Die Sonette 7: Sodomie-Verdacht

Es ist natürlich möglich, die Sonette so zu interpretieren, dass die heiße und sinnliche Liebe des Autors zu seinem schönen Jüngling reine platonische Freundschaftsliebe ist; dass sie nie sexuell praktiziert wird.

Aber die Sonette gehen riskant weit … Der Verdacht liegt in der Luft, dass das Verhältnis „sodomitisch“ geworden ist. Jeder Böswillige könnte es behaupten und einige Verse dazu zitieren, wenn der Text gedruckt und unter einem klar identifizierbaren Namen veröffentlicht ist.

Könnte man die Sonette 18-126 auch als homosexuelle Bekenntnisse eines bi-sexuellen Mannes lesen?

Vom Text her steht beiden Interpretationen nichts Entscheidendes entgegen.

Es gibt allerdings ein gutes Argument dagegen. Ich finde es in dem Buch von Alan Bray: Homoxexualität in Renaissance England. London 1982.

Einerseits verurteilen damals ALLE (die Autoritäten ebenso wie die Bürger) Homosexualität als etwas geradezu Apokalyptisch-Böses, gegen die Natur und gegen Gott gerichtet.

Und man findet diese schrecklichsten aller schrecklichen Sünden, dieses Sodom & Gomorrah, immer wieder bei denen von außerhalb Englands – den Papisten, den Russen, den Franzosen, den Italienern etc.

Aber in England selbst – nun, da übersieht man homosexuelle Verhaltensweisen großzügig. Die Herren dürfen ihre Diener durchaus homosexuell gebrauchen, jedenfalls, solange die Sache nicht direkt gewalttätig und allzu öffentlich wird. AIm übrigen ist es besser, die unverheirateten jüngen Männer vergnügen sich sexuell mit anderen jungen Männern, als dass sie die Unschuld der Mädchen und Frauen gefährden. (Es dauert damals sehr lange, bis die jungen Männer sich genug Mittel geschaffen haben, um einen Ehestand mit Haushalt finanzieren zu können. Sie sind oft älter als 30 bis dahin – so lange wartet der Trieb nicht.)

Also – schaut man weg. Oder definiert homosexuelle Berührung und Stimulierung als noch nicht homosexuell – es ist noch nicht Sodomie und buggery, sondern noch „rein„.

Freundschaftsliebe zwischen Männern gab es früher als Idealfall, der der Liebe zu Frauen übergeordnet wurde und nicht im Widerspruch zu Ehe und ehelicher Liebe oder sexuell praktizierter Liebe zu Frauen auch außerhalb der Ehe gesehen wurde.

Außerdem: Der Übergang von der durchaus heißen, unbedingten, aber „platonisch“ bleibenden Liebe zwischen Männern und der ‚“sodomitischen“ Grenzüberschreitung dürfte fließend gewesen sein.

Worauf es unbedingt ankam, war: den Schein zu wahren.

Denn bekannt werdende Sodomie war ein Verbrechen, das mit dem Tod geahndet wurde.

(Es gab dazu auffallend wenig Fälle in Shakespeares Zeitalter. Eine Ausnahme könnte auch die sexuell praktizierte Liebe des Königs Jakob I. zu seinem „Buckingham“ darstellen. War sie nicht öffentlich bekannt?)

Ich vergleiche die hier vorliegende Ambivalenz mit dem Umgang der katholischen Kirche mit der Homosexualität der Geistlichen (bis vor kurzer Zeit). Alle predigen in den schärfsten Tönen gegen die Homosexualität, aber alle ahnen und viele wissen zugleich, dass homosexuelle Praktiken von Geistlichen keineswegs eine Ausnahme sind. Solange das unter der Decke bleibt, schaut man institutionell weg und leugnet man es, falls es mal jemand öffentlich zu machen versucht.

Das ist der für meine Argumentation entscheidende Punkt: Es darf nicht öffentlich werden. Ein Priester darf nicht öffentlich sagen: Ja, ich bin homoxeuell und handle danach.

Macht der Autor der Sonette nicht eben dies – durch die Veröffentlichung, nicht durch das Verfassen und Verbreiten im kleinen (aristokratischen?) Kreis? Jedenfalls beinahe?

Solange die Sonette im kleinen, halbwegs intimen Kreis zirkulieren und außerdem ohne Namen oder unter Pseudonym, bleibt die Sache versteckt, halb-provat.

Aber nun werden die Sonettte gedruckt. Nun ist die Sache im scharfen Licht der Öffentlichkeit. Wehe dem Autor, wenn er noch lebt und eindeutig identifizierbar ist!

Es war als – meiner Vermutung nach – zu riskant, unter Klarnamen die Sonette 18-126 drucken zu lassen und damit das grenzwertige Verhältnis öffentlich bekannt zu machen.

Wieder richte ich meine Frage an die Anglisten: Müsste man diesen Vorgang nicht einmal wissenschaftlich untersuchen? Wie hätten die Engländer und speziell die Stratforder auf diese sodomie-verdächtigen Sonette reagiert?


Fortsetzung: Das Will-Sonett

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