Biographische Bezüge: Sonette

Zu Shakespeares Sonetten gibt es ein eigenes Kapitel mit 10 Unterkapiteln und Fragen rund um die Veröffentlichung.

Hier möchte ich über die Bezüge oder Nicht-Bezüge zwischen Sonetten und Biographie schreiben.


Sonette 1 – 17

Der Autor drängt den hochadeligen jungen Mann, an den sich diese 17 Sonette richten, dazu, bitte zu heiraten und Kinder zu zeugen.

Kann ein „commoner“ solche Sonette an einen Hochadeligen richten? Verbietet dies nicht die Standesschranke?

Die Frage stellt sich selbst dann, wenn wir einmal spekulieren, die Mutter des jungen Earls hätte diese 17 Sonette beim commoner Shakspere in Auftrag gegeben. Der junge Adelige wäre ziemlich pikiert gewesen, hätte er erfahren, was für ein niedrig geborener Mensch es hier wagt, ihn so auf Augenhöhe anzusprechen.

Wie erklärt sich ein solches Phänomen also kulturell bzw. soziologisch in der spät-elisabethanischen Epoche? – Läge es nicht nahe, dazu eine Studie zu verfassen? (Die Stratfordianer scheinen kein Interesse an der Frage zu haben. Hat sich mal jemand von ihnen diese Frage gestellt?)

Indem ich die Frage stelle, möchte ich dem Ergebnis einer Studie nicht vorgreifen. Ich sehe einen möglichen Parallelfall: Ricahrd Barnflield und seine prekär homosexuell klingenden Verse an seinen hochadeligen Patron. (Ein interessanter Untersuchungsgegenstand!)

Sonette 62 und 63

Doch wenn mein Spiegel mich mir selber zeigt, geschlagen, rissig von gegerbtem Alter …

Bevor mein Lieb, wie ich jetzt bin, einst wird, zerdrückt und abgeschlagen von der Willkürhand der Zeit, wenn Stunden ausgetrocknet haben alles Blut, die Stirn gefurcht mit Runzeln und mit Linien …

Klaus Reichert, Prosaübersetzung der Sonette

Der Autor der Sonette war also ein (für damalige Verhältnisse) schon alter, von der Zeit gezeichneter Mann. Shakspere war um diese Zeit (es sind die 90er Jahre) in seinen späteren zwanziger und früheren dreißiger Jahren. Auch aus damaliger Sicht noch nicht alt.

Sonett 125

Was gält es mir, den Baldachin (canopy) zu tragen, mit meinem Äußeren Äußeres zu ehren oder Fundamente für die Ewigkeit zu legen, die kürzer als Verfall ist und Ruin?

Sah ich nicht die, die Prunk und Gunst hoffierten, alles und auch mehr verlieren, weil der Zins zu hoch, sie gaben schlichte Kost für Leckereien, klägliche Profiteure, von Gaffen ruiniert.


Klaus Reichert, Prosaübersetzung der Sonette

Eine vieldiskutierte Stelle. Sie konstrastiert authentischen Respekt für Autorität mit äußerlicher, unehrlicher Respektsbezeugung, die nach Belohnungen greift.

Canopy, der Baldachin, wird bei kirchlichen Zeremonien verwendet, aber auch in weltlichen Zeremonie für die Staatsautorität, und die ist hier gemeint. Der Baldachin wird in Prozessionen von hohen Adeligen getragen. Warum sollte der Bürger Shakspere sich als möglichen Baldachinträger präsentieren?

Sonett 25

Lass die, die in der Gunst der Sterne stehn, mit offiziellen Ehren, stolzen Titeln sich da brüsten, doch ich, von der Fortuna ausgesperrt von solcher Höhe, genieße unversehens, was ich am meisten ehre. … …

So bin ich glücklich, dass ich liebe und geliebt bin, wo ich mich nicht entferne und keiner mich entfernt.

Klaus Reichert, Prosaübersetzung der Sonette

Der Autor ist bei Hofe in Ungnade gefallen … und tröstet sich mit der Liebe des „schönen Jünglings“ – diese Liebe ehrt er am höchsten. – Wie könnte man DAS passend machen für die Biographie unseres Geschäftsmannes aus Stratford?

Sonett 29

Wenn, aus der Gunst der Menschheit und des Glücks gefallen, ich ganz allein mein Ausgestoßensein beweine, den tauben Himmel mit meinem unnützen Geschrei belästige, mich selbst da sehe, mein Geschick verfluche, …

Klaus Reichert, Prosaübersetzung der Sonette

Shakspere ausgestoßen? Aus der Gunst der Menschheit und des Glücks gefallen – große Worte. Wenn man sie auf Shaksperes Biographie bezieht, was würde sich da anbieten? Etwa ein Ausgestoßensein aus seiner Familie? – Es macht wenig Sinn.

Sonett 37

Wie einen hinfälligen Vater freut, sein Kind in jugendlicher Tatkraft stark zu sehen, so nehme ich – gelähmt von der Fortuna Tücke gegenüber Teuersten – all meinen Trost von deinem Wert und Wahrsein. … …

Dann bin ich nicht mehr lahm, arm, nicht verachtet …

Klaus Reichert, Prosaübersetzung der Sonette

Fortuna ist William Shakspere aus Stratford treu. Er wird reicher und reicher … schafft sogar sein Wappen und kann sich am Ende zufrieden in Stratford zur Ruhe setzen.
Und: Könnte der Bürger Shakspere so zu einem Earl sprechen?

Sonett 90

Dann haß mich, wenn du willst, wenn je, dann jetzt, jetzt, da die Welt, was ich auch tu, durchkreuzt, gesell dich zu dem Hohn Fortunas, mach mich klein, doch tritt nicht nach noch hinterher.

Klaus Reichert, Prosaübersetzung der Sonette

Wieder Fortuna, die tückische, die den Autor ruiniert. Fortuna durchkreuzt nicht, was Shakspere tut. Im Gegenteil.

Sonett 110

Ach, es ist wahr, es trieb mich hin und her. ich machte mich für alle Welt zum Narren, schändete die eigenen Gedanken, verkaufte billigst das mir Teuerste und machte alte Kränkungen aus Trieb zu neuen.

Klaus Reichert, Prosaübersetzung der Sonette

Es sieht schon so aus, als ob sich unser Stratforder shake-scene immer wieder zum Narren gemacht hat … Aber er hat es nicht gemerkt.

Sonett 111

Um meinetwillen rechte du mit der Fortuna, der Göttin, die an meinen Schandtaten schuld ist, die mir nichts Besseres im Leben bot als vulgäre Mittel, die vulgäre Sitten nähren.

Daher erhält die Brandmarke mein Name, und daher ist mein Leben fast dem ausgesetzt, worin es wirkt, wie die Hand des Färbers. Hab Mitleid denn und wünsche mich erneuert.

Klaus Reichert, Prosaübersetzung der Sonette

Schandtaten. Der Autor ist gebrandmarkt. Hab Mitleid!

Es ließen sich noch mehr Beispiele bringen, die auf das Leben des Stratforders kaum passen. Das merken auch die Stratfordianer. Was tun? – Sie erklären die Sonette zur reine Sonett-Spielerei eines genialen Autors, und so bestreiten sie ihren biographischen Bezug.

Womit sie selber ein schlagkräftiges Argument gegen sich selbst bringen. Sie hauen sich damit selber auf den Kopf. Wenn man zu solchen interpretatorischen Verzweiflungsmanövern schreiten muss, zeugt das von der Schwäche der Prämisse – dass der Autor William Shakspere aus Stratford ist.

Die Not wird durch die Veröffentlichung der Sonette 1609 noch größer: Da erkennen wir unmittelbar, dass sie nicht vom Geschäftsmann aus Stratford stammen können.

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