Bryson 3: Widmungen an Southampton

Es spricht auch noch mehr gegen Oxford, meint Bryson.

Und zwar die Widmungen zu Shakespeares zwei Verserzählungen. Zur Zeit von Venus und Andonis war Oxford 44 Jahre alt – ein älterer Herr für den Milchbart Southampton. Den schmeichlerischen ton mit der Entschuldigung, „eine so starke Stütze für eine so schwache Last“ zu wählen, und dem Versprechen, „alle müßigen Stunden zu nutzen, bis ich Euch mit einer gewichtigeren Arbeit Ehre getan habe“, erwartet man wohl nicht von einem älteren Aristokraten gegenüber einem jüngeren, besonders nicht von einem so stolzen wie Oxford.

Bryson sei empfohlen, einmal die Sonette zu lesen – die an den „fair youth“. Die meisten Interpreten nehmen an, es handle sich dabei um den jungen, schönen, edlen Southampton. Da hat man auch diesen „schmeichlerischen“ Ton. Allerdings auch, im weiteren Verlauf des Gangs der Sonette, Warnung und Kritik des Älteren an den verehrten, geliebten Jüngeren.

Wie schätzen die strafordianischen Interpreten die zwei Widmungen des Autors an Southampton ein? Auch hierzu sollte sich Bryson erst einmal kundig machen, bevor er sein inkompetentes Urteil auf den Leser loslässt.

Ich zitiere – stellvertretend für die anderen – den Großmeister der Strafordianischen Shakespeare-Biographie, Samuel Schoenbaum, S. 241:

Dieser Ton – betont verbindlich, aber nicht servil und sich selbst herabsetzend, vielmehr mit einem selbstbewußten Unterton – verrät keine große Vertrautheit zwischen Dichter und Gönner.

Der erste Teil dieser Bemerkung widerspricht Bryson. Alle diejenigen, die ich bisher konsultiert habe, folgen diesem Urteil.

Der zweite Teil lässt offen, warum der Autor in seiner Widmung die Distanz wahrt. Es gehört sich so in einer Widmung, auch unter Earls. (Wir sind nicht im Zeitalter der Romantik, und nicht unter Bürgerlichen.)

Einem Commoner, einen einfachem Bürger, wäre es auch bei intimstem Verhältnis nicht möglich gewesen, anders als solchermaßen distanziert in einem Druckwerk an den so unendlich hoch über ihm stehenden Earl heranzutreten.

In beiden Fällen sagt die Distanziertheit nichts über das wahre Verhältnis von Autor und dem Adressaten der Widmung aus.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen: Die Formeln der Demut (schwache Last, müßige Stunden, gewichtigere Arbeit) waren damals üblich, jedenfalls in Adelskreisen, wenn es um literarische Werke ging. Für einen Adeligen ist es eine Frage der Ehre, dass er sich mit so etwas wie dem Dichten nur in Mußestunden, nebenbei und als Dilettant beschäftigt. (Selbst dann, wenn es seine Obsession wäre.)

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