Biographische Bezüge: Aristokratische Freizeit

Wieder übersetze und fasse ich zusammen, was Diana Price im einschlägigen Kapitel schreibt (Shakespeare’s Unorthodox Biography, S. 265 – 269)

Man kann so einiges nachträglich lernen. Aber eine intuitive Vertrautheit erwirbt man sich, wenn man’s schon in der Kindheit gelernt und sich persönlich zu eigen gemacht hat.

Ben Jonson kann in einem Buch genau nachlesen, wie man bezüglich der Jagd alles sprachlich richtig bezeichnet – aber es ist angelesenes, nicht erlebtes, erfahrenes Wissen – es schleichen sich Ungenauigkeiten ein, die dem Fachmann auffallen.

Man kann auch mit 18 noch lernen, wie man Fußball spielt, aber es gibt keinen Meisterfußballer, der erst mit 18 damit angefangen hätte. Kann man wenigstens noch ein Meisterkommentator oder Meistertrainer werden, wenn man erst mit 18 dem Fußball begegnet ist?

Falknerei

war eine teure, fast nur aristokratische Freizeitbeschäftigung. Shakespeare kennt sich damit bestens aus. Wir müssen annehmen, dass er diesen Sport leidenschaftlich betrieben hat.

Der Wortschatz ist für den Außenstehenden nicht einfach von einem Fachbuch aus zu verstehen. Man muss schon auch beteiligt gewesen sein, damit einem Bedeutungen und Zusammenhänge klar werden.

Hinzu kommt, dass Shakespeare Falknerei-Metaphern auch außerhalb des Sports bildet – etwa wenn Othello seiner Desdemona Untreue vorwirft und dies in der Sprache der Falknerei macht.

Da Shakespeare mit der Falknerei persönlich vertraut ist, kann er mit ihrer Sprache kreativ umgehen.

Reiten

Shakespeare zeigt sich als ausgebildeter Reiter – der nicht nur gut reiten kann, sondern dies auch im Rahmen der aristokratischen Anforderungen.

Zugegeben, auch Shakspere kann ein guter Reiter gewesen sein. Auf den vielen Meilen zwischen Stratford und London war er beritten unterwegs.

Man müsste die Unterschiede zwischen dem Reit-Wissen der Bürgerlichen und der aristokratischen Elite kennen.

Tennis

ist damals ein Aristokratensport. Wieder erleben wir, wie Shakespeare Tennis-Metaphern verwendet für ganz andere, eigentlich fernliegende Themen. Beispiel Henry V (1, Akt, 2. Szene). Die Arden-Herausgeber brauchen an dieser Stelle sechs Fußnoten, um die fünf Verse dazu einigermaßen verständlich zu machen.

Musik

haben auch Bürgerliche gemacht – in der Regel ohne dafür geschriebene Noten zu verwenden, und ohne teure Instrumente und teure Orchester. Man hat gesungen, allein und zusammen – und nach Gehör.

Anders bei Shakespeare. Die aristokratische Musikwelt singt Musik nach Noten, spielt auf Instrumenten und in Konzerten – diese Musik ist vergleichsweise komplex. Musik n dieser Form können sich nur reiche Leute leisten – der Hof, die Häuser der Adeligen, die Häuser der reichsten Geschäftsleute.

Woher nun hat der bürgerliche Shakspere die intime Kenntnis in all diesen Bereichen?

In seinem Testament ist von Musik, Musikinstrumenten nicht die Rede. Es wird in Stratford auch kaum höfische, aristokratische Musik gegeben haben.

Andere bürgerliche Autoren hatten persönlichen Kontakt und damit auch etwas Einblick von außen mit der aristokratischen Welt: Jonson, Marlowe, Drayton, Daniel, Massinger, Spenser, Nashe, Mundy, Lily, Watson (die drei letzteren zum Earl of Oxford). Bei Shakspere haben wir hier Fehlanzeige. Er hatte wohl keine aristokratischen Bekanntschaften.

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