Die Sonette 10: Skandalszenario Stratford

1609.

Da taucht ein Exemplar der Sonette in Stratford auf, und Shakspere ist bekanntlich der Autor Shakespeare und gibt somit öffentlich bekannt, dass er die Ehe gebrochen hat … Und ein quasi sodomitisches Verhältnis gepflegt hat … und seinen Schwanz gefeiert hat …

Skandal in Stratford? Kein Shakespeare-Biograph kommt auf die Idee, sich bezüglich des Jahres 1609 zu fragen, was denn der Druck der Sonette für die Reputation des Geschäftsmanns und Gentleman in seiner kleinen biederen Heimatstadt bedeuten könnte.

Ich bin kein Fachmann für Fragen der Lebenswelt im England um die Zeit von 1609.

Wollen wir annehmen,

  1. dass die Stratforder Bürger nur mit den Achseln gezuckt hätten, als sie von den in den Sonetten enthüllten erotischen Eskapaden ihres würdigen und reichen Mitbürgers Shakspere erfahren haben?
  2. dass der Vikar von Stratford nicht Skandal geschlagen hätte, als er vom öffentlichen Bekenntnis Shaksperes, Ehebruch begangen zu haben, erfahren musste – und dass er Shakspere nicht vor den „peculiar court“ gerufen hätte?
  3. dass die männliche Jugend Stratfords nicht mit Genuss das Will-Sonett auswendig gelernt und es nachts unter den Fenstern von New Place gegrölt hätte?

Ich weiß nicht sicher, wie moralisch und puritanisch gesinnt die Familie Shakspere und die für Shakspere Wichtigen unter den Bürgern Stratfords waren, unterstelle aber eine puritanische Tendenz. Es liegt nahe anzunehmen, dass mit diesen Sonetten, wenn sie denn wirklich dem Bürger von Stratfort zugeschrieben worden sind, seine Reputation gefährdet war. Und die der Familie, einschließlich die des puritanischen Schwiegersohns. (Es gab damals so etwas wie moralische „Sippenhaft“.)

Darüber hinaus: Sodomie und Ehebruch sind nicht einfach individuelle Vergehen, persönliche Sünden. Damals sieht man sie als gefährliche Störung des Gemeinwesens, als Untergraben der natürlichen und göttlichen Ordnung. Werden solche Vergehen nicht strengstens geahndet, kommt Gottes Zorn (in Form von Naturkatastrophen) über die schuldige Menschheit.

Solange solche Vergehen verborgen bleiben, geht man gerne darüber hinweg. Es besteht dann nur die Gefahr der Denunziation und die der Verleumdung, aber dagegen kann man sich auch wehren. Wenn aber die Sache offen zu Tage liegt, ist es etwas anderes.

Ich wiederhole mein Erstaunen: Keine Shakespeare-Biographie und keine Sonett-Interpretation (etwa im Vorwort oder bei der Erläuterung) geht darauf ein, wie die Veröffentlichung 1609 auf Stratfords Bürger gewirkt haben könnte.

Ich habe natürlich noch nicht alles gelesen. Vielleicht gibt es doch jemand, der dazu Stellung bezogen hat?

Wie würde ein Stratfordianer in dieser Sache antworten können?

Herr Brux, Sie haben ja doch keine Ahnung! Da gibt es überhaupt kein Problem! Die Stratfordianer haben ganz einfach angenommen, ihr Shakespeare habe doch nur poetische Spielereien getrieben, lauter Sonette geschrieben, die mit ihm und seinem wirklichen Leben nichts oder jedenfalls nicht viel zu tun haben. Die Stratforder waren offensichtlich lockerer und aufgeklärter und toleranter, als Sie es sich vorstellen können.

(Nun ja. Gibt es Belege für die hier angenommene Großzügigkeit dann, wenn das sexuelle „Verbrechen“ öffentlich wird? – Dazu mehr im Kapitel 13.)


Ein Beispiel, das die Familie Shakspere direkt betrifft: Im Februar 1616 heiratete Judith – offensichtlich gegen den Willen des Vaters – Thomas Quiney, Weinhändler, geboren 1589, ein durchaus angesehener Bürger der Stadt.

Der hatte kurz vorher einer Margaret Wheeler ein Kind gemacht; Mutter und Kind waren bei der Geburt gestorben – im März 1616. Er musste deshalb vor das lokale Kirchengericht, dem sog. „bawdy court„, dem er die fleischliche Verbindung reumütig gestand und sich der entsprechenden Buße zu unterziehen bereit erklärte. Er wurde zu einer öffentlichen Buße verurteilt – an drei Sonntagen solte er vor dem Gottesdienst vor der Kirche antreten – „in a white sheet (according to custom)“. Er musste sein Verbrechen auch öffentlich vor dem Pfarrer von Bishopton eingestehen.

Der erste Teil des Urteils wurde ihm erlassen, man begnügte sich mit einer Geldstrafe (5 Schilling, die den Armen zu spenden waren). Da Bishopton nur eine kleine Kapelle hatte, entging Quiney auch der öffentlichen Demütigung in Stratford. vgl. auch Wikipedia

Hätte Shakspere nach Veröffentlichung der Sonette nicht Ähnliches geblüht?

Thomas Quiney ist immerhin gut über die Krise hinweggekommen. Aber bei ihm war das „Verbrechen“ wenigstens kein (auch noch öffentlich ausposaunter) Ehebruch, und er hat gestanden und Buße getan. Quiney wurde später zweimal Chamberlain (Finanzzuständiger) der Stadtregierung.

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