Bryson 2: Anonymität unerklärlich

Nelson hat diesen zweiten Punkt Brysons nicht:

Looney legte nie Beweise vor, die erklärten, warum Oxford – eitel wie ein Pfau – seine Anonymität hätte wahren wollen. Warum hätte er damit zufrieden sein sollen, der Welt ein paar Stücke, die heute keiner mehr kennt, sowie mittelmäßige Gedichte unter seinem eigenen Namen zu schenken, doch sich hinter einem fremden Namen zu verstecken, als er mit zunehmendem Lebensalter eine unglaubliche Genialität entwickelte?

Dieses Argument muss unbedingt – im Sinne der Stratfordianer – ergänzt werden. Selbst wenn es Gründe für die Anonymität zu Lebzeiten Oxfords gegeben haben mag: Warum kann selbst 1623, fast 20 Jahre nach seinem Tod, der Schleier noch immer nicht gelüftet werden? Diese Ergänzung ist meine Seite 12 zu diesem Thema.

Erstaunlich, dass Bryson es nicht bringt. Er lässt damit seine beste Waffe gegen Oxford ungenutzt. Denn das, so, wie er sich in dem obigen Zitat äußert, lässt er sich leicht widerlegen.

(Zum zusätzlichen Argument mit den „mittelmäßigen Gedichten“ siehe Contra-Oxford-Argument Nummer 7.) Die Antwort auf Bryson, so, wie er sich oben äußert, findet sich ausführlich auf meinen Seiten zum Pseudonym. Hier eine Zusammenfassung: Diana Price schreibt:

Im klassenbewussten Tudor-England war es kein Zeichen guter Erziehung, als Autor publiziert zu werden, zumal als Autor von Theaterstücken oder Versen. Während Bürgerliche offen um des Profits willen publiziert haben, ließen die Gentlemen ihr Werk privat unter Freunden als Manuskript, entsprechend dem Image des Aristokraten als fähigem Dilettanten. Gentlemen-Amateure haben ganz besonders Distanz bewahrt gegenüber dem Beruf des Dramatikers – „damit niemand denken möge, sie würden sich entwürdigen, indem sie kommerzielle Theater regelmäßig mit Stücken beliefern“ (Bentley, Dramastist, 14)

Price schließt daraus, dass alle, die Bezug nehmen wollen auf den – an sich anonymen – aristokratischen Autor, dafür ein pen-name, ein Pseudonym brauchten und auf jeden Fall keine persönliche Begegnung mit dem Autor ins Spiel bringen konnten. Die Forschung sollte untersuchen, ob John Seldens (1584-1654) Feststellung in ihrer Allgemeinheit und Grundsätzlichkeit korrekt ist:

„Für einen Lord wäre es lächerlich, Verse drucken zu lassen; es genügt, wenn er sie zu seinem eigenen Vergnügen macht, aber sie zu veröffentlichen wäre närrisch.“ zit bei Kreiler, S. 396

Das bezieht sich auf Lyrik. Wie steht es damals mit Bühnenspektakel, mit Theaterstücken? Dafür müsste Seldens Diktum noch entschiedener gelten.

Ein anonymer Autor, möglicherweise der Adelige Puttenham, schreibt 1589 in The Arte of English Poesie:

“Noblemen . . . have written excellently well as it would appear if their doings could be found out and made public with the rest, of which number is first that noble gentleman Edward Earl of Oxford.”

Adelige … haben ausgezeichnet geschrieben, und das würde deutlich werden, wenn ihre Hervorbringungen entdeckt und öffentlich gemacht werden könnten; von ihnen ist der erste der edle Gentleman Edward Earl of Oxford.

Bryson könnte nun alle Fälle untersuchen, in denen hochadelige Autoren Gedichte oder Theaterstücke verfasst haben – und schauen, wie es dabei mit dem Druck bzw. mit der Nennung der Autorschaft ausgesehen hat. Er würde erkennen, dass es in der Tat eine Frage der Adelsehre war – und nicht der persönlichen Eitelkeit oder Uneitelkeit – seine edlen Produkte nicht unter den Pöbel zu werfen.

Oxfords Theaterstücke waren so zugkräftig, dass sie immer wieder auch öffentlich (und nicht nur am Hof und in den Häusern der Aristokratie) aufgeführt wurden. Womit, nach einiger Zeit der natürlichen Anonymität (die bis in die 1590er Jahre für fast alle Stücke galt) die Frage nach dem Autor akut wurde. Jetzt musste der Autor etwas tun, um sich gegen die Zumutung der bürgerlichen Öffentlichkeit zu schützen.

Ein Pseudonym war nötig.

Dass zugleich und zufällig ein schwacher Schauspieler und starker Theaterunternehmer so ähnlich hieß, war dabei nur nützlich.

Ausführlicher dazu die Seite „Die Ehre des Adels“.

Es ist schade, dass Bryson mit keinem Wort auf dieses Thema eingeht. Es sieht so aus, als ob er es nicht einmal kennt. Vermutlich hat er nie eine aktuelle Argumentation zugunsten von Oxford gelesen. Er kennt also unsere Argumentation nicht.

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5 thoughts on “Bryson 2: Anonymität unerklärlich”

  1. Es ist müßig gegen einen Favoriten zu argumentieren, wenn man ständig einen anderen im Auge hat. Das macht die Argumentation parteiisch und subjektiv.

  2. Natürlich entwickelt sich ein genialer Autor. Oxford musste sich erst die englische Sprache für seine Kunst formen. Man vergleiche mit den Zeitgenossen VOR Marlowe. Marlowe und andere profitieren dann von der Vorarbeit Oxfords. Es hat einige Zeit gedauert und einige Versuche erfordert, um schließlich und endlich eine Sprache für englische Literatur zu entwickeln, die der lateinischen gleichkam oder sie sogar noch übertraf. Das selbe gilt für die Form des Theaters. Das war anfangs Mysterienspiel, Comedia del Arte und Imitation von Plautus und Terenz – Oxford hat diese Formen weiterentwickelt zu etwas, das eine eigene, der Poesie gleichrangige Kunstform geworden ist. Diese Entwicklungsschritte zu vollziehen, dazu muss einer schon genial sein.

  3. Dazu gebe ich Antworten auf meinen Seiten zum Thema, auf die Sie en detail antworten müssten. Die andauernde Anonymität bleibt – soweit ich sehe und hier begründen kann – nicht völlig unerklärlich.

    Aber Sie haben schon recht insoweit, als dies einer der schwierigeren Punkte in Sachen Oxford=Shakespeare ist.

  4. die Anonymität von Edward de Vere auch 20 Jahre nach seinem Ableben bleibt völlig unerklärlich. Bei Marlowe ist sie unbedingte Voraussetzung für seine Biografie

  5. Mit zunehmendem Lebensalter entwickelt man keine „unglaubliche Genialität !“
    man hat sie oder man hat sie nicht! Oxford hatte sie nicht. Marlowe hatte sie. Punkt.

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