Die Sonette 4: „ever-living“

Haben wir hier die smoking gun? Den definitiven Beweis, dass Shakespeare nicht der Mann aus Stratford gewesen sein kann?

Verfasst wurden die Sonette „by our ever-living poet“ (= „von unserem unsterblichen Dichter“) – also dem im Titel genannten Shake-speare .

Nun lese ich bei Anti-Stratfordianern: „ever-living“ werde in solchem Zusammenhang nur gebraucht für Verstorbene. Ausschließlich.

(Ausnahme vielleicht: die Queen? Aber die hat „zwei Körper“, den menschlich-sterblichen und den ewigen, königlichen.)

Bei Diana Price lese ich:

Ein „ever-living poet“ ist ein toter Poet. Das Adjektiv ist synonym mit unsterblich und bezeichnet Götter, nicht-menschliche Wesen oder tote Personen. Donald W. Foster hat den Begriff umfassend erforscht, aber keinerlei „Fall von ‚ever-living‚ in einem Renaissance-Text gefunden, der einen noch lebenden Sterblichen bezeichnet hätte, sogar eingeschlossen Verherrlichungen von Queen Elizabeth, wo man den Ausdruck am ehesten hätte erwarten können …“

… Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder Thorpe hat den Ausdruck „ever-living“ falsch gebraucht – oder der Dichter war 1609 bereits tot. William Shakspere aus Stratford ist 1616 gestorben.

Diana Price, Shakespeare’s Unorthodox Biography. 2012 (Seite 153f)

Der Verleger teilt den Käufern des Quartos also unmissverständlich mit, der Autor der Sonette sei bereits tot.

Der Autor der Sonette kann also nicht der Geschäftsmann aus Stratford mit dem selben oder einem recht ähnlichen Namen sein.

(Der Stratforder wird 1609 dankbar dafür sein, dass Thorpe dies solchermaßen klargestellt hat. Er muss sich also in seiner Heimatstadt nicht mit dem Verdacht herumschlagen, diese zum Teil „üblen“ Gedichte verbrochen zu haben.)

Welche Erklärungen bieten uns die Stratfordianer an? –

Die meisten keine. Katherine Duncan-Jones zum Beispiel, die die Sonette für die renommierte Arden-Ausgabe einleitet und kommentiert, sagt NICHTS dazu. Einfach nichts. (Warum? Wo sie doch sonst ALLES kommentiert?) So machen es auch alle Biographen (soweit ich sie bisher gelesen habe). Sie übergehen das Problem. Das Problem existiert für sie nicht.

Einer erkennt immerhin ein Problem:

The dedication is cryptic: „To the only begetter of these ensuing sonnets, Master W.H.“ who is wished „all happiness and that eternity promised by our ever-living poet“ (odd if Shakespeare was still alive in 1609). 

https://public.wsu.edu/~delahoyd/shakespeare/sonnets.html

Odd. Komisch. Es folgt auf dieses ehrliche Staunen keine Erklärung. Keine Konsequenz. Ist der Mann nicht neugierig? Fragt er nicht bei anderen Experten an? Bekommt er keine Erklärungshinweise? – Die Anglisten haben keine Ahnung, wie sie diese Mitteilung, der Autor sei bereits tot, aus der Welt schaffen können.

Einige Interpreten schlagen darum vor: Mr. W. H. sei der Autor Shakespeare selbst, und „our ever-living poet“ (der dem „only begetter“ ewige Glückseligkeit wünsche), sei — Gott. Gott! Der Verfasser der Widmung, Thorpe, widmet also das Gedicht – Shakespeare, dem Verfasser der Verse. Die Sonette werden dem Autor der Sonette gewidmet. Der dann auch noch verklausuliert mit falschem Anfangsbuchstaben auftaucht (W. H. statt W. S.)

Also, Schiller zum Beispiel veröffentlicht seine Gedichte, und der Verleger schreibt, diese Gedichte seien nun dem Verfasser der Gedichte gewidmet, Friedrich Schiller. Von Gott oder von einem anderen, unbekannten (und schon verstorbenen) Dichter. Und dies, während Schiller noch lebt und weitere Werke unter seinem Namen veröffentlicht werden.

Geht es noch bescheuerter?

Einig ist man sich auch unter den Stratfordern immerhin, dass „ever-living“ nur für Verstorbene gebraucht wird. – Einig? – Nein, auch da findet man schon mal, dass genau dieser Konsens ignoriert wird, und dass dann „ever-living“ einfach nur heiße, dass der Autor eben unsterblichen Ruhm genieße. Beispiel:

Ever-living – famous, immortal.
Shakespeare was in 1609 famous both as a poet and a playwright. His Venus and Adonis had run through several editions, and many of his plays were printed in Quarto versions, besides being well known to the theatre going public of the time. The epithet ever-living would have been considered appropriate for a poet who was already well known, and poets by tradition claimed immortality for themselves and their verses.

http://www.shakespeares-sonnets.com/dedication

Die pragmatische Bedeutung (als Hinweis auf einen großen Verstorbenen, der im Gedächtnis der Menschen ewig weiterlebt) wird hier einfach ignoriert. Kein Hinweis darauf, wie ever-living in Shakespeares Zeit verwendet wurde.

Einfacher gesagt: Was versteht ein Käufer im Jahr 1609, wenn er die Widmung liest?

(1) Nicht der Autor der Sonette schreibt die Widmung, sondern der Herausgeber. Also ist der Autor der Sonette nicht verfügbar.

(2) Der, dem die Sonette gewidmet werden, wird kodiert, und zwar so, dass wir bis heute nicht ganz sicher sein können, wer gemeint ist.

(3) Es ist aber der – ebenfalls nicht mit Namen genannte – „fair youth“ der Sonette.

(4) Der Autor der Sonette ist der „ever-living poet“ – also bereits verstorben.

(5) Shake-speare, der Autor ist das Pseudonym eines Verstorbenen.

So sieht ein gradliniges Verständnis der Widmung aus. Für die Stratfordianer ist es aber unmöglich, dies auch nur zu erwägen oder als Möglichkeit anzuerkennen. Denn für sie steht VON VORNE HEREIN fest, dass dieser Shake-speare hier William Shakspeare aus Stratford-upon-Avon ist, und der ist 1609 noch quicklebendig und in London zugange.

Statt nun zuzugeben, dass hier ein schlüssiger Indizienbeweis (oder wenigstens ein Grund für den vernünftigen Zweifel?) dafür vorliegtin Sachen Autorschaft, eiern sie rum – oder, und das machen sie mit Vorliebe, schauen sie einfach weg. Was da was? – Nö, das war nix. Da is nix. Anderes Thema, bitte!

Das nennt sich dann Wissenschaft.


Henry VI, Teil 1, 4.3.50/51: Hier heißt es vom toten Heinrich V.:

The conquest of our scarce-cold conquerer, That ever-living man of memory, Henry the Fifth

(Dr. Wagner, danke für den Tipp!)

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