Biographie – Shakspere und Ben Jonson. Timber

Vor 1616 (vor Shaksperes Tod) äußert sich Ben Jonson nicht zu Shakespeare oder Shakspere.

Die zwei Generationen später erzählte Anekdote, dass er mit Drayton und Ben Jonson in einer Londoner Taverne zusammengesessen und Shakespeare dabei zuviel gesoffen habe und darum tödlich erkrankt sei, passt nicht recht zur Persönlichkeit von Drayton. War Shakspere ein Säufer? Einer, der sich totgesoffen hat?

Wir sind sehr gut informiert über Ben Jonsons Leben und Dichten in dieser Zeit. Anders als bei Shakespeare verfügen wir über eine Fülle von Dokumenten darüber, was er in dieser Zeit gemacht hat, wen Ben Jonson gekannt hat, etc. Shakespeare und Shakspere kommen nicht vor.

Das ist erklärungsbedürftig.

Möglicherweise hat er beide gemieden: den rivalisierenden, im Grunde überlegenen Autor ebenso wie den umtriebigen Theaterunternehmer, Schauspieler und Geschäftsmann aus Stratford. Obwohl letzterer eine wichtige Persönlichkeit im Theaterwesen Londons und damit auch für Ben Jonson gewesen sein muss. Der Autor, wenn dieser ein Aristokrat war, war für ihn nicht erreichbar; so beschränkt sich Ben Jonson auf eher kleinliche Kritik an Details. Mit dem Großen und den Großen will er sich (nach zwei Gefängnisaufenthalten) nicht mehr anlegen.

Die Mermaid-Tavern-Anekdote (Ben Jonson sitzt zusammen mit Michael Drayton und William Shakespeare dort beim Saufen und Konversieren) ist eine Erfindung. Drayton hat keinen Alkohol getrunken, und von Shakspere weiß man bezüglich der Taverne nur, dass er den Besitzer gekannt hat. Ben Jonson allerdings war dort zugange. Ein Brief, adressiert an die „right Worshipful Fraternity … that meet the First Friday of every Month, at the sign of the Mermaid“ nennt Jonson als Mitglied. (Diana Price, 201f)

Die Anekdote endet übrigens damit, dass Shakspere zuviel gesoffen und an den Folgen dieses Suffabends gestorben sei.

Diejenigen unter den Biographen, und das sind einige, die diese Anekdote oder Klatschgeschichte für wahr halten, sollten uns dann bitte über ihre Schlüsse daraus informieren. War Shakspere ein Säufer? Ist er an Säuferleber zugrunde gegangen?

Wie kommt Drayton, der (vermutliche) Abstinenzler, zu der Ehre, mitgesoffen zu haben? Warum informiert uns Ben Jonsons – von dem wir so viel biographische Nachrichten haben, jedenfalls die Literatur betreffend – nicht über seine Beziehung zu dem verehrten, aber auch kritisierten Autor – vor 1623?

1616 führt er Shakespeare als Schauspieler in zwei Besetzungslisten früherer Premieren auf.

Danach gibt es zwei wichtige Dokumente, in denen sich Ben Jonson äußert: das First Folio und Timber.

Im First Folio preist Ben Jonson den Autor Shakespeare in allgemeinen Worten, in wenig spezifischer Weise – und mischt in diesen Preis so seltsame Zeilen wie „your small Latin“. Das steht im Widerspruch zu den sonstigen Äußerungen, die Ben Jonson über Shakespeares Werke von sich gegeben hat.

In „Timber“ liefert uns Ben Jonson einiges über Shakspere und/oder Shakespeare), das nun Thema der Debatte werden sollte. Diana Price widmet diesem Text ein ganzes Kapitel: Shakespeare’s Unorthodox Biography. 2012. Seite 201 – 218.

Ben Jonson:


De Shakspeare nostrat. – Augustus in Hat. – I remember the players have often mentioned it as an honour to Shakspeare, that in his writing (whatsoever he penned) he never blotted out a line.  My answer hath been, “ Would he had blotted a thousand,“ which they thought a malevolent speech.  I had not told posterity this but for their ignorance who chose that circumstance to commend their friend by wherein he most faulted; and to justify mine own candour, for I loved the man, and do honour his memory on this side idolatry as much as any.  He was, indeed, honest, and of an open and free nature, had an excellent phantasy, brave notions, and gentle expressions, wherein he flowed with that facility that sometimes it was necessary he should be stopped.  “ Sufflaminandus erat,“ {47a} as Augustus said of Haterius.  His wit was in his own power; would the rule of it had been so, too.  Many times he fell into those things, could not escape laughter, as when he said in the person of Cæsar, one speaking to him, “ Cæsar, thou dost me wrong.“   He replied, “ Cæsar did never wrong but with just cause;“ and such like, which were ridiculous.  But he redeemed his vices with his virtues.  There was ever more in him to be praised than to be pardoned.

Wie ich mich erinnere, haben die Schauspieler es Shakespeare oft zum Ruhm angerechnet, daß er aus dem Manuskript, was immer es war, nie eine Zeile strich. Ich antwortete: hätte er doch tausend Zeilen gestrichen – was mir als böswillig ausgelegt wurde. Ich halte dies nur fest, um die Ignoranz derer zu kennzeichnen, die ihren Freund für einen Umstand lobten, worin er am meisten fehlte, aber auch, um meine eigene Aufrichtigkeit zu bezeugen, denn ich liebte diesen Mann und ehre, ebenso andere, sein Andenken fast bis zur Abgötterei. Er war, in der Tat, achtbar und von einem offenen und freien Wesen – hatte eine glänzende Phantasie, kühne Gedanken und edle Formulierungen, worin der sich mit solcher Leichtigkeit bewegte, daß es manchmal nötig war, ihn zu bremsen. Man mußte ihm ins Wort fallen, wie Augustus von Haterius sagte. Er beherrschte seinen Geist und Witz: wenn er sich nur immer an die Regeln gehalten hätte. Oftmals verfiel er in Unarten und konnte der Versuchung des Lächerlichen nicht widerstehen, so wenn er Cäsar sagen ließ (nachdem jemand sich unrecht behandelt fand): Hör zu Recht nur tat dir Cäsar unrecht – und solcher Dinge mehr, die zum Lachen waren. Aber er glich seine Unarten mit seinen Tugenden aus. An ihm war jederzeit mehr zu bewundern, als zu entschuldigen.

Übersetzung bei Kreiler, 540

Stratfordianer beziehen diese Zeilen auf den Autor – auch ich halte das für zunächst naheliegend. Schließlich ist hier von „blotted lines“ die Rede, die Shakespeare bei seinem Schreiben konsequent vermieden habe.

Diana Price bittet, genauer hinzusehen.

Ihre Argumentation in Kürze:

  1. Wie haben wir „Timber“ einzuschätzen? In welchem Zusammenhang finden wir die Bemerkungen über Shakspeare (!)?
  2. Ben Jonson spricht hier über den Stratforder Shakspere, nicht über den Autor Shakespeare. Anders als im First Folio, wo beide Personen ineinander verschränkt werden.
  3. Shakspeare wird hier nicht als Autor beschrieben, sondern als eine teils verdienstvolle, teils lächerliche Figur, die mit dem römischen Senator Haterius verglichen wird: einem, der zuviel und zu viel Dummes daherredet und darum von Kaiser Augustus gebremst werden muss – der aber andererseits auch viele Verdienste hat, die insgesamt sogar überwiegen.
  4. he never blotted a line“ zeigt zweierlei: Erstens, dass der Hemminges/Condell-Text im First Folio von Ben Jonson stammt; zweitens, dass die beiden dafür kritisiert werden, keine Ahnung vom Schreibprozess eines Autors zu haben und den Unterschied zwischen den sehr wohl „blotted“ „foul papers“ (den oft heftig korrigierten Entwurfsblättern) und der sauberen Endschrift nicht kennen.
  5. Ben Jonson besteht darauf, dass ein guter Autor KUNST liefert und nicht einfach nur natürlichen Witz, eine Imitation der Natur. Shakespeare der Autor produziert Kunst, Shakspere hingegen lässt seine Zunge mal laufen und ist dabei durchaus nicht unwitzig. De Shakspeare nostrati ist eine eher negative Benennung: „über Shakspeare, unser heimisches Gewächs„.
  6. Shakspere misshandelt das Shakespeare-Zitat aus der Tragödie „Julius Caesar“ – und macht sich damit lächerlich. Die peinlich-arrogante Fehlzitierung scheint gern über Shakspere erzählt worden zu sein.

Kreiler (S. 340) interpretiert die Julius-Cäsar-Sache anders. Er nimmt an, Shakespeare/Oxford habe im Manuskript tatsächlich das geschrieben, was er, Jonson, dann als peinlich-arrogant zu erkennen meint – und Jonson habe die Stelle als Editor so korrigiert, wie sie dann im First Folio steht.

Hör, zu Recht nur tat dir Cäsar unrecht …

Hör! Cäsar tut kein Unrecht; und ohne Grund / Gibt er sich nicht zufrieden.

Letztere Fassung finden wir in Julius Cäsar III/1

Kreiler nimmt an, Ben Jonson spricht in Timber über den Autor, Shakespeare/Oxford.

Ich stelle die gegensätzlichen Auffassungen hier nur einander gegenüber – ich werde mich ihnen zu einem späteren Zeitpunkt erneut widmen und abwägen, welche wahrscheinlicher ist.


Weitere Seiten über Ben Jonson:

Shakspere = Sogliardo?

Poet-Ape“

First Folio: Ben Jonson

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