Die Sonette 13: Contra Kastration (1)

Ich habe schon viele Autoren-Biographien und Werkinterpretationen gelesen. Noch keine habe ich entdeckt, in der der Biograph oder Interpret die Strategie verfolgt: Das Werk hat mit der Biographie, die Biographie mit dem Werk kaum zu tun.

Wir haben es mit einer Biographie- Spezialität der Shakespeare-Interpreten zu tun.

Zunächst: Können wir annehmen, dass die Leser in Shakespeares Epoche moderne oder postmoderne Leseweisen der Werke des Autors hatten? Für die Frage nach der Verfasserschaft ist diese Frage wesentlich. Unsere Sonett-Kastrierer müssten nachweisen, dass man schon zu Zeiten Shakespeares etwa so verfahren ist – also dass man die Aussagen des Autors in den Sonetten nicht ernst und nicht biographisch genommen hat.

An wen haben sich die Sonette gerichtet? – An eine kleine, eher intime Gruppe von Menschen. Sie waren nicht zur Veröffentlichung gedacht. Aber trotzdem durchaus auf Überleben und Weiterwirken gerichtet. (Wie können wir uns das denken?)

Wer sind die Personen, an die Shakspere aus Stratford, wenn er denn der Autor war, diese Sonette gerichtet haben könnte? Gewiss nicht seine Frau und seine Töchter und andere ehrbare Bürger von Stratford. An seine Schauspielerkollegen? An seine Autorenkollegen? Das wäre zu überlegen. Müssten wir dann aber nicht gelgentlich ein Echo von dort hören?

Oder hatte der „commoner“ und Gentleman Shakspere persönliche Beziehungen zur höheren Aristokratie? Zum Hof? Dort einen Freundes- und Verehrerkreis?

Denkbar, wenn auch nicht plausibel. Wäre es nicht ein wunderbarer Forschungsgegenstand für die Anglistik, diese Möglichkeit auszuloten?

Mein grundsätzlicher Einwand: Die Sonette zeigen uns ganz unmittelbar, dass sie keine Poesie-Spielerei, kein Sonett-Theater ohne biographischen Hintergrund sind.


Fortsetzung: Contra Kastration (2)

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