Die Sonette 8: Das Will-Sonett 135

Manch einer wünscht sich’s – du hast deinen Will, und noch mehr Will, und Will im Übermaß. Mehr als genug bin ich, der immerfort dir zusetzt und deinem süßen Willen einen draufsetzt.

Willst du – dein Wille ist so groß, geräumig – nicht einmal meinen Willen in deinem sich verstecken lassen? Soll nur in anderender Wille attraktiv erscheinen und meinem Willen kein Gewähren winken?

Aufs Meer, aufs Wasser, immer regnet Regen, der mehrt den Schatz im Überfluss. Und du, so reich an Will, mehr deinen Will durch meinen Willen, daß er, dein großer Will, noch größer wird.

Laß keine Ungunst – nein! – faire Bewerber töten. Denk alle nur in einem, und mich als diesen Einen Will.

Sonette, übersetzt von Klaus Reichert

Hoch-artifizelle Pornographie.

Wer (wenn er noch lebt und auf seine Reputation bedacht ist) lässt ein Sonett drucken, in dem er seinen Penis anpreist? Um 1600 herum im allmählich puritanisch werdenden England?

Der Ehebruch (falls es sich beim Autor um den Geschäftsmann aus Stratford handelt) ist in diesem Sonett noch nicht vollzogen, aber angestrebt und wird in einem späteren triumphierend gemeldet.

Und „Will“ steht erkennbar auch für den Penis.

Ein Villon zum Beispiel kann so etwas öffentlich vortragen oder zum Druck freigeben. Aber ein auf Seriosität und Reputation achtender Honoratior der Kleinstadt Stratford?

Gewiss kann er in London fremdgehen. Das dürfen die Stratforder wohl auch unter der Hand wissen. Aber man macht das nicht öffentlich, damals.


Share

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *