Biographie Shakspere: Werk beißt Mann

Wer es wagt zu meinen, der einfache Bürger aus Stratford sei der Autor nicht gewesen, es müsse ein Adeliger gewesen sein, bekommt routinemäßig zu hören: Sie sind ein Snob!

Wer ist (oder war) hier der Snob? – Der Autor Shakespeare selbst.

Ich referiere im Folgenden (übersetzend, zusammenfassend) die Seiten 258 – 260 aus Diana Prices „Shakespeare’s Unorthodox Biography“:

1: Der Höfling zeigt sich im Werk

Shakespeare steht bis heute für Royal Britain – für die königliche und aristokratische Führungsschicht. Seine Oberklassen-Perspektive unterscheidet Shakespeare von den Dramatikern seiner eigenen Zeit.

Shakespeares zehn Geschichtsdramen ebenso wie die Römerdramen beschäftigen sich mit dem Gewinn, der Konsolidierung und der Aufrechterhaltung königlicher Macht. Die Geschichtsdramen der Zeitgenossen tendieren hingegen eher dazu, den Blick auf die Opfer der Macht zu werfen. Sie schreiben vom Standpunkt des „commoners“ aus, des Bürgers.

Shakespeare geht es fast immer nur um das Schicksal derer, die ganz oben stehen – derer, die adeliges Blut haben.

Seine Komödien folgen den Idealen der höfischen Romanze – weit entfernt vom Leben des Arbeitens und Geldverdienens.

Zeitgenossen wie Dekker, Jonson oder Middleton spiegeln lieber das Leben der Nichtadligen, das Leben der Normalbürger.

Northrop Frye: „Shakespeare scheint die Instinkte eines geborenen Höflings gehabt zu haben.“

2: Shakspere der Bürgerliche

Dem steht das bürgerliche Leben William Shaksperes aus Stratford gegenüber.

Seine wohl-dokumentierten Fußabdrücke liefern uns nichts von einem Höfling. Shakspere schaut von unten nach oben und wll nach oben.

Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass er das Hofleben von innen her kennen gelernt haben könnte. Er würde es nur von außen kennen, als einer, der gelegentlich mal durch die Domestikentür reinkommt, am Ort mit Domestiken zu tun hat und gegebenenfalls verhandelt, auch vor dem Hof schauspielert und ein wenig Beifall entgegennimmt. Was hätte ein Mitglied der Lord Chamberlain’s Men und der King’s Men mit dem Hof sonst zu tun? Wie sollte ein solcher Hofauftritt dafür sorgen, dass der Mann die Perspektive des Hofes auf Welt und Mensch und Gesellschaft so vollständig übernimmt, dass man von Assimilation an die Hofwelt sprechen müsste?

Shaksperes Griff nach dem Wappen und sein Aufstieg in den Stand des Gentleman (der untersten Stufe des Adels) beweist das Selbstbewusstsein des tüchtigen, erfolgreichen Bürgers. Shakespeare – der Autor – hätte gesagt: Es ist die Anmaßung des Bürgers, der nicht auf seinem von Gott oder der Natur gewollten Platz zu bleiben gedenkt.

Deuten die beiden Widmungen der Versepen an den Earl of Southampton auf eine aristokratische Verbindung? Ein Leben, das wenigstens zeitweise dem Stratforder die aristokratische Welt von innen hätte zeigen können? – Es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf, dass Shakspere mit dem Earl etwas zu tun hatte. (Außer, wenn er der Autor der Versepen war, in Form der Widmung – die dann vielleicht ein Versuch waren, sich Patronage zu erwirken.)

3: Shakespeare der Snob

Immer wieder hebt er die Überlegenheit derer hervor, in deren Adern adeliges Blut fließt.

Hamlets und Laertes Degen sind beide mit dem gleichen Gift versehen, sie erstechen sich gleichzeitig – aber Laertes stirbt zuerst. Bei der Dienerin von Cleopatra braucht es nur eine Schlange zum Sterben, bei Cleopatra müssen es zwei sein. Noch im Tod nehmen wir den Unterschied wahr.

Prinzessin Perdita (The Winter’s Tale) ist gebildet ohne jede Schulung, einfach von ihrer aristokratischen Natur her. Dito Orlando (As you like it).

Immer wieder hebt Shakespeare die Tugenden der Hochgeborenen und die Schwächen der Niedriggeborenen hervor – und verstärkt den Unterschied gegenüber den Quellen, auf die er zurückgreift.

Immer wieder karikiert er grausam die Vertreter der niederen Stände. Sie sind Deppen und lächerlich, bekommen auch entsprechende Namen. (Ben Jonson hingegen gibt solche verächtlichen Namen auch gerne den Adeligen.) Shakespeare satirisiert auch Adelige gelegentlich, aber relativ zu ihrem Auftreten in den Stücken nicht oft.

Kaum je (die Ausnahme findet sich in Henry V.) kommt es vor, dass ein Mann von unten durch Verdienst nach oben kommt. Shakespeare schätzt den Aufstieg von Vertretern der unteren Schichten nicht.

4: Die drei Dramen, die ganz oder teilweise im bürgerlichen Milieu spielen

sind The Merry Wives of Windsor, The Taming of the Shrew, The Comedy of Errors.

Das sind drei von 37.

In allen anderen Dramen kommt das Bürgertum, dem Shakspere angehört, kommen auch die Arbeit und der Beruf unsres Stratforder Shakspere nicht vor. Es sei denn in der verachteten, gehassten Person von Shylock, dem Wucherer … (Möchte ein Biograph oder Interpret annehmen, hier zeichne ein masochistischer Shakespeare ein Bild von sich selbst?)


Soweit Diana Price. Gibt es Einwände?

„Shakespeare“ (der Autor) misst auch die Adeligen, sogar die Könige an einem strengen Maßstab. In der Tat. Die Werke sind also voller Kritik, gelegentlich auch satirischer Kritik an Adeligen. Der vermutlich hochadelige Autor ist ein Außenseiter unter seinen Peers. Aber seine Distanzierung und Kritik ist nicht die bürgerliche Kritik an der Adelswelt. Adelige sind für den adeligen Autor auch Menschen – und damit oft lächerliche oder tragische Gestalten.

Zweiter Einwand: Das bürgerliche Publikum hat schon immer gern hineingeblickt in die glanzvolle entrückte Welt der Oberen – heute wie damals. Also hat der nach Erfolg strebende Autor aus Stratford ihnen jede Menge Adelswelt und Königswelt geboten.

Wir bekommen die Adelswelt aber nicht aus der Perspektive von unten, sondern aus der Binnenperspektive zu sehen. Der Blick geht hier von oben nach unten. Hier schreibt ein Insider.

Wir können das vergleichen mit Shakespeares Kollegen. Marlowes fünf uns bekannte Dramen spielen in drei Fällen in der Adelswelt (Tamerlain, Edward II, Barholomäusnacht), in zwei Fällen in der Bürgerwelt (Jew of Malta, Dr. Faustus).

(Ich werde mir die Werke der anderen eins nach dem anderen genauer ansehen, um hier Klarheit zu bekommen.)

Walt Whitman – ein Snob?

Walt Whitman gehört zu den demokratischen Helden der amerikanischen Geschichte des 19. Jahrhunderts – und zu ihren besten Dichtern.

Er glaubte nicht, dass der Mann aus Stratford der Autor war. Sein Argument, damals: Shakespeares Stücke

were conceiv’d out of the fullest heat and pulse of European feudalism – personifying in unparallel’d ways the mediaeval aristocracy, its towering spirit of ruthless and gigantic caste, with its own peculiar air and arrogance.

zit. bei Diana Price, S. 27

Whitman sagt das aus der Perspektive des leidenschaftlichen Demokraten, des Sprechers der einfachen Bürger. Wer würde Whitman einen Snob nennen wollen?


Ein weiteres Argument dafür, dass eher Shakespeare der Snob ist, liefert der Blick auf die bevorzugte Freizeitgestaltung in den Dramen.


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