Die Sonette 9: Ehebruch mit der Dark Lady?

Ich gehe die Dark Lady Sonette durch (und folge insoweit H. Hammerschmidt-Hummel):

Sonett 133: Das Dreiecksverhältnis Shakespeare – schöner Jüngling – Dark Lady bahnt sich an.

Sonett 134: Es wird bestätigt.

Sonett 135: Das Will-Sonett – Shakespeare wirbt um die Dark Lady.

Sonett 136: Shakespeare („Will“) wirbt weiter.

Wenn deine Seele rügt, daß ich so nahe komme, schwör deiner blinden Seele, daß ich war dein Will, und Wille, weiß die Seele, wird da eingelassen. So weit erfüll, verliebt, mein Liebeswerben reizend.

Will will vollfüllen das Schatzhaus deiner Liebe, ja, voll es füllen mit Willen, und mein Wille: einer. In Dingen großer Fülle zeigben wir mit eins: Eins, einmal, wird wie keins gezählt.

Dann lass mich bei der Zahl doch ungezählt passieren, muß ich in deines Ladens Liste zwar auch einer sein. Halt mich für nichts, wenn dir’s gefällt, dies Nichts, dies Mich, für dich als reizend zu behalten.

Ja, mach zu deiner Liebe meinen Namen, lieb den still – dann liebst du mich, heiß ich doch Will.

Sonette, übersetzt von Klaus Reichert

Sonett 138: Er hat es geschafft. Er hat mit ihr geschlafen. Sie ist nun seine Geliebte. „I lie with her and she with me.“ Aber glücklich ist er dabei nicht – die Lady betrügt ihn.

Sonett 139: Heftige Auseinandersetzung mit der Geliebten. Shakespeare leidet.

Sonett 140: Er warnt die Geliebte. Verachte mich nicht zu sehr! Treib mich nicht zur Verzweiflung und zum Wahnsinn!

Sonett 143: Die Dreiecksbeziehung wird realistisch beschrieben. Der Dichter ist abhängig von dieser Frau und nimmt alles in Kauf.

Sonett 144: Der Dichter fragt sich, ob seine Geliebte auch den schönen Jüngling schon erfolgreich verführt habe. (Das fügt sich nach Sonett 42 ein, in welchem der Dichter beklagt, dass sein Schöner Jüngling eine intime Beziehung begonnen habe.) Ist das Dreiecksverhältnis inzwischen zu einer Zweierbeziehung zwischen Schönem Jüngling und Dark Lady geworden – unter Ausschluss des Dichters?

Sonett 145: Seine Geliebte lässt sich erweichen, wendet sich dem Dichter wieder zu.

Sonett 147: Der Dichter ist ratlos und verliert die Kontrolle über sich.

Sonett 149: Die Dark Lady hat dem Dichter vorgeworfen, er liebe sie nicht. Das weist er nun heftig zurück.

Sonett 150: Die Dark Lady ist verlogen und promiskuitiv – und dennoch liebt er sie. Und um so mehr.

Sonett 152: Schroff, wütend, gnadenlos verdammt der Dichter seine Dark Lady. – Es ist das Ende.


Zunächst also wirbt er, auch ziemlich pornographisch im Will-Sonett, dann erfolgt der Ehebruch (wenn es sich beim Autor um den verheirateten Mann aus Stratford handelt) – allerdings mit zunehmender Frustration des Autors, denn die dunkle Dame ist promiskuitiv und findet den schon recht alten Mann wohl nur noch mäßig attraktiv. Am Ende bricht er mit ihr.

Immer wieder beschreibt sich der Autor als alten Mann. Wann etwa wurden diese Dark-Lady-Sonette geschrieben? In den frühen 1590ern? Da war der Geschäftsmann aus Stratford noch seinen 20ern … Auch in den Sonetten an den Schönen Jüngling bezeichnet sich der Autor immer wieder als schon ziemlich alt. (Oxford war da in seinen 40ern – für damals also durchaus alt.)

Sonette sind Liebesgedichte, gerichtet an eine ideale Geliebte. Ideal nicht mehr bei Shakespeare. Die Dark Lady ist schlimm. Und Shakespeares Obsession hat nicht die Rechtfertigung, ein ideales Wesen zu verehren.

Dieser Verstoß gegen die Regeln des Sonetts wird dann wohl zu interpretieren sein als ein Reflex realen (biographischen) Lebens.

Shakspere (aus Stratford) war „anständig“ verheiratet. Das Verhältnis zu Anne war vermutlich nicht gut, aber verheiratet ist verheiratet. Will Shakspere mag in London zu Huren gegangen sein oder sich eine Mätresse gehalten haben, und in Stratford mag man das gewusst haben – aber öffentlich wird der Mann es immer entschieden ableugnen. Ableugnen müssen. Es gilt den Schein zu wahren!


1602 schreibt der Jurastudent John Manningham in seinem Tagebuch eine Anekdote über zwei Schauspieler nieder. Shakespeare hat mitbekommen, dass Kollege Burbage sich mit einer attraktiven Dame verabredet hat – und kommt ihm zuvor. Er „war schon bei der Sache, bevor Burbage kam. Als man die Nachricht brachte, Richard III. sei an der Tür, ließ Shakespeare ausrichten, Wilhelm der Eroberer käme vor Richard III.“ (zit. nach Posener, S. 36)

Manningham fügt noch hinzu: Shakespeares Name: William.

Ein Fall von Ehebruch. Aber nicht öffentlich, und nur eine Klatschgeschichte. Eine, die William Shakespeare jederzeit und mit einem Augenzwinkern in Stratford abstreiten kann, um seinen Ruf als anständiger Bürger zu wahren, während er gleichzeitig den virilen Mann durchscheinen lässt.


Quellen:

Reicherts Prosaübersetzung der Sonette

Hildegard Hammerschmidt-Hummel: Das Geheimnis um Shakespeares ‚Dark Lady‘. Darmstadt 1999

(Ich folge ihrer Theorie nicht, dass die Dark Lady Elizabeth Vernon, verheiratete Southampton, und ihre Tochter Penelope Shakespeares Kind war. Das Buch bringt immerhin eine spannende und interessante Beweisführung. Das „anonyme Sonett“ zum Portrait der Persian Lady könnte tatsächlich von Shakespeare stammen. Muss aber nicht.)


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