Der Klagende

ist

alt

Die Sonette entstehen in den 1590er Jahren. Oxford, geboren 1550, ist in seinen 40ern. Im Vergleich zu seinem geliebten Freund (dem Earl of Southampton) ist er alt. Generell: Als über 40jähriger, nun schon beinahe 50jähriger war man damals alt.

William Shakspere war 1594 erst 30 Jahre alt.

lahm

Der Autor spricht davon in Sonett 37: Er nennt SICH SELBST lahm (nicht seine Verse, wie einige Interpreten unterstellen).

So I, made lame by Fortune’s dearest spite …

Natürlich war William Shakspere nicht lahm damals, aber Oxford war es laut seinen Briefen aus dieser Zeit, in denen er sich immer wieder auf seine schlechte Gesundheit bezog und sich gelegentlich damit entschuldigte, etwa, wenn er einen Besuch bei Lord Burghley damit ankündigte:

I will attend youwre Lordship as well as a lame man mey at youwre house

arm

– natürlich nicht arm wie ein verarmter Bürger, sondern entehrend arm für den höchstrangigen Grafen des Königreichs. So gut wie all seine Besitzungen hat er verkaufen müssen. Er sitzt nachwievor auf hohen Schulden.

Auch wenn er noch das eine oder andere Schmuckstück zu Hause hat und in einem Palast wohnt und jede Menge Dienstpersonal um ihn herumschwirrt.

verachtet

Was hat Oxfords Ansehen bei seinen Peers ruiniert? – Es waren wohl weniger seine Skandale – damit konnte man als Hocharistokrat ehrenhaft leben, wie man an so manchen anderen Beispielen erkennt. Es muss etwas anderes, etwas Besonderes gewesen sein.

Hinweise geben die Sonette 72, 110 und 111. Oxford hat es mit seinem (durchaus akzeptierten) Hobby, dem Theater, mit der Literatur übertrieben. Für die Peers gehört er nicht mehr richtig dazu. Das Hobby ist ihm zur Obsession geraten.

Ein Hochadelige darf durchaus nebenbei wunderbare Tischbeine drechseln. Aber er darf darüber nicht zum Schreiner werden … Auch nicht zum halben, noch notdürftig anonym bleibenden Schreiner. Seine Tischbeine sollten nicht auf dem profanen Markt zum Verkauf angeboten werden, sollten keine bürgerlichen Wohnzimmer zieren. Das geht dann doch gegen die Standesehre.

Und dieses Verdikt gilt trotz der Bewunderung, die das geniale Produkt bei manchen (sogar bei Königin und König) genießt.


Ich werde an diesem Entwurf weiter arbeiten, sobald ich in meinem Studienprogramm zu den Sonetten komme.

Mehr zu den Sonetten und ihren biographischen Gehalt findet sich >>> hier. Vor allem dort die Seiten 5, 12, 13, 14.

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2 thoughts on “Der Klagende”

  1. verachtet. Es wurde doch vermutet, dass Oxford sich hat hinreißen lassen als Schausspieler bei öffentlichen Theateraufführungen (außerhalb des Hofes und der Royals) aufzutreten. Der Skandal war so groß, dass es vertuscht werden musste. Durch Ablenkung, Lenkung der Aufmerksamkeit auf Shakspere aus Stratford. Wie viel ist daran Spekulation?

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