Die Sonette 12: So werden sie kastriert

Was also machen unsere modernen Anglisten mit den Stratford-inkompatiblen Sonetten?

Sie kastrieren sie ganz einfach.

Das heißt, sie schneiden ihnen das (reale, biographische) Leben ab.

Es sind nur noch modische Sonett-Spielereien. Shakespeare zeigt (in den paar Jahren der Sonett-Mode): Schaut, das kann ich auch! (Solchermaßen motiviert stellen sich manche Anglisten ihren Shakespeare vor.)

Es gibt durchaus das Beispiel eines (allerdings höchst mittelmäßigen) Sonett-Autors, der konventionelle Sonette schreibt und am Ende zugibt: Ich hab nur so getan. Da war keine Liebesgeschichte. Ich hab nur Sonett gespielt. Hahaha.

Also, warum sollte Shakespeare das nicht auch so gehandhabt haben?

Und da sie von vorne herein davon ausgehen, dass Shakspere Shakespeare ist, machen sie auch den nächsten Schritt: Natürlich handelt es sich auch hier nur um Poesie-Spielerei.

Der geniale Dramatiker versetzt sich spielerisch in die Rolle dieses Sonett-Ichs (oder sogar verschiedener Varianten davon) und phantasiert sich großartig überzeugend in die dramatische Rolle eines Liebenden, der erst einen schönen Jüngling vergöttert, dann einer promiskuitiven Dark Lady zum Opfer fällt. Er tut so, als ob er alt und lahm wäre, verachtet und verzweifelt und als ob sein Autorenname auf ewig anonym bleiben werde – aber, Leute, es ist alles nur Theater.

Nehmt das nicht beim Wort, sagen diese Interpreten. Genießt einfach die Schönheit des Kunstprodukts! Und lasst euch nicht dazu verführen, dass da viel und ernsthaft Biographisches zum Ausdruck kommt. Das wäre dann ja doch billige kitschige Romantik, und über die sind wir längst hinweg, wir Modernen und Postmodernen!

— Einspruch.


Fortsetzung: Contra Kastration (1)

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