Contra 9: Kaufmann von Venedig

Kann der Kaufmann aus Stratford-upon-Avon den „Kaufmann von Venedig“ geschrieben haben?

Es gibt gute Gründe, das zu bezweifeln.

Der wichtigste: Der sehr geschäftstüchtige Kaufmann aus Stratford-upon-Avon hat einen Teil seines (schon 1597 beträchtlichen) Vermögens als Geldverleiher verdient – er hat den damals üblichen Zins genommen. Auch Vater John Shakspere hat sich als Geldverleiher betätigt und ist sogar einmal sanktioniert worden, weil er einen zu hohen Zins verlangt hat. – Der Kaufmann von Venedig hingegen verurteilt das Zinsnehmen rabiat, hasst den Kreditgeber Shylock dafür. Der Autor Shakespeare lenkt die Sympathien des Publikums entschieden auf die Seite des Zinshassers Antonio.

Sowohl die Interpreten des Stückes als auch die Biographen gehen über diesen Widerspruch (falls als Autor der Kaufmann von Stratford angenommen wird) hinweg. Offensichtlich finden sie keine schlüssige Erklärung.

Noch etwas scheint den Interpreten und Biographen nicht aufzufallen: Wie kommt es, dass uns der Autor einen (sympathischen und fähigen) Großkaufmann präsentiert, der Bankgeschäfte, der Kreditgeschäfte (also das Zinsnehmen) rabiat ablehnt? Einen solchen Großkaufmann kann es weder in Venedig noch in London rund um das Jahr 1600 geben. Sieht es nicht so aus, als ob der Autor zwar viel von Menschen und von Kunst und von Kultur versteht – aber recht wenig vom (kapitalistischen) Geschäft?

Solche Inkompetenz würde zu einem Hocharistokraten passen. Auf keinen Fall zu einem gewieften Geschäftsmann wie Shakspere aus Stratford.

Eine weitere Frage wäre, wie denn die Mentalität eines so eindeutig merkantil orientierten Mannes wie William Shakespeare aus Stratford upon Avon zur liebevollen Darstellung eines hemmungslosen Verschwenders und Parasiten wie Bassanio passen könnte. Läge es nicht nahe, die Interpreten und Biographen würden uns dazu einmal ein paar Erklärungsvorschläge machen? 

Der Kaufmann aus Stratford ist als Autor des Dramas nicht zu erkennen – die Biographen und die Interpreten des Dramas ignorieren genau die drei hier angemerkten Herausforderungen – hilflos stehen sie vor dem Rätsel.


Anmerkung:

Aufgabe ist es hier nicht, das ganze Drama zu interpretieren. Ich gehe auf diejenigen Aspekte ein, die für die Autorschaftsfrage relevant sind oder sein könnten.

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