Die Sonette 6: Skandalös

Der Inhalt der Sonette ist – für einen Mann, der auf seine Reputation zu achten hat – höchst problematisch, um nicht zu sagen: skandalös. Insofern können diese Sonette nur unter Pseudonym und nach dem Tod des Autors per Druck der Öffentlichkeit zum Lesen und Genießen gegeben werden.

Da ist erstens der Sodomie-Verdacht.

Es ist natürlich möglich, die Sonette so zu interpretieren, dass die heiße und sinnliche Liebe des Autors zu seinem schönen Jüngling reine platonische Freundschaftsliebe ist; dass sie nie sexuell praktiziert wird.

Aber die Sonette gehen riskant weit … Der Verdacht liegt in der Luft, dass das Verhältnis „sodomitisch“ geworden ist. Jeder Böswillige könnte es behaupten und einige Verse dazu zitieren, wenn der Text gedruckt und unter einem klar identifizierbaren Namen veröffentlicht ist.

Und dann das beinahe schon pornographische Will-Sonett.

Wer (wenn er noch lebt und auf seine Reputation bedacht ist) lässt ein Sonett drucken, in dem er seinen Penis anpreist? Um 1600 herum im allmählich puritanisch werdenden England?

Schließlich die Frage des Ehebruchs.

Shakspere (aus Stratford) war anständig verheiratet. Das Verhältnis zu Ann war vermutlich nicht gut, aber verheiratet ist verheiratet. Will Shakspere mag in London zu Huren gegangen sein und sich eine Mätresse gehalten haben, und in Stratford mag man das gewusst haben – aber öffentlich wird der Mann es immer entschieden ableugnen. Ableugnen müssen. Es gilt den Schein zu wahren!

Und da taucht nun ein Exemplar der Sonette in Stratford auf, und Shakespeare gibt darin öffentlich bekannt, dass er die Ehe gebrochen hat … Und ein quasi sodomitisches Verhältnis gepflegt hat … und er feiert seinen Schwanz …

Skandal in Stratford. Aber kein Shakespeare-Biograph kommt auf die Idee, sich bezüglich des Jahres 1609 zu fragen, was denn der Druck dieser Sonette für die Reputation des Geschäftsmanns und Gentleman in seiner kleinen biederen Heimatstadt bedeutet haben könnte.

Mehr dazu auf den folgenden Seiten!

Wir kennen diese Ausrede der Stratfordianer: Die Sonette waren nur Poesie-Spielerei. Sind inhaltlich bzw. biographisch nicht beim Wort und nicht ernst zu nehmen. Das werden die Zeitgenossen anders gesehen haben …

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