Contra Oxford

Was spricht gegen Edward de Vere, 17th Earl of Oxford, als Autor hinter dem Pseudonym Shakespeare?

Einer der energischsten Gegner Oxfords ist Alan H. Nelson. Er hat eine Anti-Biographie über Oxford geschrieben und in einem Aufsatz im Sammelband von Edmondson/Wells „Shakespeare Beyond Doubt“ seine Gründe zusammengefasst (darin S. 39 – 48).

Bevor er in die Gründe einsteigt, macht er erst einmal den „Entdecker“ Oxfords als Shakespeare lächerlich: Wie kommt denn der auf den Aristokraten? – Na, weil die Stücke oft Aristokraten darstellen, muss der Autor ja wohl selber ein Aristokrat gewesen sein, gell!

Hat Nelson Looney gelesen? Es sieht nicht so aus. Nicht weil Shakespeare in seinen Stücken „oft Aristokraten auftreten lässt“, sondern weil seine Stücke aus der Perspektive eines Aristokraten geschrieben worden sind, kommt Looney darauf, dass der Autor dann wohl ein Aristokrat gewesen sein müsste.

Nun, das wiederum ließe sich kontrovers diskutieren – ich werde das an anderer Stelle machen. Hier stelle ich zunächst einmal fest: Nelson ist nicht bereit, die Position der Oxfordianer sachlich korrekt darzustellen. Er macht dies mit seiner verächtlichen Motivations-Interpretation von Anfang an klar. Es geht Nelson nicht um Wissenschaft, nicht um das Pro und Contra umsichtig abwägender, auf Wahrheit zielender Forschung, sondern um die Verteidigung eines Heiligen Tabus. Lässt sich seine beleidigende Darstellung der Gründe, wie Oxfordianer auf Oxford kommen, anders interpretieren?

Hier nun Nelsons Contra-Gründe in Kürze – ich widme jedem danach eine eigene Seite.

  1. Wenn ich Nelson richtig verstehe, ist der erste Contra-Grund der, dass Oxford eine (seiner Meinung nach) ausgesprochen unsympathische Natur hat, die sich in einer reichlich perversen Biographie zeigt. Dazu gehört auch, dass er knackige Knaben liebt und missbraucht.
  2. Die paar Gedichte, die wir von Oxford haben, sind für einen Hofmann nicht schlecht, aber für einen, der Shakespeare sein soll, viel zu schwach.
  3. Francis Meres nennt 1598 in seinem Palladis Tamia-Kapitel über die Autoren sowohl Oxford als auch Shakespeare – ergo sind sie verschiedene Personen, der eine kann nicht der andere sein. Das selbe passiert in Bodenhams Belvedere 1600.
  4. Die Chronologie der Shakespeare-Stücke beweist, dass Oxford als Autor nicht in Frage kommt; das gilt besonders für The Tempest, ein Stück, das nachweislich erst 1611 entstanden sein kann. Auch The Winter’s Tale und King Lear wurden mit Sicherheit nach 1604 geschrieben.
  5. Oxford war Patron eigener Theaterkompanien. Warum hätte er Stücke für die Lord Chamberlain’s Men – eine Konkurrenztruppe! – schreiben sollen? Warum hat er sie nicht alle für seine eigene Truppe geschrieben?
  6. Die hochmögenden Patrone der anderen Theaterkompanien hätten es Oxford nie erlaubt, seine Nase in ihre Theaterangelegenheiten zu stecken.
  7. Von wegen Hamlet als Stück, in dem Oxfords Leben repräsentiert wäre! Oxfords Vater wurde nicht ermordet, seine Mutter hat nicht gleich danach geheiratet, sondern erst nach Ablauf des üblichen Trauerjahrs, etc. pp! – Die behaupteten Ähnlichkeiten sind sowohl ungenau als auch oberflächlich.
  8. Grotesk wird es, wenn die Oxfordianer ihre Prince-Tudor-Theorie vorbringen. Oxford sei der illegitime Sohn von Prinzessin Elizabeth gewesen … und danach noch ihr Geliebter, mit Southampton als Bastard-Sohn …
  9. Überhaupt ist es falsch, alle Literatur als prinzipiell autobiographisch zu verstehen, wie Looney und seine Nachfolger es tun und die deshalb meinen, unbedingt den Stratforder ablehnen und den Aristokraten vorziehen zu müssen.

Ich füge noch einen Punkt hinzu, den Nelson auf den 10 Seiten seines Pamphlets übergeht:

10. Es gibt keinen Grund für Oxford, seine Autorschaft vor der Öffentlichkeit zu verbergen; bzw. selbst wenn er es gewollt hätte, es hätte keine Chance gehabt; und selbst wenn es zu seinen Lebzeiten geklappt hätte, so wäre die Sache nach 1604 rasch aufgeflogen.

Es wundert mich, warum Nelson diesen Punkt nicht bringt. Findet er ihn nicht überzeugend genug? Wäre es zu gefährlich, dieser Sache nachzugehen?

Gibt es weitere Contra-Argumente? Das Studium der Contra-Oxford-Website Oxfraud steht mir noch bevor. Da werden sich weitere Argumente gegen Oxford finden lassen.

 

Share

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *