Biographie Shakspere: Kein Nachruf?

1616 stirbt Shakspere in Stratford.

Der Tod des Geschäftsmannes bleibt ohne erkennbare Reaktion.

Der Tod des berühmtesten Dichters seiner Zeit (oder des zweitberühmtesten nach Ben Jonson) hätte Nachrufe bei seinen Dichterkollegen und bei einigen Gelehrten hervorgerufen, und die eine oder andere Elegie. So war das etwa bei Ben Jonson.

Gerade dass Ben Jonson nicht reagiert, fällt auf – von ihm ist fast alles, was er geschrieben und veröffentlicht hat, erhalten – er hat aufmerksam dafür gesorgt. War ihm Shakespeare keinen Nachruf wert? 1623 wird er allerdings aktiv – im First Folio. Sieben Jahre nach dem Tod des Großen Dichters.

Im selben Jahr ist der zweitrangige Dichter Beaumont gestorben. Die Kollegenwelt reagiert, wie man es erwartet – und da die veröffentlichten Produkte von Dichtern eine alles in allem relativ gute Überlebenschance haben, sind uns einige dieser Reaktionen erhalten geblieben.

Nichts bei Shakspere, dem angeblichen Shakespeare. Wieder so ein unglücklicher Zufall?

Ist die Basse-Elegie eine Ausnahme?

William Basse ist ein unbedeutender Poet, geb. ca. 1583, gest. ca. 1653. Die Elegie auf Shakespeares Tod – An Epitaph upon Shakespeare – ist wohl das einzige Werk, das weite Verbreitung gefunden hat – es ist in auffallend vielen Manuskripten erhalten geblieben, was für seine damalige Popularität zeugt.

Renowned Spencer lye a thought more nye
To learned Chaucer, and rare Beaumond lye
A little neerer Spenser, to make roome
For Shakespeare in your threefold, fowerfold Tombe.
To lodge all fowre in one bed make a shift
Untill Doomesdaye, for hardly will a sift
Betwixt this day and that by Fate by slayne,
For whom your Curtaines may be drawn againe.
If your precedency in death doth barre
A fourth place in your sacred sepulcher,
Under this carved marble of thine owne,
Sleepe, rare Tragedian, Shakespeare sleep alone;
Thy unmolested peace, unshared Cave,
Possesse as Lord, not Tenant, of the Grave,
That unto us and others it may be
Honor hereafter to be layde by thee.

zit: http://spenserians.cath.vt.edu/TextRecord.php?action=GET&textsid=33265

Gedruckt wurde es erstmals 1633. Wann ist die Elegie geschrieben worden? – Schon 1616, kurze Zeit nach dem Tod, bzw. nachdem das Monument in der Stratforder Kirche errichtet worden ist? – Denkbar. Wir wissen es nicht. Denkbar ist auch, dass es erst 1622/23 entstanden ist – insofern Ben Jonson darauf anspielt, muss er es vor der First-Folio-Herausgabe gekannt haben. Oder die Einflussnahme ist umgekehrt: Basse übernimmt in den ersten Versen einen Gedanken von Ben Jonson,

Wie dem auch sei – Genaueres über den Autor Shakespeare bzw. seine Person scheint Basse nicht zu wissen.

Der angebliche Wissenschaftler Stanley Wells widmet Basse etwas mehr als eine Seite in Shakespeare Beyong Doubt (S. 81/82), ohne zu berücksichtigen, dass Basse auch Ben Jonson folgen könnte wie umgekehrt Ben Jonson Basse. (Diese Möglichkeit übersieht bzw. übergeht Wells einfach – in der wie üblich unwissenschaftlichen Manier der Shakespeare-Anglisten, sobald es um die Autorschaftsfrage geht.)

Wells meint, mit Basse eine Widerlegung der These zu haben, es hätte keinen angemessen zeitnahen Nachruf auf Shakespeares Tod gegeben.

Selbst wenn wir einmal annehmen, Basse hätte seine Elegie 1616 verfasst und als Manuskript weit verteilt, und es wäre von vielen noch in diesem Jahr gelesen worden: Wo bleibt die Elegie von Ben Jonson, wo bleiben die Elegien der Autoren, mit denen Shakespeare – angeblich – in seinen letzten Jahren kooperiert hat – John Fletcher und Thomas Middleton? Wo bleiben die Elegien und Nachrufe der vielen, die den großen Autor Shakespeare gekannt und geschätzt haben müssen? Drayton zum Beispiel. Undsoweiterundsofort.

Wie man an Basses Elegie sieht: Solche Elegien wären populär gewesen damals und hätten es spielend geschafft, die schwierigen Zeiten nach 1616 immer wieder abgeschrieben zu überleben bis zur gloreichen Wiederentdeckung des Autors in 18. Jahrhundert.

Kein Wort darüber von Stanley Wells.

Der „Fall Basse“ wird zum Bumerang für die Stratfordianer. Weil er beweist, dass Elegien oder poetische Nachrufe auf den Meister beste Verbreitungs- und Weitergabechancen gehabt hätten, erkennen wir: Es gab sonst nichts. Es gab nur – bestenfalls (also: wenn diese Verse aus dem Jahr 1616 stammen sollten) – diesen unbedeutenden Basse.

Warum geben sie nicht zu, die Stratfordianer, dass hier ein Problem liegt? Für sie ein nicht aufzulösendes Rätsel?

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