Bryson 1: Charakterschwächen

Brysons erstes Argument gegen Oxford als Shakespeare (S. 191):

Doch er hatte auch Schwächen, die gar nicht gut zu der mitfühlenden, ruhig verlässlichen, klugen Stimme passten, die immer wieder so verführerisch aus Shakespeares Stücken spricht. Er war arrogant, launisch, verwöhnt, verantwortungslos mit Geld und ein Sexprotz. Obendrein neigte er zu zutiefst beunruhigenden Gewaltausbrüchen – kurzum, beliebt war er nirgendwo. Im Alter von 17 ermordete er im Zorn einen Hausdiener (entkam der Bestrafung, nachdem ein gefügiges Gericht sich zu der Feststellung hatte überreden lassen, der Diener sei in Oxfords Schwert gerannt.) Nichts am Verhalten des Earls deutete jemals auch nur in Ansätzen daraufhin, dass er Mitleid und Empathie empfinden oder sich zu geistiger Großzügigkeit aufschwingen konnte, und schon gar nicht darauf, dass ihm als vielbeschäftigtem Mann am Hofe die harte Arbeit behagt hätte, zusätzlich zu den Werken unter seinem eigenen Namen anonym mehr als drei Dutzend Theaterstücke zu verfassen.

Dieses Argument entspricht Nelsons erstem Argument, das ich so zusammenfasse:

Wenn ich Nelson richtig verstehe, ist der erste Contra-Grund der, dass Oxford eine (seiner Meinung nach) ausgesprochen unsympathische Natur hat, die sich in einer reichlich perversen Biographie zeigt. Dazu gehört auch, dass er knackige Knaben liebt und missbraucht.

Einmal angenommen, man kennt nur die 40 Werke Shakespeares und weiß nichts über seine Biographie. Ich vermute, jeder würde annehmen, der Autor war ziemlich exzentrisch und eher kein ruhig dahinlebender Typ.

Im Werk schlägt sich dramatische Lebenserfahrung nieder. Nicht eins zu eins, aber doch, was die Konstellationen angeht: etwa die immer wiederkehrende Situation, in der der Mann die Geliebte oder Ehefrau ungerechterweise der Untreue beschuldigt; die starke Rolle der Frauen gegenüber den Männern; politische Intrige und Verrat; witziger Streit; physische Gewalt, die Qual vor der Entscheidung; …

Es gibt die ruhigen, verlässlichen Stimmen – und die wilden, wüsten, heftigen Stimmen auch bei den Helden, den Identifikationsfiguren.

Der Autor kann sehr wohl launisch gewesen sein.

Ein Sexprotz? – Na, man lese mal das Will-Sonett! Überhaupt die Dark-Lady-Sonette.

Aber Vorsicht. Ein Womanizer war dieser Oxford nicht. Anne Vavasour ist der einzige uns bekannte Fall einer außerehelichen sexuellen Beziehung, und die geschieht vor dem Hintergrund der demonstrativen Trennung Oxfords von seiner Frau nach seiner Rückkehr aus Italien, als er – von „Jago“ getäuscht – seiner „Desdemona“ eheliche Untreue vorgeworfen hat.

Die Dark-Lady-Aktivitäten könnten in die zwei, drei Jahre zwischen dem Tod von Anne (Cecil) und der Heirat mit Elizabeth (Trentham) fallen.

Dass Oxford sexuellen Verkehr mit Knaben gepflegt habe, behaupten nur die hemmungslosen Pamphlete zweier seiner Todfeinde.

Neigte er zu Gewaltausbrüchen? – Dieses gefährliche Temperament würde gut zu den Dramen passen … Da sind die an Verona erinnernden Knyvet-Scharmützel nach dem Ende der Vavasour-Affäre; es gibt einen weiteren Fall, einen blutigen Konflikt mit Spionen seines Übervaters Burghley; und natürlich hat er den Mord an dem Unterkoch auf dem Kerbholz, begangen im 17. Lebensjahr (literarisch aufgegriffen mit Hamlets Ermordung von Polonius).

Was diesen Mord mit 17 angeht – da halte ich mich an das, was der Schäfer in A Winter’s Tale über seinen Sohn sagt (III, 3, in Frank Günthers Übersetzung), gleich bei seinem ersten Auftritt:

Also, wenn’s doch bloß nicht das Alter zwischen zehn und dreiundzwanzig gäb; oder daß das junge Burschenvolk die Jahre verschlafen täte; denn in der Zeit dazwischen gibt’s doch nix als Mädchen Kinder machen, die Alten ärgern, und stehlen, und raufen …

Zeigt Oxford kein Mitleid, keine Empathie? Wie ist das aber mit der Versöhnung mit seiner Frau? Und was sagen uns die paar Gedichte, die aus dem Frühwerk stammen? Sie beweisen Mitleid und Empathie, auch geistige Großzügigkeit.

Warum sollte Oxford nicht die Zeit für die Arbeit an seinem Werk gehabt haben? Oder die Disziplin dazu?

Nelson geht die Sache anders an, er glaubt einfach den wüsten Pamphleten von Oxfords Todfeinde, bzw. er möchte, dass wir sie eim Kern für wahr halten.

Es liegt in der Freiheit des Interpreten, das vorliegende Faktenmaterial möglichst negativ zu lesen. Das kann für den, der gerecht einschätzen will, durchaus nützlich sein. Aber destruktive Parteilichkeit lädt nicht zu Vertrauen in die Urteilskraft des Richters ein.

Dass Oxford nicht populär war unter seinen Standesgenossen, ist auf jeden Fall richtig. Warum war er es nicht? – Vermutlich deshalb, weil er mit seiner unziemlichen Theater-Obsession die Standesgrenzen verletzt hat.

Er beklagt es dann selbst eindrucksvoll in den Sonetten …

Anerkennung für seine geistige Präsenz und Tätigkeit erhält er aber durchaus – gibt es einen Mann in England in seiner Zeit, der mehr ehrenvollen Autoren-Widmungen auf sich vereinigt?

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2 thoughts on “Bryson 1: Charakterschwächen”

  1. Ja, das ist wie heute bei der Steuerhinterziehung, etwa off shore … Viele machen es, und machen es ganz ungeniert und in großem Maßstab – nur, natürlich, direkt öffentlich darf es nicht werden, also mit Klarnamen und eindeutigen Kontobezügen.

    So geht das auch damals mit Ehebruch und Homosexualität. Unter der Hand, solange es im Dunkeln bleibt oder im Bereich des bloßen Gerüchts, das man immer, wenn nötig, empört zurückweisen kann, unter der Hand also geht das und kommt häufig genug vor. Aber natürlich kann einer, der tatsächlich William Shakespeare heißt, nicht Sonette unter eben diesem Namen veröffentlichen, Sonette, die seinen Ehebruch öffentlich machen.

    Das ist, wie wenn ein HC Strache öffentlich kundtut, dass er mit einer russischen Oligarchennichte über hochkorrupte Geschäfte verhandelt hat. Das MUSS geheim oder zumindest im Bereich des bloßen Gerüchts bleiben – wird es öffentlich, zieht es harte Konsequenzen nach sich.

    William Shakespare – der aus Stratford – wäre vors Kirchengericht von Stratford gezogen worden, und er hätte seine Verfehlung schwer büßen müssen. Er wäre vielleicht davongekommen, wenn er glaubwürdig hätte machen können: Nein, diese Sonette sind nicht von mir, da hat ein anderer den Namen als Pseudonym benutzt – ehrlich, traut ihr MIR, MIR, dem bieder-tüchtigen Geschäftsmann, solche exzentrischen und zugleich künstlerisch teuflisch treffenden Sonette zu? Ist doch klar, dass ich die nicht verbrochen haben kann! Ihr kennt mich doch!

  2. Was das androgyne, bisexuelle betrifft, so muss man konstatieren, das in seinem Werk, das Spiel mit den Geschlechtern, die zahlreichen Verwandlungen der Geschlechter und die zahlreichen Hosenrollen, einen breiten Raum einnehmen. Das würde sehr gut passen. Mal von der homoerotischen Verehrung in den Sonetten abgesehen. Die Erotik in den Stücken ist keinesfalls nur streng macciohaft, ganz im Gegenteil. Ich denke auch, das Homosexualität in der aristokratischen Gesellschaft nichts ungewöhnliche war.

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