Biographie – Shakspere: Thema shake-scene

Mehrere für uns rätselhafte Texte scheinen auf einen Mann zu verweisen, der vom Lande nach London gekommen ist und dort mit dem Theater und rund ums Theater Geschäfte macht, dabei auch als schlechter Schauspieler auftritt, für das Theater aber aufgrund seiner Finanzressourcen und seiner merkantilen Fähigkeiten wichtig ist.

Der erste Text: Greene’s Groatworth of Wit. Shake-scene tritt auf, und Greene warnt vor diesem Typ. (Diese mutmaßliche Anspielung auf Shakespeare/Shakspere ist ein zentrales „Beweisstück“ für die Stratfordianer und verdient besondere Aufmerksamkeit.)

Der zweite Text: Ben Jonsons satirisches Stück „Every Man Out of His Humour“ und das Wappen. Shakspere = Sogliardo?

Der dritte Text: Die drei Parnassus-Stücke aus Cambridge. Shakespeare = Gullio?

Der vierte Text: Wieder von Ben Jonson: Wer ist der Poet Ape?

Es ist nicht sicher, ob sich diese vier Texte auf „unseren“ Shakspeare beziehen. Vieles bleibt uns rätselhaft, oft können wir nur raten.

Das hat damit zu tun, dass sich die Autoren jener Zeit durch kryptisches Schreiben gegen Zensur, Klagen und Racheaktionen absichern mussten. Klartext war nicht ratsam.

Es hat auch damit zu tun, dass den Zeitgenossen so manche Anspielung unmittelbar verständlich war, für uns jedoch der Hintergrund oder Zusammenhang nicht mehr erkennbar ist.

Immerhin lässt sich sagen: Es ist durchaus naheliegend, diese vier Texte auf den Mann aus Stratford zu beziehen. Sie könnten (!) ihn gemeint haben. (Vielleicht aber auch nicht. Oder nicht so, wie ich es hier vorschlage. – Das sollten wir zugunsten der Stratfordianer bedenken.)

Das Bild, das sich aus den vier Interpretationen ergibt, ist nicht gerade schmeichelhaft:

Dieser Shakspere war extrem von sich eingenommen, arrogant, einer, der rücksichtslos auch mit den Autoren umgegangen ist. Er hat sie ausgenützt. Er hat sich Stücke angeeignet, die ohne Autorennamen zur Verfügung standen, er hat andere schreiben lassen und sie schlecht bezahlt, er hat sich gelegentlich solche Werke selber zugeschrieben. Dabei war er ein Mann der Halbbildung, ein lächerlicher Angeber. Andererseits aber wegen seines Geschäftssinns unentbehrlich für die Theatermacher. Er hat als Finanzier agiert, für Stücke gesort und für die teuren Kostüme und für Finanzierung und Betrieb der Spielstätten. Dafür durfte er auch gelegentlich auf der Bühne auftreten und „bombast out“ einen Blankvers, den er immer wieder einmal spontan „verbessert“ hat, weil ihm der Text entfallen ist.

Das ist eine böse, eine satirische Charakteristik, die wir nicht zu wörtlich nehmen sollten. Satire übertreibt. Aber sie übertreibt etwas vielleicht Reelles.

Es steht uns frei, diese satirischen Darstellungen – zurückhaltend – auf den Shakespeare der Stratfordianer (also den Autor aus Stratford) oder auf den Shakspere der Opposition, der Kritiker zu beziehen, für die er ohnehin nur ein gelegentlich schauspielernder Geschäftsmann und Theaterunternehmer war.

Machen wir es wie ein Kriminalkommissar, der einen undurchsichtigen Fall vor sich hat.

Erstens: Er hält sich alle Möglichkeiten offen – auch dann, wenn er eine Theorie für plausibler einschätzt als die anderen.

Zweitens: Sehen wir diese spezielle shake-scene-Debatte im Zusammenhang mit den anderen Debatten-Kapiteln, verbinden wir sie also mit dem, was wir über das Testament, über den Bildungsgang, über die Sonette und den Merchant of Venice etc. zur Autorschaftsfrage erkennen können. – Vor dem Hintergrund aller anderen Zweifelspunkte: Wie lassen sich die vier hier untersuchten Texte verstehen?

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