Dr. John Ward über Shakspere

1662 wurde er Vikar (Pfarrer) in Stratford-upon-Avon. Er schrieb Tagebuch – 16 Bände sind erhalten. In seiner Amtszeit lebte noch Elizabeth Barnard, die Enkeltochter Shaksperes, die als Kind auch etwas vom Großvater geerbt hat, wie uns dessen Testament verrät.

Vier Bemerkungen über Shakspere/Shakespeare gibt es in diesem umfangreichen Tagebuch.

Er ermahnt sich, bei Amtsantritt

Shakespeares Stücke durchzulesen und sich mit ihnen vertraut zu machen und sich mit ihnen vertraut zu machen, auf daß ich in dieser Sache nicht unwissend sei.

zit. bei Klier, S. 90

Die zweite Bemerkung:

Ich habe gehört, Mr. Shakespeare habe Mutterwitz besessen, aber nicht die geringste Kunst; er besuchte das Theater seine ganze Jugend lang, verbrachte aber seinen Lebensabend in Stratford: und versorgte die Bühne mit zwei Stücken pro Jahr, und bekam dafür eine so hohe jährliche Zuwendung, daß er an die tausend Pfund im Jahr ausgeben konnte.

dito

Die dritte Bemerkung im Tagebuch:

Shakespeare, Drayton und Ben Jonson hatten eine so frohe Zusammenkunft, und es scheint, daß sie zu tüchtig soffen, denn Shakespeare starb an einem Fieber, das er sich dort geholt hatte.

dito

Die vierte:

Shakespeare habe drei (!) Töchter gehabt. Er hatte zwei; Oxford hatte drei, Susanna und Judith, den Namen habe er nicht erfahren.

Was ist davon zu halten?

Die Leute in Stratford denken also zu dieser Zeit, zwei und mehr Generationen nach dem Tod des Mannes, er sei Theaterautor gewesen. Die Restauration hat inzwischen eingesetzt, die Puritaner sind auf dem Rückzug, Theater darf wieder gespielt werden, ist nicht mehr als Sünde und Christenverführung zum Laster verpönt.

Vikar Ward hätte sich bei seiner Nachbarin Elizabeth Barnard näher erkundigen können über deren Großvater, was er aber, so scheint es, nicht gemacht hat. So wichtig war das also nicht, das mit den Leistungen und mit der Bedeutung des später einmal vergöttlichten Barden. Das kommt erst im 18. Jahrhundert.

Mutterwitz, aber keine Kunst soll der Meister besessen haben – nun, wie käme jemand, der das Werk kennt, auf die Einschätzung, darin verrate sich keine Kunst? Offensichtlich meinen die Alten, die noch Erinnerung an den Verstorbenen haben, der habe eben zwar Mutterwitz gezeigt, aber nichts Künstlerisches, nichts, was man bei einem Künstler vermuten würde. (Was man dem Testament unmittelbar entnehmen kann. Und seinem Freundeskreis in Stratford auch.)

Das mit den 1000 Pfund Zuwendung pro Jahr ist besonders interessant. Fürs Stückeschreiben hat man in Shakespeares Zeit wenig bekommen, nach 1600 wenig mehr als 10 Pfund. Macht bei zwei Stücken pro Jahr maximal 30 Pfund. Wie kommt Ward (bzw. die Person, die ihm den Bären aufbindet), auf 1000 Pfund? Das wär ja fast eine Million nach heutiger Rechnung. – Der Earl of Oxford hat in der Tat pro Jahr 1000 Pfund Zuwendung erhalten … Irgend jemand in Stratford muss das mit den 1000 Pfund pro Jahr gehört haben und auf den Mann aus Stratford bezogen haben …

Die letzte Bemerkung ist nicht weniger seltsam. Drayton hat nicht gesoffen, Ben Jonson und Master Shakespeare vielleicht schon. Es ist sonst nicht bekannt, dass Ben Jonson oder Michael Drayton persönlich mit Shakspere viel zu tun hatten. Wo hätte die Säuferei stattgefunden? In London? In Stratford? Starb Shakspere an einem Fieber? Kriegt man vom Saufen Fieber?

Etwa in der selben Zeit schreibt Samuel Pepys sein berühmtes Tagebuch, 1660-69. In diesen zehn Jahren erwähnt der eifrige Theaterbesucher immerhin 38 Aufführungen von Shakespeare-Stücken, aber den Namen Shakespeare nennt er dabei nur ein einziges Mal. Der Name sagt ihm also nicht viel.

Um 1680 sammelt John Aubrey Informationen über Shakespeare, den Autor, den er für den Mann aus Stratford hält. Darüber eine eigene Seite!

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