First Folio: Earl of Southampton

Warum enthält das First Folio nicht diejenigen Werke, für die Shakespeare seinerzeit besonders verehrt wurde?

Die beiden Versepen, Venus and Adonis sowie The Rape of Lucrece.

Sowie die Sonette, die (so scheint es) schon lange nicht mehr zu kaufen waren.

Theaterstücke haben zwar bis 1623 an Prestige hinzugewonnen. Ben Jonson konnte es riskieren, seine Dramen 1616 in einer teuren Werkausgabe zu veröffentlichen. Er hat dafür aber auch einigen Spott geerntet. Nachwievor genoss Lyrik einen weitaus höheren Kunstrang. Als Dichter musste man Lyrik liefern, um volle Anerkennung zu erreichen.

Die Lyrik fehlt im First Folio. Ein Manko, sowohl für die Ehre des Künstlers als für den Folio-Verkauf.

Es liegt nahe, den Einfluss von Henry Wriothesley, 3rd Earl of Southampton, dafür verantwortlich zu machen.

Beide Versepen enthalten eine Widmung an ihn. Die Sonette zeigen ihn uns als homoerotisch angehimmelten, eher femininen Schönling.

Damit wollte der inzwischen mächtige, angesehene, kriegerisch aktive Earl nichts mehr zu tun haben. Die heiße Beziehung zum Earl of Oxford war für ihn eine Jugend-Sünde. Gras sollte über sie wachsen.

Pembroke und Montgomery, die mutmaßlichen Betreiber des First-Folio-Projekts, haben darauf Rücksicht nehmen müssen.

Es musste sichergestellt werden, dass der wahre Autor des Werkes nicht offensichtlich wurde. (Durch geschickte Andeutungen für Eingeweihte sollte aber erkennbar bleiben, dass dann doch nicht der obskure Geschäftsmann und ehemalige Schauspieler aus Stratford der Autor des mit einer Folioausgabe gewürdigten Werks war.)

So hat man also dem toten William Shakspere of Stratford-upon-Avon die in der puritanischen Kleinstadt wohl eher berüchtigten als berühmten Werke angehängt. Die puritanische Familie Shakspere-Hall wird darüber kaum glücklich gewesen sein.


Nun, dies ist eine Theorie. Beweisen können wir sie nicht. Sie ist allerdings angesichts der Faktenlage plausibel – und ich sehe keine bessere.

Was spräche gegen sie?

Der Earl of Southampton ist im Jahr darauf im Kriegseinsatz an einer Krankheit gestorben.

Die am ehrenvollen Schwindel Beteiligten (Pembroke, Montgomery, Ben Jonson) haben beschlossen, bei der für alle bequemen Täuschung zu bleiben.

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