Biographie Shakspere: Thema Bildung

Nehmen wir die größten Musikgenies: Monteverdi, Vivaldi, Bach, Händel, Mozart, Beethoven, Schubert, Wagner …: Bei allem Genie – sie haben eine musikintensive Umgebung seit ihrer frühen Kindheit erlebt, sie haben mit Instrumenten zu musizieren gelernt, sie haben frühzeitig Kompositionstechnik gelernt, sie haben sehr gute Lehrer gehabt und früh ihr Können vorgeführt.

Geniale Ohren. Geniales Musikgehör. Aber eben auch dieses intensive Lernen in lernfördernder Umgebung.

Kann man ähnliches auch für die genialen Autoren sagen? – Dante, Petrarca, Ariost aus der Zeit vor Shakespeare, Milton, Goethe, Tolstoi, Joyce, Proust in späteren Jahrhunderten, zum Beispiel? Sie sind alle nicht in illiteraten Familien aufgewachsen. Bücher waren ihnen von Kindheit an verfügbar, die Begegnung mit Literatur hat früh und leidenschaftlich begonnen.

Shakspeare kommt aus einer illiteraten Familie – die illiterat bleibt, weil er seinen Töchtern keine literarische Bildung geben lässt. Man kann lesen, aber kaum schreiben. Man hat kaum Bücher zu Hause.

Natürlich kann auch jemand aus bildungsfernen Verhältnissen sich sehr viel Bildung erarbeiten. Beispiele dafür sind Ben Jonson und Christopher Marlowe. Aber wenn das passiert, dann wird davon gesprochen. Dann gibt es darauf Hinweise. Und es gibt einen Mentor, einen, der Bücher zur Verfügung stellt und geistig anregt und fördert.

Stratford hat eine Grammar School, die wahrscheinlich kaum überdurchschnittlich gut war und die selber nur wenig Bücher besessen haben wird – jedenfalls keine, die der kleine Shakespeare nach Hause nehmen konnte. Englisch wurde dort außerdem nicht unterrichtet. Ein einziger Schüler dieser Grammar School hat es geschafft, ein Universitätsstipendium zu bekommen.

Shakspere wird diese Lateinschule besucht haben, zumindest für ein Jahr. Denn dass er lesen konnte, daran lassen die Dokumente über sein Leben nicht zweifeln. Ob er auch schreiben konnte, muss angesichts der sechs Unterschriften verneint werden.

Wie kam Shakspere, wenn er der Autor der Werke Shakespeares sein soll, zu seiner enormen Bildung? Zu seinen mindestens sechs Fremdsprachen zum Beispiel?

Es gibt – ungewöhnlicherweise – keinen Hinweis darauf. Anders als bei den anderen bedeutenden Autoren, etwa Ben Jonson, oder Marlowe.

In seinem Werk gibt es keine Person, die einmal stolz oder mit Selbstverständlichkeit eine so außergewöhnliche Bildungskarriere sichtbar macht. Kein verehrter Lehrer kmmt vor, der einem jungen Mann von unten den Weg in die Welt der Bildung geöffnet hätte. Kein Schul- oder Universitäts- oder sonstiges Dokument hilft uns weiter. Im Testament – Shaksperes letzem Wort, und er hat es diktiert – herrscht Bildungsferne – sowohl was die Sprache als auch was den Inhalt angeht.

Wieder erkennen wir die Prioritäten unseres William Shakspere aus Stratford-upon-Avon: Geldverdienen, Reichwerden, zu hohem Ansehen als Honoratior in Stratford kommen. Bildung spielt kaum eine Rolle für diesen Mann.

Wenn wir das alles feststellen – sind wir dann Snobs? Leute, die es unangenehm finden, dass da jemand bildungsmäßig von unten nach oben gekommen ist?


In vier Unterkapiteln gehe ich diesen Themen genauer nach:

Kann er schreiben?

Latein

Grammar School & University

Töchter ohne Bildung

Hinzuzuziehen wäre Kapitel 10 der Contra-Serie: Shakespeares Rechts-Kompetenz

Eine Seite muss ich noch schreiben: Grammar-School-Szenen im Werk (u. a. in Love’s Labour’s Lost, Merry Wives of Windsor, Taming of the Shrew)


Ich verweise u. a. auf Diana Price: Shakespeare’s Unorthodox Biography. 2012 (Seite 241-256)

Die Gegenposition bezieht Carol Chillington Rutter in ihrem Beitrag zu Edmondson/Wells: Shakespeare Beyond Doubt. (Seite 135-144).

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