Contra 8: Die Sonette

Hier kommt unser stärkstes Argument. 1609, als die Sonette gedruckt veröffentlicht wurden, war der Autor, wer immer es gewesen sein mag, tot – der Name Shakespeare ist damit als Pseudonym bewiesen.

Geschrieben wurden die Sonette etwa ab 1590 oder etwas davor, in der kurzen Zeit der Sonett-Mode; die letzten entstehen wohl um 1603/1604. Sie haben zunächst nur handschriftlich im kleinen, einigermaßen intimen Kreis kursiert. 1609 hat der Verleger Thomas Thorpe sie wohl vollständig und stringent gereiht (und sicher ohne Wissen und Willen und Beteiligung des Autors, auch nicht sonderlich sorgfältig) gedruckt.

In der Widmung informiert der Herausgeber die Käufer und Leser: Der Autor, our everliving poet, ist bereits verstorben. ever-living bedeutet damals im gegebenen Kontext: Der Tote lebt unter uns weiter. Der Autor ist nicht mehr verfügbar, darum muss der Herausgeber die Widmung verfassen. (Warum hätte sie der noch lebende William Shakspere nicht schreiben sollen?) – Wir haben hier möglicherweise den definitiven Beweis, dass Shakespeare der Autor nicht Shakespeare aus Stratford war.

Welche Erklärungen bieten uns Stratfordianer dazu an? – Die meisten keine. Katherine Duncan-Jones zum Beispiel, die die Sonette für die renommierte Arden-Ausgabe einleitet und kommentiert, sagt NICHTS dazu. Einfach nichts. (Warum? Wo sie doch sonst ALLES kommentiert?) So machen es auch alle Biographen. Sie übergehen das Problem. Das Problem existiert nicht (für sie).

(Andere finden Erklärungen, die, wenn man sie überhaupt versteht, einfach nur bescheuert sind. Mehr dazu auf der ever-living-Seite!)

Was versteht ein Käufer im Jahr 1609, wenn er die Widmung liest?

(1) Nicht der Autor der Sonette schreibt die Widmung, sondern der Herausgeber. Also ist der Autor der Sonette nicht verfügbar.

(2) Der, dem die Sonette gewidmet werden, wird nicht erkennbar kodiert.

(3) Es ist aber der – ebenfalls nicht mit Namen genannte „fair youth“ der Sonette.

(4) Der Autor der Sonette ist „ever-living“ – also bereits verstorben.

(5) Shake-speare, der Autor, ist uns nicht bekannt – der Name ist das Pseudonym eines Verstorbenen.

Das wäre ein gradliniges Verständnis der Widmung. Für die Stratfordianer aber unmöglich. Denn für sie steht VON VORNE HEREIN fest, dass dieser Shake-speare hier William Shakespeare aus Stratford-upon-Avon ist, und ist 1609 noch quicklebendig und in London zugange.


Nachtrag: Dr. Gerold Wagner, bei dem ich bezüglich der Sonette nachgefragt habe, verweist auf ein weiteres Indiz. Würde zum Beispiel Friedrich Schiller eine Ausgabe seiner Gedichte mit dem Titel herausgeben: Schillers Gedichte – ? Es würde heißen: Gedichte. Von Friedrich Schiller. Oder Friedrich Schiller: Gedichte. So war das natürlich auch zu Shakespeares Zeiten. Die Sonette als Shake-speare’s Sonnets zu veröffentlichen, beweist schon für sich, dass Shake-speare ein Pseudonym sein muss.


Wir können außerdem fragen, wie es einem commoner wie Shakspere aus Stratford möglich gewesen sein soll, in einem so vertraulichen, sogar kritischen Ton mit einem Hochadeligen, also etwa dem Earl of Southampton reden. (Läge es nicht nahe, diejenigen, die das behaupten, würden uns dies einmal kulturgeschichtlich erklären? Wär doch eine spannende Sache, oder? Es würde unser kulturgeschichtliches Wissen über diese Epoche auf den Kopf stellen.)


Die Stratfordianer haben aber noch ein weiteres Problem mit den Sonetten. Der Text in seinem Inhalt, seinen autobiographischen Informationen und seinem Ton entschieden der Biographie von William Shakspere in den 90er Jahren. (Darüber mehr auf einer anderen Seite .)

Das zwingt die Stratfordianer zu einer Verzweiflungsmaßnahme: Biographie und Poesie hängen – zumindest bei Shakespeare – angeblich nicht zusammen. Bei den Sonetten handelt ist sich um Sonett-Spielerei. Shakespeare spielt Sonett-Theater.

Wären sie offen und ehrlich, würden sie das auch offen und ehrlich zugeben – und uns die Punkte nennen, die es unmöglich machen, die Sonette Shakespeares auf das Leben Shaksperes zu beziehen. Und uns dann vor die Alternative stellen:

ENTWEDER ist es Sonett-Theater, Sonett-Spielerei –

ODER der Stratforder Shakspere hat die Sonette nicht geschrieben; Shakespeare ist das Pseudonym für einen anderen.

Kennen Sie einen Autor (seit Dante), bei dem die Biographen Leben und Werk konsequent trennen und das Werk als Literaturspielerei ohne biographischen Bezug interpretieren?

Warum sollte der Autor, der im Sonett „ich“ sagt, nicht sich selbst meinen? – Die Stratfordianer haben dafür nur einen Grund: Die Sonette würden dann autobiographische Hinweise enthalten, die mit dem Leben unseres Shaksperes aus Stratford nicht vereinbar wären.


Es gibt einen weiteren Grund für die Annahme, dass Shakespeare im Fall der Sonette ein Pseudonym sein MUSS: Die Dark-Lady-Sonette waren damals nicht unter Klarnamen veröffentlichbar. Sie hätten in Stratford William Shakspere als Pornographen und vor allem als Ehebrecher bloßgestellt und vors lokale Kirchengericht gebracht.


Anmerkungen

Vorsicht Baustelle! – Ich habe diese Sonett-Seiten zunächst einmal heruntergechrieben, nachdem ich – verärgert – Paul Edmondson and Stanley Wells, Shakespeare’s Sonnets, Oxford 2004 gelesen habe. Was ich hier schreibe, richtet sich zum Teilgegen dieses Buch. Nach und nach überarbeite ich nun diese Seiten.

Die Sonette selbst habe ich im Original gelesen sowie in der deutschen Prosaübersetzung von Klaus Reichert (fi 90629)und in der Vers-Übersetzung von Christa Schuenke (dtv 12491).

Besonders interessiert mich dabei der kulturhistorische Hintergrund der Rezeption von Sonetten wie denen von Shakespeare. Wie haben die Zeitgenossen diese befremdlichen, von der Tradition abweichenden Sonette gelesen? Wie haben sie darauf reagiert?


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1 thought on “Contra 8: Die Sonette”

  1. Ergänzen kann man hier: ist überhaupt vorstellbar, dass der Autor, also Shakespeare bei den Sonetten je an eine Veröffentlichung gedacht? Oder sind das nicht ganz persönliche Stücke an die handelnden Personen gerichtet? Die Veröffentlichung ist also eine art Raubdruck. Wie haben die Zeitgenossen das gelesen oder gesehen, war nicht von vorn herein klar, dass es sich nur um ein Pseudonym handeln kann? Also undenkbar, das ein Autor unter Klarnamen sowas veröffentlicht. Und ein Raubdrucker wohl erst recht, weil er ja sonst mit Gegenmaßnamen des Autors rechnen musste. Es sei denn der war tot, aber dann standen die Erben für ihn ein.

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