Die Sonette 3: Mr. W. H.

Wir wissen nicht sicher, wer damit gemeint ist. Die plausibelste Annahme ist: Henry Wriothesley, 3rd Earl of Southampton.

Dem hatte Shakespeare bereits seine zwei überaus erfolgreichen Versepen (1593 und 1594) gewidmet.

Und ein „fair youth“ war er in diesen jungen Jahren gewiss.

Aber Southampton ist nur eine (gute) Theorie. Wir können das jetzt einmal offen lassen. Es kann von mir aus auch der Earl of Pembroke gemeint sein. Oder jemand anderes.

Warum, so frage ich statt dessen, darf der „only begetter of these ensuing sonnets“ nicht erkannt werden?

Weil für ihn eine persönliche Verbindung zum Inhalt der Sonette rufschädlich wäre. (Dazu in späteren Abschnitten mehr!)

Gibt es eine andere Erklärung?

Soweit ich sehe, beschäftigen sich die Shakespeare-Forscher nicht mit dieser Frage.

Wenn aber die Gefahr der Rufschädigung der Grund sein sollte – wäre dann nicht noch mehr der Ruf des Autors in Gefahr?

Wir müssten dann auch fragen: Warum kommt es überhaupt zu einer Widmung? Es ginge doch auch ohne Widmung. Aber wenn schon Widmung, warum bleibt sie nicht allgemein (ohne die drei mysteriösen Buchstaben Mr. W. H.)?

Es steckt vielleicht auch Ehre für den nicht genannt werden wollenden „begetter“ in den Sonetten. Sie sind von „ever-living“ Qualität. In den Sonetten lebt der „begetter“ auf ewig fort. (Das beschwören die Sonette selbst immer wieder.)

Noch mehr als die Theaterstücke sind die Sonette für die damalige Zeit ambivalent: einerseits grandiose Kunst, andererseits sittlich problematisch und literarisch grenzüberschreitend. Es gilt, die Balance zu finden: Veröffentlichen – ja, aber bitte nur bei verstecktem Autor und verstecktem Inspirator.

Anmerkung:

Die Widmung ist in römischen Lettern geschrieben. Das kommt häufig vor. Einmalig hingegen ist, dass nach jedem Wort ein Punkt steht.

Das soll vermutlich heißen: Achtung, Leute, hier gibt es noch etwas, das versteckt ist! Schaut mal, ob ihr es herausfindet!

Was könnte also versteckt sein? – Der Name!

Jemand hat versucht, die Großbuchstaben in einem Karree anzuordnen – und siehe da, nach vielen Versuchen ergibt sich ein Karree, bei dem man HENRY schräg und in drei Teilen WR – IOTH – ESLEY waagrecht bzw. senkrecht findet.

Ich bin kein Fachmann für solche Spielereien, ich weiß nicht, ob das nicht auch Zufall sein kann. Ich nehme an, es ist kein Zufall. Thorpe wollte vielleicht „magisch“ den Namen des „only begetter“ irgendwie drin haben in der Widmung.


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