Contra 10: Rechts-Kompetenz

Mark Twain „is the begetter of this ensuing chapter“ – der Inspirator dieser Seite, gemeinsam mit Greenwood – 1908/1909.

Vorab zitiere ich nur meine Mark-Twain-Seite:

Ist Shakespeare tot? – fragt er in seinem kleinen Buch (1909 veröffentlicht), das zusammenfasst, was er über die Verfasserschaft der Werke Shakespeares denkt.

Nie und nimmer war’s der Typ aus Stratford. Möglicherweise, na ja, wahrscheinlich war’s Bacon.

Mark Twain ist ein sowohl kluger wie witziger Argumentierer. Unübertroffen, wie er uns vorführt, warum der Geschäftsmann aus Stratford als Autor nicht in Frage kommt – auch wenn sich der Schriftsteller dabei hauptsächlich auf den einen, für ihn vorrangigen Grund stützt:

War Shakespeare zu irgend einem Zeitpunkt ein praktizierender Jurist?

Die spezielle Sprache und Fachkenntnis der Juristen erwirbt man nicht nebenbei, nicht, indem man sie sich mal von ein paar Eingeweihten erklären lässt oder indem man sich ein paar mal einen Prozess anschaut oder indem man mal ein paar Monate bei einem Rechtsanwalt hospitiert oder sich ein Semester lang als Gerichtsschreiber betätigt.

Shakespeare der Autor ist nicht nur perfekt im zeitgenössischen juristischen Verfahren. Er denkt wir ein professioneller Jurist – so dass ihm ständig und von seinen ersten Werken an das Juristische in seine Metaphern fließt – zu ganz anderen Sachbereichen: etwa, wenn es um Liebesbeziehungen geht. Er entwickelt aus dem Rechtsdenken heraus eine Metapher nach der andern, geradezu penetrant.

William Shakspere aus Stratford hat kein Rechtsstudium absolviert, und es gibt kein Dokument, in dem er auch nur einmal etwas rechtlich beglaubigt hätte. Wie hätte er das hohe Maß an Rechtskenntnis, diese Assimilation seines Denkens ans Juristische erreichen können?

Mark Twain macht lustvoll deutlich, wie unmöglich es ist, sich die professionellen Sondersprachen nachträglich oder durch Lesen anzueignen. Der Kenner wird den Imitator immer heraushören. Mark Twain führt uns das höchst anschaulich und unterhaltsam vor.

Francis Bacon war Jurist. Mark Twain gibt nicht vor, sicher sagen zu können, Bacon sei der Autor der Werke Shakespeares gewesen. Bacon ist sein Tipp. (Oxford kennt er noch nicht. Der kommt erst 1920 mit Looney ins Spiel.)

Natürlich weist Mark Twain auch auf das Fehlen einer Shakespeare-Bildungsgeschichte hin, auch auf das Fehlen von Reaktionen der Kollegen bei Shakespeares Tod, u. a..

Der schlagende Beweis für ihn ist aber die Juristensprache im Werk.

Ich selber bin hier kein Fachmann. Ich muss mich in dieser Frage auf die Fachleute verlassen.

Einer war Granville G. Greenwood. Ein 50-Seiten-Kapitel in seinem Buch „The Shakespeare Problem restated„, 1908 veröffentlicht, heißt: Shakespeare als Jurist. Mark Twain zitiert daraus die ersten neun.

Über 100 Jahre haben die Stratfordianer nun Zeit gehabt, selber ein Buch oder ein längeres Kapitel mit dem Titel „Shakespeare als Jurist“ zu schreiben. Es würde mich interessieren: Gibt es eins? Beim Durchsehen der Biographien und der Sammelbände zu Shakespeare und seinem Werk ist mir nichts dergleichen aufgefallen. Habe ich etwas übersehen?

Immer bleibt es bei knappen Bemerkungen oder dem einen oder anderen kargen Absatz, etwa so: Wir müssen annehmen, dass Shakespeare in seinen jungen Jahren nebenbei auch einige Rechtserfahrung gesammelt hat. Im übrigen war er halt ein Genie.

Es sieht so aus, als ob Stratfordianer das Thema grundsätzlich lieber vermeiden. Dabei wäre es für die Interpretation der Werke und ihrer Sprache zentral.

Sieht man sich in den Stadtbibliotheken die Abteilung Shakespeare durch, ist Mark Twains „Ist Shakespeare tot?“ in der Regel wohl das einzige Buch im Regal, das die Autorschaft des Stratforders in Frage stellt.


Ich werde mich irgendwann in diesem Jahr noch dem Thema der Rechtskompetenz widmen. Hat mal jemand die Äußerungen der Stratfordianer dazu zusammengetragen? Ich bitte um Tipps!


 

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