Die Sonette 5: Anonymität gewollt


„… so sei mit meinem Leib mein Name auch begraben …“ (Sonett 72)

„Dein Name wird von da unsterblich Leben haben, während ich, bin ich erst fort, für alle Welt gestorben bin. Für mich gibt’s in der Erde nur ein hundsgemeines Grab, wenn du vor aller Menschen Augen groß bestattet liegst. Dein Denkmal werden meine Verse sein …“ (Sonett 81)

Sonette, in der Prosaübersetzung von Klaus Reichert

Die Aussagen sind kaum misszuverstehen.

Auch im gegebenen Kontext nicht: Der Autor sieht sich als einen verachteten Mann. Er meint, es sei wichtig, dass er mit seinem schlechten Namen nicht die Ehre dessen beschmutzt, den er liebt und dem er diese unsterbliche Poesie widmet.

Wie soll das zu unserem tüchtigen, erfolgreichen, in den 90er Jahren aufstrebenden Geschäftsmann William Shakspere aus Stratford passen?

Hätte er den Earl of Southampton (oder den of Pembroke) solchermaßen bedichtet, hätte er eher darauf hinweisen müssen, dass aufgrund seines niedrigen Standes sein Name den standeshohen Geliebten beschmutzen würde …

Aber wenn „Shakespeare“ kein Pseudonym, sondern ein Klarname ist, lebt er als Autor in der Nachwelt weiter – ganz im Widerspruch zur Aussage der Sonette.

Was machen die Shakespeare-Forscher daraus?

Ach, Shakespeare spielt in den Sonetten doch nur mit der Form des Sonnets, inhaltlich ist das alles nicht ernst gemeint, was er da schreibt.

Wollen uns die Anglisten weismachen, dass die Leser um 1600 bereits wie die Anglisten des 20. und 21. Jahrhunderts postmodern interpretiert haben? Dass sie das Ich nicht für den Autor und Aussagen wie die in diesen (!) Sonetten nicht für wahr genommen haben?

Was ist eine poetische Aussage wie die zwei oben zitierten wert, wenn sie reine Poesie-Spielerei ohne existenzielle bzw. biographische Substanz sind?

– Dazu später mehr.

(Wie gut das alles auf Edward de Vere, Earl of Oxford, passt, zeigt ein anderes Kapitel.)


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