revolutionäre im Bürgerkrieg massiv mit Geld unterstützen. Shaksperes Vermögen dient also letztlich den Puritanern im Kampf gegen den König und den Adel …

Thomas Russell, esquire: einer der reichsten Landbesitzer der Gegend, mit Manor House in Droitwich.

Francis Collins, gent: Shaksperes Anwalt. Er bekommt von denen, die nicht zur Familie gehören, das größte Legat in Shaksperes Testament. Vermutlich ein Hinweis auf die große persönliche Wertschätzung und Nähe.

Julius Shaw: ein wohlhabender Wollkauffmann und Nachbar.

Hamnet Sadler: der wohlhabende Nachbar, dessen Vornamen Shakspere seinem (1597 verstorbenen) Sohn gibt.

Was fällt auch hier wieder auf? – Shakspere hat keine Dichter, keine Gelehrten, keine Künstler in seinem Freundeskreis in Stratford, sondern Leute seiner Statur – tüchtige, erfolgreiche Geschäftsleute. Sein Stratforder Freundes- und Vertrautenkreis besteht aus einem Teil der örtlichen Oligarchie.

Wieder und wieder zeigt sich Shaksperes Priorität. Es ist nicht die Kunst. Nicht die Bildung.

Mit wem also unterhält sich Shakspere in seinen letzten fünf Lebensjahren? – Nicht mit Autoren, nicht mit Männern der Kunst und der Bildung. Ein Mann soll das Werk schreiben, der sich eigentlich für all das, was er da schreibt (und dazu denkt), gar nicht besonders interessiert. Und über das er mit anderen auch kaum sprechen möchte.

Aber da widerspricht David Kathman vehement. Seiner Darstellung widme ich eine eigene Seite.


 

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