Contra 4: Testament

Es ist in Sprache und Inhalt kaum vereinbar mit dem Schöpfer der Werke.

Shakspere (so schreibt er sich in Stratford und auf den drei Seiten des Testaments) hat das Testament wahrscheinlich schon 1615 verfasst, es im Januar und noch einmal im März, wenige Tage vor seinem Tod, revidiert.

1747 wurde es entdeckt – und irritiert seither die Shakespeare-Interessierten. Der Entdecker schrieb damals, es scheine ihm langweilig und irregulär, es fehle komplett jedes Anzeichen des Geistes, der unseren großen Dichter beseelt habe … so dass es seinen Charakter herabsetze …

Sprache

Ein Testament gehört zu einer anderen Textsorte als etwa ein Sonett oder ein Theaterstück. Wir erwarten also keine poetische Sprache.

Dennoch müsste sich etwas von der Qualität des sprachmächtigsten Autors, der je Englisch geschrieben hat, auch in einem Sachtext, auch in einem juristischen Text, auch in einem (drei Seiten langen) Testament zeigen.

Hier spricht ein tüchtiger Geschäftsmann, kein Dichter; hier spricht keiner, der über Shakespeares Englisch verfügt. Durchaus einer, der nicht infolge einer Krankheit geistig beeinträchtigt ist, aber sprachlich bieder bleibt.

Wer es nicht wahrhaben will, der lese bitte dreimal laut das Testament – und jeweils am Ende deklamiere er: In einer solchen Sprache hat sich der große Autor ausgedrückt!

Inhalt

Was hat Shakspere zu vererben? – Er ist immerhin Vermögensmillionär. Wir erkennen unmittelbar seine Prioritäten. Und die liegen nicht im Bereich Bildung und Kunst.

The second best bed

Am Ende seines 34jährigen Ehelebens bleibt vom „gentle“ Shakespeare nicht viel übrig. Er demütigt seine Frau.

Formales

Wann wurde die erste Fassung geschrieben? – Die Unterschriften. – Wir hören Shaksperes wirkliche Stimme.

Etwas Skurriles

Wer nach diesem Textstück aus dem Testament noch glaubt, das habe der sprachmächtige Autor Shakespeare diktiert, dem ist nicht zu helfen.

Haupterbe: ein Puritaner

Shaksperes Tochter ist vermutlich eine entschiedene Puritanerin und heiratet den Puritaner John Hall. Sie erbt den Hauptteil des großen Vermögens.

Wie stand der Autor Shakespeare zu den Puritanern? – Dem Werk nach zu urteilen: sehr negativ.

Daraus könnte man schließen: Möglicherweise hat sich der Stratforder Geschäftsmann Shakspere gegen Ende seines Lebens dem Puritantismus zugewandt. Sich gegen das Theater entschieden.

Resümee

Betrachtet man das Testament, so ergibt sich wohl schon ein hinreichender Ausschließungsgrund: Der Mann aus Stratford KANN nicht der Autor Shakespeare sein.

Auf jeden Fall sind wir zum heftigen Zweifel gezwungen. Dem eine seriöse Anglistik, ein seriöser Biograph nachgehen müssten.

Dieses Testament zeigt erstens die bescheidene sprachliche Kompetenz des Diktierenden und zweitens seine Präferenzen: Von Bildung und Kunst hält er nicht viel. Drittens: Der Mann, der das Testament diktiert hat, ist gemütskalt. Ein aufs Merkantile und auf die bürgerliche Familie beschränkter Geist.

Das Gegenteil des Mannes, der sich uns im Werk Shakespeare zeigt.

Es geht nicht an, dass man – angesichts dieses Testaments – von vorne herein unterstellt, die Autorschaftsfrage sei entschieden – man brauche nur eine gewisse Denkbarkeit oder Möglichkeit von Erklärungen für das, was uns irritiert, festzustellen – egal, wie wackelig sie sein mögen. (Denkbar ist unendlich viel.)

Die Stratfordianer ignorieren kategorisch die Möglichkeit, dass wir hier Indizien contra Shakspere vorfinden. Die Autorschaft steht für sie zweifelsfrei fest – Zweifel sind nicht erlaubt (außer man akzeptiert, dass man sich lächerlich macht.)

Dabei reicht das Testament schon aus, um zweifelnd die Stirn zu runzeln. Vor allem aber: Sieht man das Testament nun noch im Rahmen der acht weiteren Hauptgründe gegen die Autorschaft des Shakspere aus Stratford, dann gewinnen die Irritationen, die das Testament auslöst, weiter an Gewicht; die Zweifel werden zwingen, sie werden Teil eines Indizienbeweises.

Das Testament, so wie es ist, passt sehr gut zur Hypothese, dass Shakspere aus Stratford ein tüchtiger Geschäftsmann war, auch zeitweise Schauspieler und stark engagiert als Theaterunternehmer, aber kein Autor. Nicht mehr, nicht weniger.


Ich werde mir in diesem Jahr das Vergnügen gönnen, die Testament-Kapitel aus etwa 12 aktuellen Shakespeare-Biographien zusammenzustellen und miteinander zu vergleichen: Ackroyd, Greenblatt, Kay, Honan, Posener u. a.. Gerade an diesem Thema zeigt sich, wie uns die Shakespeare-Orthodoxie für dumm verkauft.


Informationsquellen:

Alle Informationen, auf die ich mich hier stütze, finden sich hier:

John M. Shahan / Alexander Waugh: Shakespeare Beyond Doubt? – Shakespeare Authorship Coalition. 2016. Darin: Bonner Miller Cutting, Shakspere’s Will: Missing the Mind of Shakespeare. S. 58 – 68

Bonner Miller Cutting: Necessary Mischief. Minos Publishing Company 2018

Ergänzend ein Video: Vortrag von Bonner Miller Cutting

Text des Testaments im Internet

Share

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *